Kegelrobben fressen Seehunde, Schweinswale – und ihre Artgenossen

(12.01.2021) TiHo-Forschende untersuchten über sechs Jahre das Jagd- und Fressverhalten von Kegelrobben.

Kegelrobben (Halichoerus grypus) sind Deutschlands größte freilebende Raubtiere. Viele Feriengäste kennen das Bild, wenn sie auf Helgoland am Strand oder in anderen Nordseeregionen auf Sandbänken liegen – friedlich nebeneinander oder neben Seehunden.

Erst seit wenigen Jahren ist bekannt, dass sich die großen Raubtiere nicht ausschließlich, wie bisher angenommen, von Fisch und kleinen Meerestieren ernähren, sondern dass sie Jagd auf Seehunde (Phoca vitulina), Schweinswale (Phocoena phocoena) und andere Kegelrobben machen.


Eine Kegelrobbe frisst einen Artgenossen

Forschende des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) untersuchten über sechs Jahre das Jagd- und Fressverhalten der Tiere. Gefördert wurde das jetzt abgeschlossene Projekt vom Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung des Landes Schleswig-Holstein.

Die Ergebnisse

Am heutigen Dienstag veröffentlichen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Scientific Reports ein Teilergebnis ihrer umfangreichen Studie. Darin beschreiben sie die Untersuchungen von Robbenkadavern, die mutmaßlich von Kegelrobben erbeutet wurden. In den vergangenen Jahren hatten sie bereits wiederholt zu dem Thema wissenschaftliche Veröffentlichung herausgegeben.

Ein wesentlicher Teil der jetzt veröffentlichten Arbeit sowie einer Publikation aus dem Oktober 2020, in der die Forschenden den Fokus auf Schweinswale legten, ist ein Katalog mit Wundparametern, die sie an den Robben- und Schweinswal-Kadavern feststellten, sowie ein dazugehöriger Entscheidungsbaum.


Zwei kämpfenden Kegelrobben.

„Mit dem Katalog der Wundparameter sowie dem Entscheidungsbaum ist es nun möglich einzuordnen, ob aufgefundene Robben- oder Schweinswalkadaver von Kegelrobben erbeutet wurden“, erklärt Abbo van Neer, der das Projekt am ITAW betreute und seine Doktorarbeit zu dem Thema verfasste.

In Zusammenarbeit mit dem Research Center for Emerging Infections and Zoonoses der TiHo entwickelten die ITAW-Forschenden zudem eine molekulare Methode, eine sogenannte LAMP-Analyse, mit der sie innerhalb weniger Minuten die DNA von Kegelrobben aber auch von Füchsen in Bisswunden an Schweinswalkadavern nachweisen können – auch vor Ort am Fundort der Tiere.

Das Vorgehen

Ein Großteil der Arbeiten führte van Neer auf Helgoland durch, wo viele Kegelrobben leben. „Dort konnte ich Kegelrobben dabei beobachten, wie sie andere Robben fingen, töteten und bis zu 90 Minuten lang das Fett ihrer Beute Stück für Stück fraßen“, berichtet van Neer.

Ein großer Vorteil solcher Beobachtungen war, dass er die angefressenen Kadaver direkt vom Strand bergen konnte, nachdem der Räuber davon abgelassen hatte. „So wusste ich genau was mit dem Tier vorher passiert war. Diese Kadaver dienten mir als Grundlage, um die von Kegelrobben erzeugten Wundmuster zu charakterisieren.“

In unzähligen Sektionen sammelten die Forschenden weitere Daten und konnten so Kriterien entwickeln, mit denen sie zwischen vom Menschen verursachten Wunden und natürlichen Todesursachen, zu denen auch der Tod durch Kegelrobben zählt, unterscheiden können. Verletzungen durch Schiffspropeller sehen beispielsweise sehr ähnlich aus.

ITAW-Leiterin Professorin Dr. Ursula Siebert erklärt: „Die beiden Verletzungsarten sind leicht zu verwechseln. Das ist ein Grund, weshalb das Fressverhalten von Kegelrobben erst so spät entdeckt wurde: Sowohl in Deutschland als auch in anderen europäischen Nordseestaaten wurde immer davon ausgegangen, dass die charakteristischen Verletzungen von Schiffsprobellern verursacht wurden.“

Im Jahr 2013 wurde erstmals beobachtet, wie eine Kegelrobbe einen Seehund erbeutete und von dem erlegten Tier fraß. Dieses Phänomen war bis dahin völlig unbekannt. Das Ziel des Projektes war die Entwicklung und Etablierung von Methoden, um aufgefundene Kadaver zu untersuchen, sowie eine erste Einschätzung der ökologischen Relevanz des Themas.

„Am Anfang waren wir sehr skeptisch, ob die berichteten Fälle überhaupt stimmen“, erinnert sich van Neer. Über die Jahre vervollständigte sich aber das Bild und heute steht fest, dass Kegelrobben nicht nur Seehunde, sondern auch Schweinswale und andere Kegelrobben jagen und fressen.

Ausblick

Mit den nun veröffentlichten Methoden ist es möglich, das Phänomen standardisiert zu erfassen und die Fälle und Fallzahlen über Ländergrenzen hinweg zu vergleichen.

„Das erlaubt uns, die Effekte dieses Verhaltens auf das Ökosystem zu bewerten. Der ständige Austausch mit den internationalen Kollegen hat schon jetzt gezeigt, dass Kegelrobben dieses Verhalten in allen Regionen, in denen Sie vorkommen, zeigen. Daher müssen wir nun unsere Daten einheitlich aufnehmen, um die Zahlen gut vergleichen zu können“, resümiert van Neer.

Publikationen

van Neer, A., Gross, S., Kesselring, T., Grilo, M., Ludes-Wehrmeister, E., Roncon, G., & Siebert, U. (2021). Assessing seal carcasses potentially subjected to grey seal predation. Scientific Reports, 11, 694 (2021). https://www.nature.com/articles/s41598-020-80737-9

van Neer, A., Gross, S., Kesselring, T., Grilo, M. L., Ludes-Wehrmeister, E., Roncon, G., & Siebert, U. (2020). Assessing harbour porpoise carcasses potentially subjected to grey seal predation. Scientific Reports, 10(1), 16345. https://doi.org/10.1038/s41598-020-73258-y

van Neer, A., Gross, S., Kesselring, T., Wohlsein, P., Leitzen, E., & Siebert, U. (2019). Behavioural and pathological insights into a case of active cannibalism by a grey seal (Halichoerus grypus) on Helgoland, Germany. Journal of Sea Research, 148–149, 12–16. https://doi.org/10.1016/j.seares.2019.03.004

Heers, T., van Neer, A., Becker, A., Gross, S., Hansen, K. A., Siebert, U., & Abdulmawjood, A. (2018). Loop-mediated isothermal amplification (LAMP) as a confirmatory and rapid DNA detection method for grey seal (Halichoerus grypus) predation on harbour porpoises (Phocoena phocoena). Journal of Sea Research, 140(July), 32–39. https://doi.org/10.1016/j.seares.2018.07.008

Heers, T., van Neer, A., Becker, A., Grilo, M. L., Siebert, U., & Abdulmawjood, A. (2017). Loop-mediated isothermal amplification (LAMP) assay—A rapid detection tool for identifying red fox (Vulpes vulpes) DNA in the carcasses of harbour porpoises (Phocoena phocoena). PLOS ONE, 12(9), e0184349. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0184349

Haelters, J., Kerckhof, F., van Neer, A., & Leopold, M. (2015). Letter to the Editor Exposing Grey Seals as Horses and Scientists as Human. Aquatic Mammals, 41(3), 351–353. https://doi.org/10.1578/AM.41.3.2015.351

van Neer, A., Jensen, L. F., & Siebert, U. (2015). Grey seal (Halichoerus grypus) predation on harbour seals (Phoca vitulina) on the island of Helgoland, Germany. Journal of Sea Research, 97, 1–4. https://doi.org/10.1016/j.seares.2014.11.006


Weitere Meldungen

Gruppenfoto der beiden deutschen Flugteams und der Piloten vor dem ersten Flug am Husumer Flughafen; Bildquelle: TiHo

Internationales Forscherteam zählt Schweinswale aus der Luft

Wissenschaftler des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) haben gemeinsam mit dem Institut für Biowissenschaften der Universität Aarhus in Dänemark und dem schwedischen Naturkundemuseum Stockholm in Schweden, Beobachtungsflüge durchgeführt
Weiterlesen

Juveniler Seehund; Bildquelle: Thomas Taupp, BfG

Volkszählung bei den Seehunden in der Tideelbe

Wie viele Seehunde halten sich auf den Wattflächen der Tideelbe auf? Dieser Frage gingen Bundesanstalt für Gewässerkunde-Wissenschaftler nun erstmals nach
Weiterlesen

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Symposium zur Gesundheit von Meeressäugern

Über vier Jahre untersuchte ein internationales Forscherteam an Museumspräparaten und aktuellen Proben, wie sich der Gesundheitszustand mariner Säugetiere über die vergangenen Jahrzehnte veränderte
Weiterlesen

PAL Warngerät; Bildquelle: Boris Culik

Neues Warngerät schützt Schweinswale

Beifangrate reduzieren, Artenvielfalt erhalten und gleichzeitig Wirtschaftlichkeit gewährleisten – das sind wesentliche Aspekte einer nachhaltigen Fischereiwirtschaft
Weiterlesen

Schweinswal mit einem akustischen Datenlogger; Bildquelle: Universität Aarhus

Schiffsverkehr stört Schweinswale bei der Nahrungssuche

Internationales Forscherteam untersuchte das Verhalten von Schweinswalen
Weiterlesen

Schweinswalsichtung Sommer 2016

Online-Karten: Schweinswale und Seevögel in Nord- und Ostsee

Wo in deutschen Meeren kommen Schweinswale vor? Wo waren in den vergangenen Jahren in der Nord- und Ostsee die meisten Seevögel zu beobachten?
Weiterlesen

Zählung aus dem Flugzeug; Bildquelle: Nino Pierantonio

1,5 Millionen Wale, Delphine und Schweinswale im europäischen Atlantik

Internationale Forschergruppe führt Erhebung durch: Die Bestände sind stabil
Weiterlesen

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Erstmals auch in der Ostsee beobachtet: Delfinattacken auf Schweinswale

Deutsche und Dänische Wissenschaftler untersuchten betroffene Tiere
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen