Kommunikation von Breitmaulnashörnern

(08.03.2018) Über die Kommunikation ausgewachsener Breitmaulnashörner (Ceratotherium simum simum) ist nur wenig bekannt.

Studien, die sich mit der Kommunikation ihrer Jungtiere beschäftigen, fehlten bislang ganz. Sabrina Linn aus dem Institut für Zoologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) untersuchte für ihre Doktorarbeit, welche Laute die Jungtiere von Breitmaulnashörnern verwenden.

Die Ergebnisse ihrer Arbeit werden online in dem Fachmagazin PLOS ONE veröffentlicht: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0192166

„Aus früheren Studien sind bereits zehn bis elf Kommunikationslaute bekannt, mit denen erwachsene Breitmaulnashörner sich verständigen“, berichtet Linn. Drei der Laute fand sie auch bei den Jungtieren. Sie heißen Pant (Keuchen), Threat (Drohen) und Snort (Schnauben).


Sabrina Linn mit Kibo im Zoo Augsburg

Bei den Jungtieren fand die Wissenschaftlerin gemeinsam mit Professor Dr. Michael Böer, Zoo Osnabrück, und Dr. Marina Scheumann aus dem Institut für Zoologie der TiHo zudem einen weiteren Laut: Whine (Jammern, Jaulen). Der Laut kann einsilbig auftreten, wird von den Kälbern aber auch in längeren Sequenzen verwendet, unter anderem wenn sie ihr Unbehagen ausdrücken möchten.

„Wir haben die Lautäußerung immer beobachtet, wenn die Jungtiere Hunger oder Durst hatten oder den Sichtkontakt zum Muttertier verloren hatten, also immer, wenn sie die Aufmerksamkeit der Mutter erregen wollten.“

Alle vier Laute sind für den Menschen hörbar. Mit zunehmendem Alter wird der Whine-Ruf immer seltener von den Kälbern verwendet.

Der Threat-Ruf kann sowohl einsilbig als auch mehrsilbig auftreten. Wie bei den ausgewachsenen Tieren drückt der Ruf vermutlich leichte Aggression aus und wird beispielsweise verwendet, um Gruppenmitglieder abzuwehren, die sich nähern.

Im Serengeti-Park teilen sich die Breitmaulnashörner ein Gehege mit Zebras, Dromedaren, Watussirindern, Afrikanischen Straußenvögeln und Antilopen. Auch wenn sich diese Tierarten näherten, stießen die Nashörner die Threat-Rufe als erste Vorwarnung aus.

Der Pant-Ruf ist mehrsilbig und wird von den Nashörnern verwendet, wenn sie sich anderen Gruppenmitgliedern nähern. „Wir gehen davon aus, dass der Pant-Ruf ein Begrüßungslaut ist“, sagt Linn.

Die Funktion des Snort-Lautes, also des Schnaubens, konnten die Forscher bisher nicht eindeutig zuordnen. „Die Breitmaulnashörner geben den Laut von sich, wenn sie fressen, ruhen, sich suhlen oder laufen.

Da bisher keine eindeutige Funktion zugeordnet werden konnte, handelt es sich eventuell einfach nur um ein Schnaufen und ist keine kommunikative Äußerung.“

Linn untersuchte für ihre Arbeit in drei deutschen Zoos acht Jungtiere. Für jeweils ein bis zwei Monate zeichnete sie in den Zoos in Augsburg und in Dortmund sowie im Serengeti-Park Hodenhagen die Laute der Jungtiere auf.

Insgesamt wertete sie für die aktuelle Studie 164 Stunden Audio- und Videomaterial aus. Die Nashörner waren zwischen einem Monat und vier Jahre alt. Damit waren die ältesten Tiere der Studie im jugendlichen Alter.

Die Männchen beginnen mit zehn bis zwölf Jahren, sich fortzupflanzen. Nashornweibchen bekommen mit sechs oder sieben Jahren das erste Mal Nachwuchs. Die Kälber bleiben solange bei der Mutter bis diese ein neues Kalb zur Welt bringt.

Eines der untersuchten Kälber war von seiner Mutter nicht angenommen worden und isoliert von den anderen Tieren von Hand aufgezogen worden. Das Jungtier konnte die anderen Gruppenmitglieder zwar sehen und hören, aber die Kommunikation mit ihren Artgenossen selbst nicht ausprobieren und trainieren. „Wir beobachteten, dass das Tier alle vier Kommunikationslaute einsetzte – und zwar im richtigen Kontext!

Deshalb vermuten wir, dass die Fähigkeit, die Rufe zu verwenden und zu verstehen bei Breitmaulnashörnern zu einem großen Anteil angeboren ist“, sagt Linn. „Die Stichprobe, mit der wir arbeiten konnten, ist natürlich sehr klein, aber sie gibt uns erste Hinweise zur Kommunikation von jungen Breitmaulnashörnern.“



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Das Lautrepertoire der Bonobos ist eine ganze Oktave höher angesiedelt als bei Schimpansen.; Bildquelle: Cédric Girard-Buttoz, LuiKotale, D.R. Kongo

Bonobos: Menschenaffen mit "hohen Tönen"

Wie groß ein Tier oder eine Person ist, kann man in der Regel nicht nur sehen, sondern auch hören, denn mit steigender Körpergröße nimmt die Tonhöhe ab
Weiterlesen

Im Unterschied zu anderen Tierarten behalten männliche Delfine trotz starken sozialen Bindungen ihre individuellen Pfeiflaute bei.; Bildquelle: Simon Allen, Dolphin Innovation Project.

Individuelle «Namen» ermöglichen Delfinen komplexe Beziehungen

Als einzige Tierart behalten männliche Tümmler ihre individuellen «Namen». Ähnlich wie wir Menschen können sie sich damit besser in den komplexen sozialen Netzwerken, in denen Delfine leben, zurechtfinden
Weiterlesen

Schimpansen verwenden wenigstens drei akustisch unterschiedliche Varianten des 'Hu'-Rufes, die jeweils in einem anderen Verhaltenskontext stehen.; Bildquelle: Liran Samuni

Schimpansenrufe unterscheiden sich in Abhängigkeit vom Kontext

Aus welchen Gründen sich verschiedene Tierrufe entwickelten, die unterschiedliche Inhalte transportieren, ist eine wichtige Frage wenn es um die Sprachevolution geht
Weiterlesen

Kolkraben, die an einer Futterstelle auf Probleme stoßen, verwenden eigene Rufe, um weitere Raben herbeizurufen.; Bildquelle: Georgine Szipl

Futter-assoziierte Laute: Was ein "Haa" über eine Futterstelle verrät

Futterrufe von Kolkraben geben Aufschluss über Alter und Geschlecht
Weiterlesen

ETH Zürich

Wie Singvögel einen neuen Gesang lernen

Singvögel sind Minimalisten, wenn es um das Erlernen eines neuen Gesangs geht. Dies konnten Wissenschaftler der ETH Zürich und der Universität Zürich zeigen
Weiterlesen

Mit einer neuen, automatisierten Methode kann der komplexe Gesang von Mäusen zukünftig schneller und fehlerfreier entschlüsselt werden.; Bildquelle: Vetmeduni Vienna

Mit A-MUD Mäusegesang automatisiert und fehlerfreier auf die (Ton-)Spur kommen

Mäuse haben ein bemerkenswertes Tonrepertoire über fünf Oktaven, das sie beliebig anordnen können. Die meisten Tonmuster liegen jedoch im Ultraschallbereich und sind für uns Menschen unhörbar
Weiterlesen

Der Tokeh kann seine Rufe an sich ändernde Umweltbedingungen anpassen kann, wie man es von den komplexen Kommunikationssystemen von Vögeln und Säugetieren kennt; Bildquelle: Henrik Brumm/Max-Planck-Institut für Ornithologie

Geckos kommunizieren überraschend flexibel

Zum ersten Mal wurde bei einem Reptil gezeigt, dass es seine Rufe an sich ändernde Umweltbedingungen anpassen kann, wie man es von den komplexen Kommunikationssystemen von Vögeln und Säugetieren kennt
Weiterlesen

Prof. Dr. Tecumseh Fitch PhD; Bildquelle: Tecumseh Fitch

Sprechende Elefanten und Vögel, die Probleme lösen: was uns Kognitionsbiologie über Tiere und Menschen lehrt

Von 23. bis 25. März 2017 werden rund 1.500 Forscherinnen und Forscher aus mehr als 75 Ländern weltweit im Austria Center Vienna erwartet
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen