Siebenschläfer: Kein Gebietswechsel für mehr Bucheckern, lieber sesshaft und gut versorgt

(24.05.2017) Nagetiere wie der Siebenschläfer brauchen energiereiche Baumsamen zum Fortpflanzen und als Jungtier um Fettreserven für den ersten Winterschlaf aufzubauen. Diese wichtige Nahrungsquelle steht ihnen aber nicht jedes Jahr zur Verfügung.

Buchen etwa bilden ihre Samen nur in sogenannten Mastjahren, um Energie zu sparen. Siebenschläfer passen sich diesem Zyklus auch mit einer pragmatischen Wahl ihres Territoriums an. Forschende der Vetmeduni Vienna zeigten nun erstmals in einer Langzeitstudie, dass die Siebenschläfer Gegenden mit vielen Buchen meiden.


Die langlebigen Nager setzen auf stets verfügbare Nahrung in Gebieten mit mehr Nadelbäumen und einzelnen Buchen
Sie bevorzugen Gebiete mit einer ausgewogenen Mischung zwischen Nadelbaum und Buchenanteil. Mit der alternativen Futterquelle können die Nager magere Zeiten überbrücken ohne das Gebiet wechseln zu müssen.

In den Mastjahren finden die Siebenschläfer aber immer noch genug Bucheckern vor um sich fortzupflanzen und ihre Jungen zu versorgen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Frontiers in Zoology veröffentlicht.

Die Samen von Bäumen sind wichtige Energielieferanten für Nagetiere wie den Siebenschläfer, Glis glis. Bucheckern stehen ganz oben auf ihrem Speiseplan.

Die langlebigen Nager brauchen die energiereichen Samen der Buchen für die Fortpflanzung und für das Wachstum ihrer Jungtiere, um sie sicher durch den Winter zu bringen. Bucheckern sind allerdings nicht jedes Jahr für die Siebenschläfer verfügbar.

Buchen bilden nur in sogenannten Mastjahren überdurchschnittlich viele Samenfrüchte. In anderen Jahren haben sie kaum oder gar keinen Ertrag. Die Siebenschläfer müssen sich damit an den Lebenszyklus dieser Baumart anpassen.

Neue Forschungsergebnisse von WildtierbiologInnen der Vetmeduni Vienna zeigen nun erstmals, dass ihnen die gut durchdachte Auswahl ihres Territoriums dabei hilft. Die Nager beziehen ihr Quartier in Gebieten mit alternativen Futterquellen und nur vereinzelten Buchen. Höhere Dichten dieser Baumart meiden sie dagegen.

Von Buchenwald zu Buchenwald, oder ein Jahr auf Lieblingsfutter verzichten?

Siebenschläfer haben mit einer Lebensdauer von maximal 13 Jahren eine sehr hohe Lebenserwartung  für ein Nagetier. Nahrungsarme Perioden müssen sie daher häufiger überbrücken können als andere Nager. „Samenfrüchte wie die Bucheckern sind als Energiequelle unersetzbar für die Tiere.

Sowohl ihre Fortpflanzung, als auch das Überleben der Jungtiere hängt von ihrer Verfügbarkeit ab“, erklärt Jessica Cornils vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie.

„Die Siebenschläfer müssen also ihren eigenen Lebensablauf an den der Buchen anpassen. Wir gingen davon aus, dass das auch die Wahl ihrer Territorien betrifft.“

Das Forschungsteam grenzte seine Untersuchungen auf zwei Möglichkeiten ein. „Nicht jede Buche hat zum selben Zeitpunkt ein Mastjahr“, sagt die Erstautorin. „Eine Möglichkeit regelmäßiger an die Samen zu kommen, wäre damit ein wiederholter Gebietswechsel zwischen Waldstücken mit vielen Vertretern dieser Baumart.“

Die zweite Möglichkeit wäre die langfristige Auswahl eines einzigen Gebietes, in dem etwa mit den Samenfrüchten von Nadelbäumen auch alternative aber weniger energiereiche Futterquellen zur Verfügung stehen.

Kein Gebietswechsel für mehr Bucheckern: Lieber sesshaft und gut versorgt

Für eine Langzeitstudie stellte das Forschungsteam deshalb Nistboxen in Gebieten mit vielen und mit nur einzelnen Buchen auf. Über neun Jahre konnten männliche und weibliche Siebenschläfer diese Boxen für sich beanspruchen. Für die Auswertung der Studie wurden die Futterverfügbarkeit, das Alter und das Geschlecht der Tiere in den einzelnen Gebieten erfasst.

Es zeigte sich, dass die Siebenschläfer fast ausschließlich die Nistboxen in den Waldstücken mit einem ausgewogenen Verhältnis von Buchen und Nadelbäumen bezogen und diese auch nur selten wieder verließen.

Das Team konnte damit erstmals zeigen, dass die Nager unabhängig vom Geschlecht eine pragmatische Wahl treffen. „Sesshaftigkeit war uns bislang eher bei den Siebenschläferweibchen bekannt. Sie verlassen ihr Territorium nur selten, um auf zusätzliche Futtersuche zu gehen“, so Cornils.

„In unserer Studie bevorzugten jedoch die Männchen genauso Territorien mit mehr alternativen Futterquellen. Es waren zwar nicht in jedem Jahr alle Nestboxen gleichwertig besetzt,aber das lässt sich dadurch erklären, dass Siebenschläfer in Jahren ohne Mast schon früher in den Winterschlaf gehen, wenn ihre Fettreserven dies zulassen.

Gebietswechsel konnten wir hauptsächlich bei den Jungtieren feststellen. Dies entspricht allerdings ihrem natürlichen Drang ein eigenes Gebiet zu erschließen.“

Fortpflanzung der Siebenschläfer vom Lebenszyklus der Buche bestimmt

Die Nagetiere vertrauten laut der Studie auf eine Sicherheitsvariante und ein Jahr für Jahr ausgeglichenes Nahrungsangebot. „In Zeiten mit wenig Ertrag der Buchen können sie auf die Nadelhölzer und andere Baumarten als Nahrungsquelle vertrauen.

In den Mastjahren steht ihnen dann wieder das reichliche Angebot an energiereichem Futter zur Verfügung“, erklärt Letztautor Thomas Ruf. „Diese Taktik stellt zwar eine exzellente Überlebensstrategie dar, limitiert allerdings auch die Zeitpunkte um sich fortpflanzen zu können.“

Der Lebenszyklus der Siebenschläfer ist somit eng an den der Buchen rund um ihre Quartiere gebunden. Dank ihres langen Lebens und der Fruchtbarkeit auch noch im hohen Alter sind diese Nagetiere aber in der Lage dies zu kompensieren.

Ein Lebenszyklus mit ertragreichen und schwachen Jahren ist typisch für Bäume der nördlichen Hemisphäre, wie Eichen oder Buchen. Nach der Bildung der energiereichen Samen in den Mastjahren können diese Baumarten in mageren Jahre wieder selbst Energie tanken.

Der Überschuss an Samenfrüchten in der Mast sichert die eigene Fortpflanzung von Eichen und Buchen. Damit bleiben trotz der aufgefressenen Samen genug über, um neue Bäume entstehen zu lassen.

Publikation

Der Artikel „Edible dormice (Glis glis) avoid areas with a high density of their preferred food plant – the European beech“ von Jessica S. Cornils, Franz Hölzl, Birgit Rotter, Claudia Bieber und Thomas Ruf wurde in Frontier in Zoology veröffentlicht.
https://frontiersinzoology.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12983-017-0206-0



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