Forschung für mehr Tierwohl in der Geflügelhaltung

(18.11.2015) Dr. Maria Flachsbarth übergab am 17. November 2015 auf dem Lehr- und Forschungsgut Ruthe der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover die Zuwendungsbescheide für das Forschungsprojekt „Integhof“, das mit neuen Ansätzen Tierwohl und Tiergesundheit in der Geflügelhaltung verbessern soll.

Das Töten von Eintagsküken, Schnabelkürzen, Antibiotika – die Geflügelhaltung wird an verschiedenen Stellen kritisiert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TiHo haben gemeinsam mit anderen Forschungseinrichtungen ein Konzept erarbeitet, das an mehreren Stellschrauben dreht.


Übergabe der Zuwendungsbescheide: TiHo-Präsident Dr. Gerhard Greif, Professorin Dr. Silke Rautenschelin, PhD, Leiterin Klinik für Geflügel, Dr. Klaus Hollenberg, Rentenbank und Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Für Masthühner und Legehennen werden in der Geflügelhaltung unterschiedliche Zuchtlinien eingesetzt. Masthühner sind darauf gezüchtet, in möglichst kurzer Zeit Gewicht zuzulegen und das Futter möglichst effizient zu verwerten.

Das Zuchtziel bei den Hennen ist eine möglichst gut Legeleistung: Knapp 300 Eier legen sie durchschnittlich pro Jahr. Da die Hähne der Legehennenlinien als Masthähnchen ungeeignet sind und auch keine Eier legen, werden die männlichen Küken bisher kurz nach dem Schlupf aussortiert und getötet. Um diese Praxis zu unterbinden, wird nach Alternativen gesucht.

Eine Möglichkeit wäre, eine Zuchtlinie einzusetzen, die sich eignet, die männlichen Tiere für die Mast und die weiblichen Tiere als Legehennen zu nutzen. Im Integhof-Projekt werden die Wissenschaftler prüfen, ob sich das sogenannte Zweinutzungshuhn als Alternative zu den konventionellen Linien eignet. Dafür vergleichen sie das Zweinutzungshuhn mit der einer Legehennenlinie, deren Tiere vergleichsweise schwer sind.

Dr. Maria Flachsbarth betonte: „Für diesen neuen Hühnertyp sind selbstverständlich auch andere Haltungsbedingungen erforderlich.“ Hier setzt das Intehof-Projekt an. Professorin Dr. Silke Rautenschlein, PhD, Klinik für Geflügel, leitet das Projekt.

Sie erklärt: „Wir werden die beiden Hühnerlinien hinsichtlich einer Vielzahl verschiedener Punkte vergleichen – die Legehennen genau wie die Masthähne.“ Das sind beispielsweise gesundheitliche Parameter, wie die Knochenbeschaffenheit und die Stabilität des Immunsystems, Beobachtungen zum Tierverhalten und zum Tierwohl oder Einflüsse der Fütterung auf die Tiergesundheit und die Leistung.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft fördert das Projekt mit insgesamt 1,8 Millionen Euro. Der vollständige Titel des Projektes lautet: „Geflügelhaltung neu strukturiert: Integration von Mast und Eierproduktion bei Einsatz des Zweinutzungshuhns als Maßnahme zum Tierschutz“.

Rautenschlein erklärt: „Das besondere des Projekts ist der neue Ansatz für die Praxis. Die Idee ist, dass die Masttiere und die Legehennen auf demselben Betrieb gehalten und die Legehennen auf dem Betrieb aufgezogen werden.“

Das Projektkonzept sieht vor, auf dem Lehr- und Forschungsgut der TiHo in Ruthe Legehennen und Hähne des Zweinutzungshuhns und der Vergleichslinie einzustallen. Geplant sind jeweils drei Durchgänge. Im weiteren Verlauf des Projektes ist geplant, etwa 14 Wochen vor Ende der Legeperiode den nächsten Durchgang vorzubereiten und Legehennenküken in einen Aufzuchtstall einzustallen. „Dieses Konzept erspart den Tieren einen Transport und damit Stress“, erklärt Rautenschlein.

Bisher werden die Küken, nachdem sie in der Brüterei geschlüpft sind, in einen Aufzuchtbetrieb gebracht und von dort schließlich zum Landwirt. Der Legehennenstall auf dem Lehr- und Forschungsgut der TiHo wurde für das Projekt extra umgebaut, sodass es zwischen zwei Legeabteilen mit Bodenhaltung jetzt einen Aufzuchtsbereich gibt.

Dort leben die Küken ebenfalls in einer mehretagigen Bodenhaltung. Nach der Aufzucht ziehen sie in die Legeabteile um. Sie haben hier Sitzstangen und Nestflächen sowie einen Scharrbereich. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Tierhygiene der TiHo werden die Hennen zu bestimmten Zeiten filmen, um festzustellen, ob die Stalleinrichtung ihren Bedürfnissen entspricht – ist das nicht so, werden die Angebote angepasst.

Die Schnäbel der Hennen bleiben im Integhof-Projekt ungekürzt. „Wir gehen davon aus, dass das Zweinutzungshuhn weniger zum Federpicken und zum Kannibalismus neigt. Außerdem haben sie in der Haltungsform weniger Stress“, sagt Rautenschlein.

Ein weiteres häufiges Problem bei konventionellen Legehennenlinien sind Brustbeindeformationen und -brüche. Sie treten vor allem in alternativen Systemen mit Sitzstangen auf verschiedenen Ebenen auf.

Solche Schäden sind beim Nutzgeflügel in der Regel multifaktoriell. Nur durch das Zusammenwirken haltungs- und fütterungsbedingter Faktoren mit dem genetischen Potenzial der Tiere, Stress zu kompensieren und Erkrankungen abzuwehren sowie einer guten Hygiene können solche tierschutzrelevanten Probleme vermieden werden.

Die Masthähne werden ebenfalls in Bodenhaltung gehalten – in einem zweigeteilten Stall, sodass die Zweinutzungshühner von Vergleichstieren getrennt sind. Neben Sitzstangen haben die Masthähne Sprungtische und Strohballen.

Da das Zweinutzungshuhn langsamer wächst als Tiere konventioneller Mastlinien, wird die Mastdauer deutlich länger sein. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Tiere 70 Tage gemästet werden. Sie werden dann etwa zwei Kilogramm wiegen.

Herkömmliche Mastlinien werden nach etwa 32 bis 42 Tagen mit etwa 2,5 Kilogramm geschlachtet. Bei konventionellen Mastlinien kann das schnelle Wachstum zu Herzkreislaufproblemen und zu krankhaften Veränderungen der Füße und Beine führen.

„Wir erwarten diese Probleme beim Zweinutzungshuhn nicht“, sagt Rautenschlein. Die Projektpartner gehen außerdem davon aus, dass das Integhof-Konzept für die Tiere weniger Stress bedeutet – für die Legehennen genau wie für die Masthähne.

In Kombination mit entsprechenden Prophylaxestrategien vermuten sie, dass die Hühner gesünder sind und weniger oder keine Medikamente benötigen.

Begleitet werden die Untersuchungen an den Tieren von Studien zur Praktikabilität, Verbrauchereinstellung und -akzeptanz sowie zur Wirtschaftlichkeit. Professorin Rautenschlein erklärt: „Das sind sehr wichtige Punkte für die Umsetzbarkeit unsers Konzeptes.

Da die Legehennen pro Jahr etwa 50 Eier weniger legen, die auch noch kleiner sind, und die Masthähnchen ein geringeres Gewicht bei einer längeren Mastdauer haben, bedeutet das Konzept für die Landwirte auf den ersten Blick wirtschaftliche Einbußen.

Hier ist der Verbraucher gefragt: Mehr Tierschutz kostet auch mehr Geld. Wir sind gespannt, ob die Konsumenten bereit sind, den Preis zu zahlen.“

Gemeinsam mit der TiHo sind am Integhof-Projekt beteiligt: Freie Universität Berlin, Institut für Tierschutz und Tierhaltung des Friedrich-Loeff1ler-Instituts in Celle Georg-August-Universität Göttingen Universität Hohenheim Leibniz-Institut für Nutztierbiologie Boehringer Ingelheim, Veterinary Research Center Lohmann Tierzucht Big Dutchman SocialLab Deutschland



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