Gendefekt erhöht Risiko für Reizdarmsyndrom

(15.12.2016) Neue Forschungsergebnisse zur häufigsten Erkrankung des Magen-Darm-Traktes

Die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) und das schwedische Karolinska-Institut fanden in einem großen Kooperationsprojekt mit 30 internationalen wissenschaftlichen Einrichtungen die genetischen Ursachen für das Reizdarmsyndrom.

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) Die Erkrankung betrifft etwa zehn Prozent der westlichen Bevölkerung und ist die häufigste Erkrankung des Magen-Darm-Traktes.

Die neuen Erkenntnisse veröffentlichten die Forscher jüngst im wissenschaftlichen Journal „GUT“.

Wodurch das Reizdarmsyndrom hervorgerufen wird, wurde bislang nur vermutet. Ernährung, Infektionen, Immunreaktionen, Stress und Erbdefekte galten zwar bereits als mögliche Einflussfaktoren, konnten bisher aber nicht sicher als Auslöser nachgewiesen werden.

Professor Dr. Hassan Y. Naim vom Institut für Physiologische Chemie der TiHo und Professor Dr. Mauro D’Amato vom Karolinska Institutet in Solna untersuchten gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 30 Einrichtungen in Schweden, Deutschland, den USA, Italien und Spanien Erbmaterial betroffener Personen – und wurden fündig: Ihre Studie zeigt, dass ein bestimmter Gendefekt dazu führt, dass die Betroffenen leicht verdauliche Kohlenhydrate wie Zucker und Stärke nicht verarbeiten können.

Bei Patienten mit Reizdarmsyndrom tritt die Veränderung im Erbgut doppelt so häufig auf wie bei gesunden Menschen.

Eine Mutation ist ein Fehler im Erbmaterial, der dazu führen kann, dass Enzyme gar nicht oder mit abweichender Form und Funktion gebildet werden. Wird die sogenannte Sucrase-Isomaltase, ein Enzym, das im Darm Saccharose (Haushaltszucker) und Stärke spaltet, in ihrer Struktur verändert, kann sie ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen.

„Fällt die Enzymaktivität der Sucrase-Isomaltase deutlich ab, hat das Auswirkungen auf die Kohlenhydratverdauung im Darm, was zu Durchfällen und Bauchschmerzen führen kann.“, erklärt Naim.

Wenn Kohlenhydrate im Dünndarm nicht verdaut werden, kann der Körper sie nicht aufnehmen und sie verbleiben im Darm.

Entweder sie sammeln sich dort und führen zu Verstopfung oder der Körper transportiert Wasser in den Darm, um die Kohlenhydrate zu verdünnen, und der Patient leidet an einem sogenannten osmotischen Durchfall.

Zusätzlich können die angesammelten, unverdauten Kohlenhydrate die Darmflora stören. Bestimmte Bakterien bilden daraufhin vermehrt kurzkettige Fettsäuren und Gase, was zu verstärkten Darmbewegungen und Blähungen führen kann.

Die genannten Symptome, also Verstopfung, Durchfall, Blähungen und Bauchschmerzen, sind die häufigsten Anzeichen für das Reizdarmsyndrom.

Um die Symptome des Reizdarmsyndroms zu verringern oder gar abzuschalten, ist es wichtig, die auslösenden Faktoren zu erkennen.

Denn auch wenn vermutet wurde, dass der Genuss von Kohlenhydraten eine Rolle spielt und Studien zeigten, dass Reizdarmsyndrom in Familien gehäuft vorkommt, so konnten erst durch die Ergebnisse dieser Studie mit 1887 Teilnehmern aus den USA, Italien und Schweden Mutationen, die zur Veränderung der Sucrase-Isomaltase führen, als eine konkrete Ursache benannt werden.

In Zukunft könnte diese Veränderung im Erbmaterial bei Patienten mit Reizdarmsyndrom nachgewiesen und die Therapie daran angepasst werden, indem man beispielsweise die Ernährung umstellt und Enzyme verabreicht.

Publikation

Functional variants in the sucrase-isomaltase gene associate with increased risk of irritable bowel syndrome
Maria Henström, Lena Diekmann, Ferdinando Bonfiglio, Fatemeh Hadizadeh, Eva-Maria Kuech, Maren von Köckritz-Blickwede, Louise B Thingholm, Tenghao Zheng, Ghazaleh Assadi, Claudia Dierks, Martin Heine, Ute Philipp, Ottmar Distl, Mary E Money, Meriem Belheouane, Femke-Anouska Heinsen, Joseph Rafter, Gerardo Nardone, Rosario Cuomo, Paolo Usai-Satta, Francesca Galeazzi, Matteo Neri, Susanna Walter, Magnus Simren, Pontus Karling, Bodil Ohlsson, Peter T Schmidt, Greger Lindberg, Aldona Dlugosz, Lars Agreus, Anna Andreasson, Emeran Mayer, John F Baines, Lars Engstrand, Piero Portincasa, Massimo Bellini, Vincenzo Stanghellini, Giovanni Barbara, Lin Chang, Michael Camilleri, Andre Franke, Hassan Y Naim, Mauro D’Amato
Gut. Published online 21 November 2016. DOI: 10.1136/gutjnl-2016-312456



Weitere Meldungen

Cat Friendly Clinic

Klinik für Kleintiere der TiHo wurde als „Cat Friendly Clinic“ mit dem Gold-Level zertifiziert

Die Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) hat von der „International Society for Feline Medicine“ das Zertifikat „Cat Friendly Clinic 2020 – Gold-Level“ erhalten
Weiterlesen

Umfrage im Rahmen einer Dissertation: Veterinärmedizinische Telemedizin

Umfrage im Rahmen einer Dissertation: Veterinärmedizinische Telemedizin

Im Rahmen einer Dissertation an der TiHo zur aktuellen Thematik „Veterinärmedizinische Telemedizin“ soll festgestellt werden, welche telemedizinischen Anwendungen es bereits gibt und wie die Einstellung sowie die Bereitschaft zur Nutzung durch praktizierende Tierärzte in Deutschland ist
Weiterlesen

TiHo-Präsident Dr. Gerhard Greif, Ministerpräsident Stephan Weil und Wissenschaftsminister Björn Thümler; Bildquelle: Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Ministerpräsident Stephan Weil und Wissenschaftsminister Björn Thümler informieren sich über Coronaforschung an der TiHo

Am 29. April 2020 besuchten Ministerpräsident Stephan Weil und Wissenschaftsminister Björn Thümler das Research Center for Emerging Infections and Zoonoses an der TiHo, um sich über Forschungsprojekte zu SARS-CoV-2 zu informieren.
Weiterlesen

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Tag des Versuchstiers: Schulungsplattform für Alternativmethoden zum Tierversuch online

Auf der Online-Plattform 3R-SMART finden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler detaillierte Videoanleitungen, mit denen sie neue Methoden erlernen können, Tierversuche in der Forschung zu reduzieren
Weiterlesen

Hühner sind kaum in der Lage, den pflanzlich gebundenen Phosphor zu verdauen und scheiden ihn ungenutzt wieder aus.; Bildquelle: TiHo/Hankel

Pflanzlichen Phosphor im Tierfutter nutzbar machen

Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördertes Umweltprojekt der TU Hamburg will heimische Futtermittel stärken
Weiterlesen

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

TiHo-Forscherteam entdeckte im Mittelmeer das Plattentier Polyplacotoma mediterranea

Der Weltverband WoRMS (World Register of Marine Species) wählt jedes Jahr die Top Ten der bemerkenswertesten marinen Neuentdeckungen. Zu den diesjährigen Top Ten gehört das einfach gebaute Plattentier Polyplacotoma mediterranea
Weiterlesen

3D-Ansicht eines Heuschreckenembryos. Der rote Bereich zeigt das zentrale und periphere Nervensystem – dargestellt mit Hilfe der SLOT-Bildgebung und des Segmentierungsalgorithmus. Die Zellkörper der Pionierneuronen befinden sich in den von der Kö Bildquelle: Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Mit Lasertechnik Tierversuche vermeiden

Neue Methode misst die Wirkung entwicklungsneurotoxischer Chemikalien ohne Versuche an Säugetieren
Weiterlesen

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Tagung: Q-Fieber – Prävention und Bekämpfung einer Zoonose

Am Freitag, den 7. Februar 2020, findet unter dem Titel „Gemeinsam sind wir stärker! Q-Fieber – Prävention und Bekämpfung einer Zoonose als gemeinsame Aufgabe von Human- und Veterinärmedizin“ in der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover das Seminar statt.
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen