Fast jeder dritte Milcherzeuger im Südwesten erwägt Ausstieg

(30.03.2015) Der freie Markt birgt Stolperfallen: Das Ende der Milchquote bringt vor allem kleinere Betriebe in Bedrängnis. Die Agrarökonomen Prof. Dr. Reiner Doluschitz, Pamela Lavèn und Caroline Janas von der Universität Hohenheim haben Landwirte in Baden-Württemberg gefragt, wie sie auf das Quotenende reagieren werden.

Die meisten wollen Produktionskosten und Arbeitseffizienz optimieren. 43,3 % können sich vorstellen, die Milchproduktion auszuweiten. Doch fast jeder dritte Betriebsleiter spielt mit dem Gedanken, die Milchviehhaltung ganz aufzugeben.

Butterberge und Milchseen sollte sie 1984 verhindern. Jetzt sind ihre Tage gezählt: Ende März 2015 läuft die Milchquote aus. Was für einige Milcherzeuger den lang ersehnten Freibrief darstellt, endlich die Produktion zu erhöhen, kann manch anderen in die Bredouille bringen.

Kleine landwirtschaftliche Betriebe sehen Quotenende skeptisch

Mit einer Reaktion auf das Quotenende tun sich kleinere Betriebe grundsätzlich schwer. „Große Milchviehbetriebe wie in Norddeutschland können leichter die Produktion erweitern.

Doch kleine Bauern wie hier im Südwesten stehen schneller mit dem Rücken zur Wand“, befürchtet Pamela Lavèn vom Fachgebiet Agrarinformatik und Unternehmensführung an der Universität Hohenheim.

Zusammen mit Caroline Janas hat die Agraringenieurin 1.050 Betriebe in Baden-Württemberg dazu befragt. Sie erhielten einen Rücklauf von 372 Fragebögen.

Rund 61 % der Betriebsleiter stehen demnach dem Ausstieg aus der Milchquotenregelung skeptisch gegenüber. Im Südwesten herrscht historisch bedingt eine klein strukturierte Landwirtschaft vor.

Anpassungsmaßnahmen meist unumgänglich

Um entsprechende Anpassungsstrategien kommen sie jedoch nicht umhin. Diese fallen in den einzelnen Regionen unterschiedlich aus. „Fast die Hälfte der Befragten (49,3 %) plant, die Produktionskosten zu optimieren“, stellt Pamela Lavèn fest.

Beinahe ebenso viele, 46,4 %, wollen die Arbeitseffizienz verbessern. Eine Ausweitung der Milchproduktion ziehen 43,3 % der Milchbauern in Erwägung. Aber andererseits kann sich fast jeder Dritte (28,9 %) auch vorstellen, ganz aus der Milchviehhaltung auszusteigen. Das gilt vor allem für Betriebe im Schwarzwald.

„Etwas anders sieht es aus, wenn zusätzliche Einkommensmöglichkeiten bestehen“, weiß die Wissenschaftlerin. In touristisch interessanten Gebieten etwa könnten die Landwirte Urlaub auf dem Bauernhof anbieten. Auch Direktvermarkter sind in einer besseren Lage. „Da lohnen sich schon eher auch wenige Kühe.“

Dem Strukturwandel dürfte der Wegfall der Milchquote jedoch Vorschub leisten. „Eingriffe auf den Markt wie die Milchquote haben eine strukturerhaltende Wirkung“, erläutert Pamela Lavèn. „Wenn sie wegfällt, wird der Wandel zu weniger, aber größere Betrieben beschleunigt.“

Milchquotenende birgt auch Chancen

Dennoch sieht sie im Quotenende auch Chancen für manche Bauern im Südwesten. Das gelte vor allem für die Betriebe, die das Potenzial zu einer Erweiterung haben, sowie für junge Betriebsleiter oder Betriebe mit guter Faktor-Ausstattung.

„Alle anderen sind wohl gezwungen, über Alternativen nachzudenken – was ja generell nicht unbedingt falsch ist. Sie könnten zum Beispiel auf Nebenerwerb umstellen.“

Unterstützung für die Milchbauern

In Zukunft würden die Agrarförderprogramme eine noch größere Rolle spielen. „Ausgleichszahlungen, Agrarinvestitionsförderung und Agrarumweltmaßnahmen empfinden viele Landwirte als wichtig“, sagt Pamela Lavèn.

Doch auch den Molkereien wird eine wichtige Aufgabe zukommen. „Die Frage der Vertragsgestaltung ist für kleinere Betriebe ganz wesentlich.“

Neue Märkte im Visier

„Mittelfristig dürfte die gesamte Milchmenge steigen und damit wohl auch die Notwendigkeit zur Ausweitung des Exports“, meint Prof. Dr. Reiner Doluschitz, Inhaber des Lehrstuhls für Agrarinformatik und Unternehmensführung.

„Die Milchproduzenten müssen also neue Märkte erschließen, wenn es für sie nicht eng werden soll.“

Zukunftsmärkte wie Vietnam, China oder Korea seien dabei im Visier. „Milch und Milchprodukte haben dort keine Tradition. Man muss also niemandem den Markt streitig machen, eher wird ein neuer Markt aufgebaut“, erläutert Prof. Dr. Doluschitz. In den Ländern steige damit die Vielfalt der Produkte.

Doch vor allem kleinere und mittelständische Genossenschaften zeigen sich diesbezüglich etwas risikoscheu. „Bei der Erarbeitung dieser Zukunftsmärkte“, so der Experte, „könnten Allianzen oder eine Dachorganisation künftig hilfreich sein.“



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