Fast jede sechste Berliner Ratte trägt multiresistente Keime in sich

(11.03.2013) Team von Veterinärmedizinern der Freien Universität Berlin untersucht Antibiotikaresistenzen bei Ratten

Multiresistente Darmkeime sind einer Untersuchung von Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin zufolge bei Berliner Ratten weit verbreitet. In 16 Prozent ihrer Proben fanden sie Escherichiacoli Bakterien, gegen die viele Antibiotika wegen eines bestimmten Enzyms unwirksam sind.

Damit liegen die Keime bei Ratten etwa doppelt so oft vor wie in der gesunden menschlichen Bevölkerung: Etwa fünf bis acht Prozent der Europäer sind betroffen, ohne zu erkranken. Die Anteile betroffener Ratten sind allerdings vergleichbar mit denen von Krankenhauspatienten: Zwölf bis 16 Prozent weisen resistente Bakterien auf.

Dies schildern Wissenschaftler um Dr. Sebastian Günther vom Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen der Freien Universität Berlin in der aktuellen online Ausgabe des Fachblattes Antimicrobial Agents and Chemotherapy.

Eine Übertragung vom Tier auf den Menschen ist bislang nicht belegt. Doch genetisch ähneln sich die Keime, die beim Menschen und beim Tier gefunden werden. Insgesamt untersuchten die Wissenschaftler 56 tote Ratten auf das Vorhandensein von E.coli-Bakterien mit dem antiobiotikaspaltenden Enzym Extended Spectrum Betalactamase (ESBL).

"Im Gegensatz zu den MRSA-Keimen, die zuletzt Schlagzeilen machten, breiten sich die ESBL-Keime weltweit immer stärker aus", sagt der Erstautor der Studie, Sebastian Günther. Außerdem gelten sie als hoch resistent. In Indien beispielsweise, wo die Antibiotika-Abgabe weniger reguliert wird, tragen bereits viel mehr Menschen den Keim in sich.

Die untersuchten Tiere stammten aus 19 verschiedenen Orten der Berliner Innenstadt: 47 Ratten gingen im Rahmen von Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen in die Falle, etwa in Parks und auf der Straße. Neun Tiere stammten aus der Kanalisation: Bei diesen Tieren waren die ESBL-Keime doppelt so oft nachweisbar wie bei den oberirdisch gefangenen Ratten.

"Für uns ist das ein Hinweis darauf, dass die Keime durch menschliche Fäkalien, etwa aus Kliniken, in die Tiere gelangen", sagt Sebastian Günther.

Außerdem legen die Fundstellen - eine Ratte wurde in einer Wohnung gefangen - die Vermutung nahe, dass die Ratten die Keime über das Abwassersystem wieder in menschliche Nähe bringen können: Gefahr gehe bei den multiresistenten Keimen nicht von Rattenbissen aus, sondern eher durch Schmierinfektionen mit Rattenkot.

Seit dem Jahr 2010 hat Sebastian Günther rund 250 Proben aus Rattenkot und toten Ratten auf multiresistente Keime untersucht. Er erhält die Proben, zusammen mit einer Dokumentation der Fundstellen, von Berliner Schädlingsbekämpfern.

Er kooperiert auch mit den Berliner Wasserbetrieben. "Eigentlich bräuchten wir für eine systematische Untersuchung viel mehr Proben", sagt der Wissenschaftler, "aber Forschung zu Wildtieren wird in Deutschland völlig unzureichend gefördert."

Außerdem gestalte es sich schwer, an Ratten zu kommen, weil meist nur ein Tier in Fallen tappt. Mit Rattengift getötete Tiere seien nur schwer wieder aufzufinden und dann oft in einem Zustand in dem sie meisst nicht mehr zu untersuchen sein.
Weitere Informationen

http://aac.asm.org/content/early/2013/02/26/AAC.02321-12.abstract



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