Mensch-Hund-Beziehung basiert auf sozialen Fähigkeiten der Wölfe

(28.01.2015) Hund und Mensch sind Freunde, ja sogar Partner. Worauf diese gute Mensch-Hund-Beziehung basiert, haben Verhaltensforscherinnen des Messerli Forschungsinstitutes an der Vetmeduni Vienna und des Wolfsforschungszentrums untersucht.

Sie fanden heraus, dass die Vorfahren der Hunde, die Wölfe, mindestens genauso achtsam gegenüber ihren Artgenossen und dem Menschen sind wie Hunde. Diese sozialen Fähigkeiten kristallisierten sich nicht erst mit der Domestizierung heraus, sondern waren bereits bei den Wölfen vorhanden.

Die Zusammenfassung der Ergebnisse und ihre neue Theorie stellen die beiden Wissenschafterinnen im Journal Frontiers in Psychology vor. 


Zsófia Virányi mit Wolf

Gängige Domestizierungs-Hypothesen besagen: „Hunde haben sich mit der Domestizierung zu toleranten und achtsamen Wesen entwickelt. Der Mensch hat diese Fähigkeiten gezielt selektiert und den Hund so zum kooperationsfähigen Partner des Menschen herangezogen.“

Friederike Range und Zsófia Virányi aus der Abteilung für Vergleichende Kognitionsforschung stellen diese Ansicht in Frage und entwickelten eine andere Hypothese. Ihre „Canine Cooperation Hypothesis“ besagt, dass bereits Wölfe tolerante, achtsame und kooperative Wesen sind.

In der Beziehung der Wölfe zueinander liege der Grundstein der heutigen Mensch-Hund-Beziehung. Eine zusätzliche Selektion von Eigenschaften wie soziale Aufmerksamkeit und Toleranz war während der Domestizierung der Hunde nicht nötig.

Hunde akzeptieren den Menschen als Sozialpartner

Nach Ansicht der Forscherinnen sind Hunde keineswegs toleranter oder sozial aufmerksamer als Wölfe. Trotzdem kooperieren Hunde leichter mit dem Menschen als Wölfe, hauptsächlich deshalb, weil Hunde den Menschen eher als Sozialpartner akzeptieren und leichter ihre Angst vor ihm verlieren als Wölfe. Um ihre Hypothese zu prüfen, testeten Range und Virányi die soziale Aufmerksamkeit und Toleranz innerhalb von Wolfrudeln und Hunderudeln aber auch gegenüber dem Menschen.

Wölfe schneiden im Test mindestens so gut ab wie Hunde

In unterschiedlichen Verhaltenstests zeigten sie, dass sich Wölfe und Hunde in ihren sozialen Fähigkeiten sehr ähneln. Die Forscherinnen testeten beispielsweise wie gut Wölfe und Hunde Futter wiederfinden, das von einem Artgenossen oder von einem Menschen versteckt wurde. Wölfe wie auch Hunde nutzten Informationen des Menschen, um verstecktes Futter wiederzufinden.

In einer weiteren Studie zeigten sie, dass Wölfe dem Blick eines Menschen folgen. Um diese Aufgabe zu lösen, müssen die Tiere in der Lage sein, sich in die Perspektive des „Blickenden“ hineinzuversetzen. Wölfe können dies zum Beispiel sehr gut. 

In einem weiteren Versuch hatten Hunde und Wölfe die Möglichkeit, Artgenossen dabei zu beobachten, eine Kiste zu öffnen. Waren schließlich die Beobachter selbst an der Reihe, zeigten sich die Wölfe als die erfolgreicheren Imitatoren.

Sie öffneten die Kiste häufiger mit Erfolg als Hunde. Möglicherweise haben Hunde die Fähigkeit zu imitieren verloren, weil sie sich häufig auf den Menschen verlassen. „Insgesamt haben die Tests gezeigt, dass Wölfe sehr gut aufeinander und auf den Menschen achten. Hypothesen die besagen, dass Wölfe über weniger soziale Fähigkeiten verfügen als Hunde, sind also nicht korrekt“, betont Range. 

Hunde- und Wolfsrudel im Test

Im Wolf Science Center im niederösterreichischen Ernstbrunn erforschen Range und Virányi das soziale Verhalten in Hunde- und Wolfsrudeln, die genau gleich aufgewachsen sind, nämlich gemeinsam mit Artgenossen und mit dem Menschen. Die Tiere sind es gewohnt, mit Artgenossen und mit dem Menschen zu kooperieren.

„Um das Verhalten von Hunden und Wölfen überhaupt vergleichen zu können und Aussagen über die Effekte der Domestikation zu treffen, ist es wichtig, dass die Tiere unter denselben Voraussetzungen leben“, erklärt Autorin Virányi.

Publikation

Der Artikel “Tracking the evolutionary origins of dog-human cooperation: the “Canine Cooperation Hypothesis”” von Friederike Range and Zsófia Virányi wurde im Fachjournal Frontiers in Psychology veröffentlicht. doi: 10.3389/fpsyg.2014.01582
http://journal.frontiersin.org/Journal/10.3389/fpsyg.2014.01582/abstract



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Pfeilgiftfrösche - vor allem die Männchen - entscheiden flexibel, wenn es um das Abladen der Kaulquappen in der richtigen Wasserstelle geht; Bildquelle: Eva Ringler

Hohe Flexibilität im Brutpflegeverhalten bei Pfeilgiftfröschen

Gefahren und lange Distanzen möglichst vermeiden, eigene Wurzeln nicht zwingend bevorzugen und Menge als Vorteil ansehen
Weiterlesen

Cornelia Hab; Bildquelle: privat

Der Schlüssel zur Nuss

Goffin-Kakadus benutzen in der freien Natur keine Werkzeuge, in Experimenten setzen diese sehr wohl welche ein
Weiterlesen

In Sachen Teamwork sind Wölfe ihren domestizierten Nachfahren überlegen.; Bildquelle: Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna

Domestikation macht Hunde nicht zu besseren Teamplayern

Durch die Domestikation sollten Hunde mit Menschen und Artgenossen toleranter und kooperativer umgehen als Wölfe. So lauten zumindest einige Hypothesen.
Weiterlesen

Die Schweine können beobachtete Handlungen verstehen und imitieren; Bildquelle: Vetmeduni Vienna

Schweine haben soziale Lernfähigkeiten und ein erstaunlich gutes Gedächtnis

Schweine sind sozialkompetente und lernfähige Lebewesen. Die Kombination beider Fähigkeiten, also das durch Beobachtung von Artgenossen geprägte Lernen, wurde bisher allerdings nur unzureichend analysiert
Weiterlesen

Im Versuch konnten die Wölfe das Prinzip Ursache und Wirkung verstehen. Sie konnten sogar genau wie Hunde auf Augenkontakt reagieren; Bildquelle: Michelle Lampe/Wolf Science Center

Ursache und Wirkung: der Wolf versteht das besser als der Hund

Greift man auf den heißen Herd, dann verbrennt man sich. Das Prinzip von Ursache und Wirkung lernt der Mensch schon von Kindesbeinen an. Doch auch Tiere, wie der Wolf, verstehen diesen Zusammenhang und das sogar besser als ihre von uns domestizierten Nachfahren
Weiterlesen

Isabelle Laumer mit Goffin-Kakadus; Bildquelle: Isabelle Laumer

Schlaue Kakadu biegen sich ihre Werkzeuge zurecht

Goffin-Kakadus benötigen in der freien Natur keine Werkzeuge. In Experimenten hat sich jedoch gezeigt, dass diese indonesische Kakadu-Art sehr wohl geschickt genug ist, solche einzusetzen.
Weiterlesen

Ein Touchscreen-Test mit verschiedenen Vogelarten zeigte, das Misstrauen vor Neuem die Erkundungsfreude nur hinauszögert, aber nicht hemmt. ; Bildquelle: Messerli Institut

Neue Dinge mögen gewöhnungsbedürftig sein, allerdings nicht für jeden Vogel gleich

Bislang galten Vögel, die Neuartiges eher meiden, auch als kaum erkundungsfreudig. Neugierige Vögel wie Krähen oder Papageien, die neue Dinge oder Situationen interessieren, dagegen schon
Weiterlesen

Einen Sinn für Unrecht zeigen Hunde, die wie Wölfe im Rudel aufgewachsen sind; Bildquelle: Rooobert Bayer

Empfindlichkeit gegen ungerechte Behandlung liegt Wölfen und Hunden im Blut

Nicht nur Hunde, sondern auch Wölfe reagieren, ähnlich wie Menschen oder Primaten, auf ungleiche Behandlung. Das bestätigt eine neue Studie von VerhaltensforscherInnen der Vetmeduni Vienna
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen





[X]
Hinweis zur Nutzung von Cookies

Diese Website nutzt Cookies zur Bereitstellung von personalisierten Inhalten, Anzeigen, Inhalten von sozialen Medien und zur Analyse des Benutzerverhaltens. Die mit Hilfe von Cookies gewonnenen Daten werden von uns selbst sowie von uns beauftragten Partnern in den Bereichen soziale Medien, Online-Werbung und Website-Analyse genutzt. Durch den Besuch unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Mit der weiteren Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr erfahren...