Wann ist eine Tierart eine Tierart?

(22.10.2010) Privatdozentin Dr. Heike Hadrys aus dem Institut für Tierökologie und Zellbiologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover hat mit ihrer Arbeitsgruppe ein Konzept entwickelt, das eine objektive Einordnung neuer Tierarten ermöglicht.

Sie stellen die Methode im Fachmagazin „Molecular Ecology“ (September 2010, Vol. 19, Heft 18) beispielhaft an zwei neu entdeckten Libellenarten vor.

Fast täglich entdecken und beschreiben Wissenschaftler neue Tierarten, das heißt, die Anzahl der bekannten und benannten Arten auf der Erde nimmt ständig zu.

Die Unterschiede zwischen Tieren können mit genetischen Untersuchungsmethoden viel schneller und präziser aufgedeckt werden als mit traditionellen morphologischen Methoden. Aber wie groß müssen genetische Unterschiede zwischen Tieren sein, damit sie als getrennte Arten akzeptiert werden können?


Weibchen der neu entdeckten Libellen-Art Trithemis palustris

Der neue Ansatz schlägt vor, dass genetische Daten alleine nicht ausreichen. Dr. Heike Hadrys erklärt ihr Konzept, den „Taxonomischen Zirkel“: „Grundlage unseres Konzeptes ist, dass mindestens zwei Merkmalsbereiche der untersuchten Tiere klare Unterschiede zeigen.

Das können beispielsweise Genetik und Morphologie oder Genetik und Ökologie sein. Damit wird der Streit um das Ausmaß der genetischen Distanz, die eine Art definiert, hinfällig.“

Gemeinsam mit Dr. Sandra Damm hat Hadrys den „Taxonomischen Zirkel“ getestet. Über sechs Jahre haben sie an 14 Orten in sieben afrikanischen Staaten unter anderem Proben der Segellibelle Trithemis stictica gesammelt. Während dieser Arbeiten konnten sie zwei neue Libellenarten entdecken, die ihnen als Modellorganismen für den „Taxonomischen Zirkel“ dienen.

Bisher wurden alle bekannten Populationen, die in Südafrika, Kenia, Tansania, Botswana, Sambia und Namibia vorkommen, einer Art, nämlich Trithemis stictica, zugeordnet. Hadrys berichtet: „Zu unserer großen Überraschung müssen diese wunderschönen Tiere, obwohl sie äußerlich alle gleich aussehen, jetzt in mindestens drei Arten aufgeteilt werden.“

Die TiHo-Forscherinnen haben zahlreiche genetische, phylogenetische, morphologische und ökologische Daten ausgewertet und konnten für die zwei neuen Arten signifikante genetische und ökologische Unterschiede nachweisen. Äußerlich sehen die drei Arten gleich aus.

Mit der Beschreibung der zwei neuen Segellibellen-Arten ist es erstmals gelungen, ein objektives und standardisierbares Konzept zu erarbeiten, das Tierarten auch dann als neue Arten erkennt, wenn morphologisch keine Unterschiede bestehen.

In fast allen Tiergruppen gibt es Arten, die kryptisch sind, also morphologisch unscheinbar oder verborgen (sogenannte „kryptische Arten“). Dieses neue Konzept könnte also für die zukünftige Erfassung von Biodiversitäten und die Erkennung von schützenswerten Einheiten im Arten- und Naturschutz zu einem unersetzbaren Instrument werden.

Eine große Herausforderung für die Wissenschaftler aber bleibt: Wenn „kryptische Arten“ äußerlich nicht erkennbar sind, müssen zukünftig schnelle DNA-Sequenziergeräte im Taschenformat entwickelt werden, um im Freiland Fernglas und Lupe zu ersetzen.  

Link: Institut für Tierökologie und Zellbiologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Artikel kommentieren

weitere Meldungen

 Lernen ohne Grenzen: Lernportal für Tierärzte startet  Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover und Schlütersche Verlagsgesellschaft unterzeichnen Kooperationsvertrag zum Lernportal VETlife weiter...

Lernen ohne Grenzen: Lernportal für Tierärzte startet

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover und Schlütersche Verlagsgesellschaft unterzeichnen Kooperationsvertrag zum Lernportal VETlife
Weiterlesen

Professor Dr. Beatrix Waechter Alsanius der Fakultät für Landschaftsplanung, Gartenbau und Agrarwissenschaften der SLU überreicht Professor Dr. Jörg Hartung die Ehrendoktorwürde. Julio Gonzalez, SLU; Bildquelle: Julio Gonzalez, SLU

Schwedische Ehrendoktorwürde für Professor Dr. Jörg Hartung

Die schwedische Universität für Agrarwissenschaften in Uppsala (SLU) hat Professor Dr. Jörg Hartung, Leiter des Instituts für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo), die Ehrendoktorwürde verliehen  
Weiterlesen

Erste elektronische Outdoor-Klausur der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover; Bildquelle: Codiplan

Erste elektronische Outdoor-Klausur der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Das Fach Botanik ist für alle Studierenden der Tiermedizin ein Muss. Dieses sehr praxisbezogene Fach findet wie bei den meisten Hochschulen auch in der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) vornehmlich im Hörsaal statt
Weiterlesen
Neues Klinikum am Bünteweg

Feierliche Einweihung des Klinikums am Bünteweg

Nach 2,5-jähriger Bauzeit wurde am 26.4.2010 das Klinikum am Bünteweg der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) eröffnet. Während eines offiziellen Festaktes hat der Niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann symbolisch einen Schlüssel an TiHo-Präsident Dr. Gerhard Greif überreicht
Weiterlesen

[X]
Hinweis zur Nutzung von Cookies

Diese Website nutzt Cookies zur Bereitstellung von personalisierten Inhalten, Anzeigen, Inhalten von sozialen Medien und zur Analyse des Benutzerverhaltens. Die mit Hilfe von Cookies gewonnenen Daten werden von uns selbst sowie von uns beauftragten Partnern in den Bereichen soziale Medien, Online-Werbung und Website-Analyse genutzt. Durch den Besuch unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Mit der weiteren Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr erfahren...