Tierschutzorganisationen üben massive Kritik am VetMed-Lehrgang „Angewandte Kynologie“

(27.09.2011) Akademische Weihen für Strom und Zwang? Ein Beitrag von Mag.a Ursula Aigner (Vier Pfoten) und Mag. Alexander Willer (WTV) 

Schutzhundesport; Bildquelle: Vier Pfoten
Schutzhundesport
Erfreulich, sehr erfreulich sind die Entwicklungen der letzten Jahre gewesen: In Österreich konnten immer mehr HundetrainerInnen Fuß fassen, die unabhängig von verknöcherten Verbandsstrukturen oder vom althergebrachtem Kommandotraining moderne Wege der Mensch-Hund-Beziehung beschreiten. Weg von pseudo-wissenschaftlicher „Dominanztheorie“ und grob gebrüllten „Sitz-Platz-Fuss-Befehlen, hin zur Motivation mit Köpfchen und zum Lesen der Körpersprache eines Hundes. Ein Sinneswandel begann Platz zu greifen: Partner Hund, Freund Hund, Familienmitglied Hund statt gedrillter Gehorsamsempfänger!

Umso größer waren die Erwartungen, als die Veterinärmedizinische Universität Wien einen Lehrgang „Angewandte Kynologie“ in den Lehrplan aufnahm. Endlich eine Möglichkeit zum akademischen Diskurs über moderne Lerntheorien, gewaltfreie Erziehung, medizinische und rechtliche Aspekte zum Hund und auch über Tierschutz. Das nötige Rüstzeug für jede/n, die oder der als „Akademische KynologIn“ abschließen möchte. Sollte man meinen!

Leider präsentiert sich eine genau gegensätzliche Situation. Das Curriculum entzieht sich dem frischen Wind der Zeit, indem rückwärtsgewandte Lehre angeboten wird. Vortragende wie Daniel Schwitzgebel oder Uwe Heiß – bekannte Starkzwangbefürworter – werden eingeladen. Und unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit machen mehrere KursteilnehmerInnen gezielt Stimmung für in Österreich verbotene „Erziehungshilfsmittel“ wie Stachelhalsband oder Stromreizgerät (1). Dieselben Leute bieten – zum Affront auf das österreichische Tierschutzgesetz – im grenznahen Ungarn so genannte „Bootcamps“ (2) an, wo gezielt Werbung für hierzulande illegale Gerätschaften gemacht wird.

Unter den TeilnehmerInnen des Lehrgangs ist auch eine international bekannte Schutzhunde“sport“lerin, die durch das Kampagnen-Video (3) der VIER PFOTEN zweifelhafte Bekanntheit erlangte. Dieses Video zeigt den Einsatz von durch das Österreichische Tierschutzgesetz verbotenen „Hilfsmitteln“ und das Abrichten der Hunde auf Zivilschärfe – per Gesetz nur für DiensthundeführerInnen und den Diensthunden im Besitz des Bundes erlaubt.


In Österreich ist sie bereits in diversen Vereinen gesperrt und wurde (gemeinsam mit mehreren Mitgliedern des Vereins „Interessensgemeinschaft Hundesport“ aus Möllersdorf, NÖ) von der Tierschutzorganisation wegen Tierquälerei angezeigt, da sie illegale Methoden wie Stachelhalsband und Stromreizgerät im „Sport“training einsetzt. Bis dato gibt es kein Anzeichen eines Ausschlusses seitens des Rektorats, sie wird mit dem Siegel der Veterinärmedizinischen Universität abschließen.

Generell wird dem so genannten Schutzhunde“sport“ viel Raum im Lehrgang „Angewandte Kynologie“ gegeben. Wobei sich die Frage nach dem cui bono stellt! Wem nützt dieser „Sport“? Wer braucht ihn? Die Hunde? Die am wenigsten! Profiteure dieser „Sportarten“ sind jene, die für Wettkämpfe geeignete Blutlinien züchten. Jene, die über den Hund das eigene Ego aufbessern wollen.

Der Malinois oder der Deutsche Schäferhund legen wohl wenig Wert auf Pokale und Medaillen – eine HD-freie Hüfte ist ihnen alle Mal lieber. Mindestens genauso lieb wäre diesen Hunden ein respektvoller Umgang. Das stundenlange Eingesperrtsein in Transportboxen, um dann ein umso größeres desire to go am Hundeplatz zu entwickeln fällt wohl auch nicht unter „natürliches Verhaltensrepertoire“.

Wie die Tierschutzrechts-Expertin der VetMed, DDr. Regina Binder, in ihrem Rechtsgutachten (2006) „Die Schutzhundeausbildung (nunmehr Gebrauchshundeprüfung ÖPO-1 bis ÖPO-3) im Lichte des Tierschutzgesetzes, des Wiener Tierhaltegesetzes sowie des Waffengebrauchs- und Militärbefugnisgesetzes“ (4) zusammenfasste, erweisen sich Ausbildung und Prüfung in der Disziplin „Schutzdienst“ insofern als problematisch, als sie zumindest eine „gewisse Affinität zu Starkzwangmethoden“ aufweisen. Der Kreis zu Stachelhalsband und Stromreizgerät schließt sich.

Von dem abgesehen stellen sich weitere tierschutzrelevante Fragen: Was passiert mit Hunden aus Zuchten, die sich für den „Schutzdienst“ als nicht geeignet erweisen? Wie können „Schutzhunde“, die im Tierheim landen, wieder guten Gewissens an „normale“ HundehalterInnen zur Adoption freigegeben werden? Was, wenn diese Hunde nur bei ihren AusbildnerInnen ‚funktionieren’? Was, wenn sie als Problemlösung primär das Nachvorgehen gelernt haben? Die Tötung von unerwünschten Tieren oder Rasselisten- und Verbote sind keine Alternative, wohl aber Verbote bestimmter Ausbildungsmethoden!

Hinzu kommt das kontraproduktive Bild, das der Schutzhunde“sport“ mit seinem martialischen Habitus (Figurantenanzug, Stock, sich festbeißende und zerrende Hunde) der Öffentlichkeit vermittelt. Und das gerade in einer Zeit, in der Rassendiskriminierungen und Hundehass zunehmen.

So kann in der Bevölkerung wohl nicht um die höchstmögliche Akzeptanz für Hunde geworben werden. Hunde brauchen keine Scharfmacher! Hunde sollen nicht Juteärmel fassen, sondern Vertrauen, Vertrauen zum Menschen, Vertrauen in die Umwelt.

Der Lehrgang „Angewandte Kynologie“ in seiner jetzigen Ausrichtung ist völlig ungeeignet, diesen Anforderungen an den Hund und an die Gesellschaft gerecht zu werden. Wenn die Veterinärmedizinische Universität AbsolventInnen zulässt, die sich lautstark für ein Aufweichen des Tierschutzgesetzes einsetzen, die Starkzwang zur Förderung „sportlicher“ Leistungen gutheißen, die weg vom Partnerschaftsgedanken und zurück zum Gehorsam wollen, dann ist das mehrfach verheerend: für das Image der Hunde, für ihren Rang in der menschlichen Gesellschaft, für den Tierschutz und nicht zuletzt für den Ruf der akademischen Größe VetMed.

Mag. Alexander Willer ist Kampagnenleiter des Wiener Tierschutzvereins (WTV) mit dem Schwerpunkt Hunde.
Mag.a Ursula Aigner ist Verhaltensbiologin und Hundetrainerin. Sie arbeitet für die Tierschutzorganisation VIER PFOTEN.

1: www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20003541
2: www.team-bootcamp.com
3: www.youtube.com/watch?v=u1IX80NuF-g&feature=player_embedded
4: www.tieranwalt.at/upload/files/Schutzhunde.pdf

Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Vetmeduni Vienna

Neue Therapiemöglichkeit bei aggressivem Blutkrebs entdeckt

Bei der häufigsten Form akuter Leukämie, der AML, wurde eine neue Therapiechance aufgezeigt. Forschende der Vetmeduni Vienna und des Ludwig Boltzmann Instituts für Krebsforschung identifizierten eine Schwachstelle des durch Mutationen verkürzten und dadurch onkogen wirkenden Proteins C/EBPα
Weiterlesen

Zusammenfassung der Aktionspunkte des mutierten Faktors JAK2V617F

Bösartige Knochenmarkserkrankung: Neue Hoffnung für MPN-PatientInnen

Myeloproliferative Neoplasien (MPN) können derzeit nur unzureichend behandelt werden. Ein Team der Vetmeduni Vienna und des CeMM Forschungszentrums für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften/Medizinische Universität Wien entdeckte einen neuen Behandlungsansatz
Weiterlesen

Pavian; Bildquelle: Dr. Dietmar Zinner

Paviane eröffnen neue Einblicke in die Evolution des Genoms

Ein Forschungsteam der Vetmeduni Vienna untersuchte die evolutionäre Diversifizierung am Beispiel von sechs Pavian-Arten. Die Ergebnisse der Studie liefern neue spannende Einblicke in die Entwicklung des Genoms
Weiterlesen

a) PatientInnen mit einer aktivierenden STAT5B-Mutation haben eine erniedrigte Interferon-Antwort, was die Entstehung und das Wachstum von Leukämiezellen fördert. b) Im Leukämiemausmodell ohne STAT5B führt die erhöhte Interferon-A; Bildquelle: Institut f. Pharmakologie und Toxikologie/Vetmeduni Vienna

Neuer Behandlungsansatz gegen Leukämien

Einem internationalen Forschungsteam unter Leitung von WissenschafterInnen der Vetmeduni Vienna gelang ein wichtiger Schritt, um lymphatische Leukämien besser zu verstehen
Weiterlesen

Schwein; Bildquelle: Vetmeduni Vienna

Listerien im Futter: Ein gefährliches Hygieneproblem bei Mastschweinen

Eine aktuelle Studie der Vetmeduni Vienna untersuchte eine tödliche Listeriose bei Mastschweinen, bei der fast jedes zehnte Tier verstarb
Weiterlesen

Gesichtstumor beim Tasmanischen Teufel; Bildquelle: Save the Tasmanian Devil Program

Ansteckender Krebs beim Tasmanischen Teufel: Molekulare Mechanismen entschlüsselt

Gesichtstumore von Tasmanischen Teufeln, einer Tierart aus der Familie der Raubbeutler, gehören zu den extrem seltenen Fällen übertragbarer Krebserkrankungen
Weiterlesen

Marinomed

Marinomed: Partnerschaft in China und EIB-Finanzierung

Marinomed Biotech AG konnte in den ersten Wochen des Jahres 2019 bedeutende strategische Meilensteine umsetzen und operative Erfolge erzielen
Weiterlesen

Hunde sind gute Beobachter und sozial lernfähig. Sie zeigen sogar Ansätze zur sogenannten Überimitation, des bisher als rein menschliches Phänomen angesehenen Lernens kausal irrelevanter Handlungen; Bildquelle: T. Suchanek/Vetmeduni Vienna

Soziales Lernen auch bei Hunden: Überimitation möglicherweise kein rein menschliches Phänomen

Gängige Lehrmeinung ist, dass Überimitation – eine besondere Form des sozialen Lernens – eine ausschließlich menschliche Eigenschaft ist
Weiterlesen