Gestresste Meeresvogeleltern haben nur sich selbst im Kopf

(12.03.2017) Wie Vogelfamilien in Stresssituationen miteinander umgehen, beantworteten nun Forschende der Vetmeduni Vienna und der Universität Gdansk, Polen, beim Krabbentaucher Alle Alle, einem langlebigen Meeresvogel.

Sie erhöhten bei wildlebenden Jung- und Elternvögel den „Stresslevel“ durch ein Hormonpellet und zeigten, dass gestresste Jungtiere häufiger um Futter bettelten und auch wirklich besser versorgt wurden als „relaxte“ Küken.

Waren die Eltern aber selbst gestresst, reduzierten sie die Fütterungen und gehen stattdessen auf lange Nahrungssuche für sich selbst, obwohl sie sich eigentlich nur um ein „Einzelkind“ kümmern müssen. Die Ergebnisse wurden im Journal of Ornithology veröffentlicht.


Sind Krabbentauchereltern selbst gestresst, dann sammeln sie mehr Futter für sich, als für ihren einzigen Nestling

Der Krabbentaucher Alle Alle brütet in großen Kolonien an Felsklippen in den arktischen Regionen. Die Meeresvögel leben damit in einer harschen Umgebung und sind häufig mit Stress durch Nahrungsmangel und schlechte Wetterbedingungen konfrontiert.

Diese Vögel eignen sich aber nicht nur deshalb gut für die Untersuchung stressinduzierter Verhaltensmechanismen. Interessant macht ihn auch seine lange Lebenszeit und, dass Krabbentaucher pro Jahr nur ein einziges Küken aufziehen.

Das schließt Geschwisterkonkurrenz als Faktor in Stressstudien aus. Einem Forschungsteam der Vetmeduni Vienna und der polnischen Universität Gdansk gelang dadurch bei dieser Vogelart ein aufschlussreicher Einblick in die Wechselbeziehung langlebiger Vogeleltern und ihres Nachwuchses.

Hormon steuert Stressverhalten von Vögeln

„Vögel reagieren auf Stresssituationen mit der Freisetzung eines Hormons, Kortikosteron“, erklärt Letztautor Rupert Palme von der Abteilung für Physiologie, Pathophysiologie und experimentellen Endokrinologie der Vetmeduni Vienna. Der Botenstoff ist damit ein wichtiger Indikator für Verhaltensstudien.

Mit Hormonpellets kann man Kortikosteron künstlich in den Blutkreislauf der Vögel bringen und so das Verhalten der Tiere unter Stress gezielt beobachten.

Die Pellets haben den Vorteil, dass die Ausschüttung von Kortikosteron über einen bestimmten Zeitraum kontinuierlich und kontrolliert erfolgt.

Der Nachweis, dass das zusätzlich zugeführte Hormon vom Körper umgesetzt wird, kann mit der Analyse von Kotproben erreicht werden. Palme hat dafür eine international anerkannte Nachweismethode entwickelt.

Für die Analyse, welche Mechanismen eine Krabbentaucherfamilie steuern, wurde zuerst dem Nachwuchs ein Pellet implantiert, anschließend den Elternvögeln.

Bei den Jungvögeln wurde das Verhalten mittels akustischer Aufnahmen ausgewertet, bei den Eltern die Fütterungsintervalle und die Abwesenheit vom Nest oder der Kolonie.

Krabbentaucher-„Einzelkinder“ nur an zweiter Stelle

Die Nestlinge reagierten auf den künstlichen Stress mit einem gesteigerten Futterverlangen. „Mehr Futter bedeutet mehr Reserven, bessere Fitness und damit höhere Überlebenschancen“, so Erstautorin Dorota Kidawa, von der Universität Gdansk, Polen.

„Das stärkere Bettelverhalten war ein Hilferuf an die Vogeleltern, der zu einem sichtbaren Erfolg führte.“

Die gestressten Jungvögel waren im Vergleich zu den Kontrollnestlingen nachweislich schwerer, hatten also von den Vogeleltern wesentlich mehr Rationen erhalten.

„Erwachsene Krabbentaucher gehen laut unseren Ergebnissen im Normalfall ans eigene Limit, an ihr Fürsorgemaximum, um den Nachwuchs ausreichend versorgen zu können“, sagt Palme.

Der zweite Test, bei dem einem Elternvogel ein Hormonpellet implantiert wurde, zeigte allerdings, dass dieses Limit trotzdem vom Stresslevel der erwachsenen und nicht vom Betteln der jungen Krabbentaucher abhängt. Denn unter Stress stellen die Krabbentauchereltern ihr Verhalten zum eigenen Vorteil um.

Sie verließen das Nest viel länger, um sich selbst ausgiebig mit Nahrung versorgen zu können. Dadurch fütterten sie ihren Nachwuchs seltener und der körperliche Zustand der Jungvögel verschlechterte sich eindeutig gegenüber der Kontrollgruppe.

Trotz selbstsüchtigem Überlebensinstinkt keine „Rabeneltern“

„Das Betteln bewirkte zwar eine fürsorgliche Reaktion bei den erwachsenen Krabbentauchern. Ob diese allerdings wirklich passiert und in welchem Ausmaß, hängt jedoch davon ab wie fit sich die Vogeleltern fühlen“, sagt Palme.

Sinken ihre eigenen Überlebenschancen durch schlechte Nahrungsverfügbarkeit oder Witterungszustände, werden sie sich auf sich selbst konzentrieren und deutlich mehr Zeit mit der eigenen Futtersuche, als mit der Pflege ihres einzelnen Kükens verbringen.

„Damit sind sie aber keine „Rabeneltern“, erklärt Palme. „Das entspricht ganz normalen Vorgängen in der Natur, die nicht mit unserem Verhalten und Verantwortungsgefühl verglichen werden können.“

Für den langlebigen Krabbentaucher ist es wichtiger das eigene Leben zu sichern, ein weiteres Jahr zu überleben und wieder Nachwuchs bekommen zu können.

Denn schlechte Nahrungsbedingungen und umweltbedingte Einflüssen verringern auch die Überlebenschancen von Jungvögeln.

Publikation

Der Artikel „Parent-offspring interactions in a long-lived seabird, the Little Auk (Alle alle): begging and provisioning under simulated stress“ von D. Kidawa, M. Barcikowski und R. Palme wurde publiziert in Journal of Ornithology. DOI: 10.1007/s10336-016-1382-y
http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs10336-016-1382-y



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