Betäubung bei der Ferkelkastration: den idealen Wirkstoff gibt es nicht

(15.07.2016) Die chirurgische Kastration von Ferkeln ist ein schmerzhafter operativer Eingriff. Im aktuellen Open Access Beitrag in Der Praktische Tierarzt nimmt die Initiative tiermedizinische Schmerztherapie (ITIS) Stellung zur Frage der Betäubung bei dieser Operation.

Ausreichend gehemmt werden die Schmerzen nur durch Wirkstoffe, welche auch die Wahrnehmungsfähigkeit beeinträchtigen.

Männliche Ferkel werden routinemäßig kastriert, um das Risiko für Schweinefleisch mit unangenehmem Ebergeruch zu senken. Ohne Schmerzhemmung ist eine chirurgische Kastration von Ferkeln in Deutschland seit 2013 nicht mehr zulässig, ab 2019 darf der Eingriff hierzulande auch nicht mehr ohne Betäubung durchgeführt werden.

Der Praktische Tierarzt Aber ist die chirurgische Kastration mit Betäubung wirklich eine praxistaugliche Alternative? Werden Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit über die Schmerzausschaltung hinaus beeinträchtigt, ist eine Betäubung auch beim Ferkel nach dem Deutschen Tierschutzgesetz ganz klar Aufgabe eines Tierarztes.

Die Ferkelkastration wird in der Praxis aber durch den Landwirt und seine Angestellten selbst durchgeführt. Damit das weiterhin möglich wäre, würde für die Betäubung ein Wirkstoff gebraucht, der während und nach der Operation eine effektive Schmerzausschaltung gewährleistet, die Wahrnehmungsfähigkeit der Tiere aber nicht beeinträchtigt. Ein solcher Wirkstoff existiert nicht, so Dr. Susanne Zöls, Fachtierärztin für Schweine an der Klinik für Schweine und Prof. Dr. Heidrun Potschka, Lehrstuhlinhaberin des Instituts für Pharmakologie, Toxikologie und Pharmazie der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, die Autorinnen der Stellungnahme.

Es gibt ihrer Ansicht nach derzeit auch keine wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass es möglich sein könnte, einen derartigen Wirkstoff zu entwickeln.

Eine Betäubung durch den Landwirt ist daher momentan rein rechtlich nicht möglich. Darüber hinaus geht ein Eingriff in das Nervensystem immer mit einem Risiko einher und sollte grundsätzlich in der Hand eines Tierarztes liegen. Andere Alternativen zur betäubungslosen Kastration wie die Immunokastration oder die Ebermast und Schlachtung vor der Geschlechtsreife müssen in Betracht gezogen werden.

ITIS ist ein Fachgremium, besetzt mit führenden Spezialisten für veterinärmedizinische Schmerztherapie. Die Experten rund um die Professorinnen Michaele Alef, Sabine Kästner, Heidrun Potschka und Sabine Tacke setzen sich für ein optimales Schmerzmanagement bei Haus- und Nutztieren ein. Im Jahr 2016 wird ITIS unterstützt von Bayer HealthCare, Boehringer Ingelheim, CP-Pharma, Elanco, Merial, Royal Canin, Vétoquinol und Zoetis. Die Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG ist ein Partner der Initiative tiermedizinische Schmerztherapie.

i-tis.de bietet aktuelle Informationen rund um die Schmerztherapie bei Tieren. Tierärzten stehen im Passwort-geschützten Bereich unter anderem die „Empfehlungen für die Schmerztherapie beim Kleintier“, Tabellen mit Wirkstoffen und Dosierungen für die Schmerztherapie bei Pferd, Klein- und Heimtier sowie Merkblätter für Tierhalter kostenfrei zur Verfügung.


Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

TVT

TVT: Thema Ferkelkastration zeigt langjähriges Versagen der Bundesregierung beim Staatsziel Tierschutz

Schon 2014 wurde im Tierschutzgesetz festgelegt, dass die betäubungslose Kastration männlicher Ferkel ab 2019 nicht mehr zulässig ist
Weiterlesen

WDT

Der richtige Weg für die Ferkelkastration!

Erstmalig steht nun ein auch für Schweine zugelassenes Isofluran zur Verfügung
Weiterlesen

Dr. Johanna Mörlein; Bildquelle: Sonja Mehner

Forscherteam mit Göttinger Beteiligung untersucht Verarbeitungsmöglichkeiten für Eberfleisch

Das Verarbeiten von Fleisch männlicher unkastrierter Schweine ist eine Herausforderung, da sich vermehrt geschlechtsspezifische Geruchsstoffe im Fett anreichern können
Weiterlesen

TVT

TVT und PROVIEH e.V. lehnen die Durchführung der Isofluran-Narkose bei der Ferkelkastration durch Landwirte ab

Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) und PROVIEH e.V. lehnen den Referenten-Entwurf einer Verordnung zur Durchführung der Narkose mit Isofluran bei der Ferkelkastration durch Landwirte bzw. sachkundige Personen ab
Weiterlesen

FoodNetCenter Universität Bonn

Umfrage der Universität Bonn zur Ferkelkastration

Bitte unterstützen Sie die Kollegen: Wie steht es um den Wissens- und Qualifikationsbedarf bezogen auf Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration?
Weiterlesen

Universität Hohenheim

Die Zukunft der Eber: Universität Hohenheim lädt zur Diskussion über Ferkelkastration

Es ist ein heißes Eisen: Vor fünf Jahren beschloss die Bundesregierung, das schmerzhafte, betäubungslose Kastrieren männlicher Ferkel zum Ende dieses Jahres zu verbieten
Weiterlesen

SuSI: "Sustainability in Pork Production with Immunocastration"

Statt chirurgischer Ferkelkastration: Impfung gegen Ebergeruch ist tierfreundlichste Alternative

Die Universität Hohenheim untersucht Alternativen zur bisher üblichen, schmerzhaften Ferkelkastration ohne Betäubung: Ein Plädoyer für die Immunokastration
Weiterlesen

Bundestierärztekammer

Experte: Die betäubungslose Ferkelkastration ist verfassungswidrig

Beim Fachgespräch im Bundestag am 10.10.2018, das von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen organisiert wurde, gab es eine erhellende Erkenntnis
Weiterlesen