Schüchterne Wildschweine sind manchmal die besseren Mütter

(04.06.2016) Die Persönlichkeit von Wildschwein-Müttern kann sich auf das Wohlergehen ihrer Jungen auswirken. Das hat ein Team vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie (FIWI) der Vetmeduni Vienna herausgefunden.

In einer mehrjährigen Studie über die Strategien von Wildschweinen bei der Fortpflanzung haben die WissenschafterInnen untersucht, ob und unter welchen Umständen sich der Charakter der Wildschweine auf die Anzahl ihrer großgezogenen Jungen auswirkt.

Das Ergebnis: Wenn ausreichend Nahrung zur Verfügung steht, ziehen scheue Wildschwein-Mütter mehr Frischlinge groß als risikofreudige und aggressive Bachen.


Bei ausreichendem Nahrungsangebot werden mehr Frischlinge von den schüchternen Bachen großgezogen

Wird das Nahrungsangebot, wie zum Beispiel Eicheln, hingegen knapper, dann verschwindet der Vorteil für die scheuen Bachen. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Animal Behaviour veröffentlicht.

Seit Jahren ist bekannt, dass Persönlichkeitsmerkmale von Tieren, wie zum Beispiel Aggressivität, Risikofreude, Neugierde oder Geselligkeit, weitreichende Auswirkungen auf die Fortpflanzung und das Überleben haben können.

Den Effekt der Persönlichkeit von anderen Faktoren, wie zum Beispiel Umweltbedingungen, abzugrenzen, ist allerdings nicht leicht. Wenn das natürliche Umfeld der Tiere starken Schwankungen unterworfen ist, können sich die verschiedenen Persönlichkeiten – je nach der aktuellen Lage - unterschiedlich auswirken.

Den Effekt, den die verschiedenen Charaktere der Wildschwein-Mütter auf die Anzahl ihrer großgezogenen Jungen haben, erforschten Sebastian Vetter und KollegInnen vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien erstmals in einer umfassenden Studie.

Wildschweine gehören zu den reproduktionsfreudigsten unter den großen Wildtieren in unseren Breiten.

Bereits sehr junge Bachen, unter einem Jahr, können trächtig werden, sofern sie im Herbst eine ausreichende Körpermasse erreichen. Am liebsten fressen Wildschweine Eicheln und Bucheckern. Diese sind aber nicht immer im gleichen Ausmaß verfügbar.

In manchen Jahren, den sogenannten Mastjahren, produzieren die Bäume sehr viele, in anderen nur wenige Früchte.

Diese natürlichen Schwankungen wurden in einem Versuch an einer in einem Wildgehege unter naturnahen Bedingungen gehaltenen Wildschweinpopulation durch variable Zufütterungsmengen imitiert

Fußball für Wildschweine

Um die Persönlichkeit der Schweine zu testen, wurden den Wildtieren verschiedene, für sie unbekannte Gegenstände wie zum Beispiel ein Fußball, ein Kübel oder ein Plastiktier ins Gehege gelegt.

Mittels Videoaufnahmen konnte das Forschungsteam danach auswerten, wie die verschiedenen Individuen auf diese neuen Objekte reagierten.

Zusätzlich wurde das Verhalten der Bachen zueinander erfasst. Aus diesen Beobachtungen wurde ein Persönlichkeitsindex für jedes Tier errechnet, der später mit der Anzahl ihrer großgezogenen Jungen verglichen wurde.

Variable Bedingungen beeinflussen den Erfolg der Lebenszyklusstrategie

Wie sich herausstellte, bestand eine Wechselwirkung zwischen der Persönlichkeit der Bachen und der Nahrungsverfügbarkeit auf das Überleben der Jungen. War genug Futter für alle da, konnten die vorsichtigeren Mütter mehr Frischlinge großziehen als die aggressiveren und risikofreudigeren Bachen.

Der Grund für den größeren Erfolg der schüchternen Bachen bei der Jungenaufzucht in guten Futterjahren könnte ihr vorsichtigeres Verhalten und ihre höhere mütterliche Fürsorge sein. „Es ist wahrscheinlich, dass die Jungen zurückhaltender Bachen in einem beschützten Umfeld aufwachsen und dadurch höhere Überlebenschancen haben.

Wildschweine sind untereinander oft aggressiv und die Frischlinge sind daher besonders auf den mütterlichen Schutz angewiesen. Bei einem reduzierten Nahrungsangebot verschwindet dieser Effekt allerdings“, erläutert der Erstautor der Studie Sebastian Vetter.

Zwar fand das Team um Vetter unter keiner der getesteten Bedingungen einen Vorteil für aggressive und kühne Bachen in Bezug auf den Erfolg bei der Jungenaufzucht , es gibt jedoch einen Zusammenhang zwischen der Persönlichkeit der Tiere und der Körpermasse im Jugendstadium.

Obwohl Ursache und Wirkung noch nicht ganz geklärt sind, können sich die Forschenden vorstellen, dass aggressive Jungtiere gegenüber ihren scheuen Geschwistern einen Vorteil im Kampf um die Zitzen haben und daher schon früh ein höheres Gewicht erreichen.

Startvorteil bleibt ein Leben lang

Ein solcher Startvorteil kann weitreichende Folgen haben. Vetter und seine KollegInnen zeigten in ihrer Studie einen starken Zusammenhang zwischen der Körpermasse im Jugendalter und dem reproduktiven Erfolg als erwachsenes Tier.

Hier kommt möglicherweise der sogenannte „silver spoon“-Effekt zu tragen: Wächst ein Tier unter guten Bedingungen auf, kann es daraus möglicherweise einen lebenslangen Vorteil ziehen – es ist sozusagen mit einem silbernen Löffel im Mund aufgewachsen.

„Diese Ergebnisse bestätigen unsere Erwartungen, dass sich die Persönlichkeit stark auf die Lebenszyklusstrategie von Bachen auswirkt. Besonders interessant ist zudem, dass die juvenile Körpermasse weitreichende Folgen für Bachen hat und sich direkt auf den Reproduktionserfolg der erwachsenen Tiere auswirkt.

Sogar stärker als die Körpermasse, die sie zum Zeitpunkt der eigentlichen Fortpflanzung haben“ so Vetter.

Persönlichkeitsunterschiede evolutionär selektiert

Die unterschiedlichen Charaktere wirken sich je nach Umweltsituation negativ oder positiv aus.  (Charakterzüge, die in einer Situation nützlich sind, können in einer anderen nachteilig sein.

Die natürliche Selektion unterschiedlicher Eigenschaften hängt daher höchst wahrscheinlich von verschiedenen Bedingungen ab. „Bei Arten wie dem Wildschwein, die von Jahr zu Jahr extrem ungleiche Umweltbedingungen erfahren, trägt diese Variabilität wohl auch zum Erhalt verschiedener Persönlichkeiten in einer Population teil“, so Vetter zum Abschluss.

Publikation

Der Artikel „Shy is sometimes better: personality and juvenile body mass affect adult reproductive success in wild boars, Sus scrofa” von Sebastian G. Vetter, Constanze Brandstätter, Marie Macheiner, Franz Suchentrunk, Hanno Gerritsmann, Claudia Bieber wurde im Journal Animal Behaviour im April 2016 online veröffentlicht.
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0003347216001093



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