WWTF Cognitive Sciences Call 2011: 3 Millionen Euro für die Kognitionsforschung in Wien

(23.11.2011) Beim Cognitive Sciences Call 2011 des WWTF werden sieben Projekte gefördert, die sich zum Ziel gesetzt haben, das Verständnis von kognitiven Prozessen bei Mensch, Tier und Maschine zu erweitern, und damit die Arbeits- und Funktionsweise des Gehirns besser zu verstehen.

Die geförderten Wiener Forschungseinrichtungen beschäftigen sich alle gezielt mit Grundlagenforschung und erhalten dafür insgesamt drei Millionen Euro.

Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF)
Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF)
International haben die Kognitionswissenschaften eine enorme Bedeutung: Eine der großen wissenschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit ist es, die Arbeits- und Funktionsweise des menschlichen Gehirns besser zu verstehen. Mit dem ersten Projektcall "Cognitive Sciences" möchte der WWTF die aufstrebenden Kognitionswissenschaften in Wien gezielt stärken.

Es werden vor allem Projekte gefördert, die inter- und transdisziplinär die Erforschung kognitiver Prozesse vorantreiben. "In einigen Feldern ist Wien vorne mit dabei, und diesen Schwung möchten wir unterstützen", so Wiens Bürgermeister Michael Häupl und Michael Stampfer, Geschäftsführer des WWTF, im Rahmen des Bürgermeister-Mediengesprächs am Dienstag.

Großes Interesse in der Community, Vergabe von 3 Millionen Euro

Dementsprechend groß war auch das Interesse aus der Scientific Community: Insgesamt sind 36 Projektanträge beim WWTF eingelangt. Eine internationale 10-köpfige Jury hat - auf Basis einer weltweiten Fachbegutachtung - schließlich sieben Projekte mit einer Gesamtsumme von 3,012 Mio. Euro zur Förderung empfohlen.

Die geförderten Projekte beschäftigen sich mit unterschiedlichen Gebieten der Kognitionswissenschaften und reichen von der tierischen Kognitionsforschung bei Hunden, Wölfen, Krähen und Raben, über die Erforschung der kognitiven Grundlagen visueller Aufmerksamkeit und ästhetischen Empfindens, bis zur kognitiven und evolutionären Basis sozialen Verhaltens.

Die Projektförderung beträgt im Einzelfall zwischen 360.000 Euro und 500.000 Euro, die Projektlaufzeit drei bis vier Jahre.

Sechs der bewilligten Projekte wurden von der Universität Wien eingereicht, eines vom Research Institute of Molecular Pathology (IMP) in Wien. Partnerinstitutionen inkludieren die Veterinärmedizinische Universität Wien, die Medizinische Universität Wien, die Technische Universität Wien und angesehene internationale Universitäten wie die University of Oxford oder die University of St. Andrews.

Die Projekte im Detail:

1. Kognition und Emotion: Wie Imitation, Empathie und prosoziales Verhalten zusammenhängen

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Nachahmung und prosozialem Verhalten. Mit einem vergleichenden und experimentellen Zugang sollen die entwicklungsgeschichtlichen und neurokognitiven Mechanismen an Menschen und auch an Hunden untersucht werden. Bisher beschränkte sich die Forschung auf Menschenaffen. Ein Ziel ist das bessere Verständnis, wie Kooperation ermöglicht wird.

ProjektpartnerInnen sind Claus Lamm an der Universität Wien, Christian Windischberger an der Medizinischen Universität Wien, Marcel Brass an der Universität Ghent, Pier Franceso Ferrari an der Universität Parma und Cecilia Heyes an der Universität Oxford.

Projekttitel: "Like me: The evolutionary and neuro-cognitive basis of the link between imitation, empathy and prosocial behaviour in dogs and humans"
Projektleiter: Ludwig Huber / Universität Wien & Veterinärmedizinische Univ. Wien
Projektdauer: 3 Jahre
Fördersumme: 500.000 Euro

2. Modellierung sozialen Lernens bei Krähen und Raben

Menschen sind wahre Meister des sozialen Lernens, durch Beobachtung und Imitation lernen wir von Familienmitgliedern, Freunden oder fremden Menschen. Krähen und Raben besitzen ein ähnliches Sozialsystem wie Menschen. In diesem Projekt soll untersucht werden, ob Krähen und Raben zum Menschen vergleichbare Lernstrategien haben.

Das Projektteam am Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien führt dazu Beobachtungen im Tierpark Schönbrunn und empirische Verhaltensexperimente in der Forschungsstation Haidlhof durch und kombiniert diese mit mathematischen Modellen der sozialen Netzwerke.

ProjektpartnerInnen sind Thomas Bugnyar an der Universität Wien,  William John Edward Hoppitt an der University of St. Andrews und Regina Pfistermüller von der Tiergarten Schönbrunn GmbH.

Projekttitel: "Modelling social transmission: how relationships, group size and group structure influence social learning in wild and captive corvids"
Projektleiterin: Christine Schwab / Universität Wien
Projektdauer: 3 Jahre
Fördersumme: 360.000 Euro

3. Modellierung visueller Aufmerksamkeit

Das Projekt am Institut für Psychologische Grundlagenforschung an der Universität Wien möchte ein neues Modell der selektiven visuellen Aufmerksamkeit entwickeln, d.h. modellieren, wie Menschen in unserer komplexen visuellen Welt Informationen gezielt wahrnehmen und kognitiv verarbeiten.

Als Schlüsselfaktor der Aufmerksamkeit wird dabei die visuelle Bewegung angesehen. ExperimentalpsychologInnen forschen gemeinsam mit ExpertInnen des maschinellen Sehens aus Mathematik und Informatik an diesem Modell visueller Aufmerksamkeit.

ProjektpartnerInnen sind Otmar Scherzer und Shelley Buchinger an der Universität Wien.

Projekttitel: "Modeling Visual Attention as a Key Factor in Visual Recognition and Quality of Experience"
Projektleiter: Ulrich Ansorge / Universität Wien
Projektdauer: 4 Jahre
Fördersumme: 401.200 Euro

4. Die Rolle des Opiatsystems beim Mitfühlen von Schmerz

Am Institut für Klinische, Biologische und Differentielle Psychologie der Universität Wien werden in diesem Projekt die neuronalen Grundlagen der Empathie und die Rolle des körpereigenen Opiatsystems bei der Empfindung von Schmerz untersucht.

Die Hypothese ist, dass sowohl direkter als auch empathisch empfundener Schmerz vergleichbare Hirnaktivitäten hervorrufen. Dem soll mit einer Kombination von Methoden der sozial-kognitiven Neurowissenschaften, Genetik, neuronaler Bildgebung und Neuropharmakologie nachgegangen werden.

Projektpartner ist Christian Windischberger an der Medizinischen Universität Wien.

Projekttitel: "The role of the opioid system for empathic responses to pain and their link to prosocial behaviour - OPIOIDEMPATHY"
Projektleiter: Claus Lamm / Universität Wien
Projektdauer: 3 Jahre
Fördersumme: 500.000 Euro

5. Die Rolle der Zeit beim ästhetischen Empfinden

Die Annahme dieses Forschungsprojektes ist es, dass die Dauer der Betrachtung eines Kunstwerkes anregende "ästhetische Empfindungen" ermöglicht, die sich von Alltagserfahrungen unterscheiden.

Im Projekt am Institut für Psychologische Grundlagenforschung der Universität Wien werden Fragen und Methoden der Psychologie und Kunstgeschichte miteinander verbunden. Die bisherigen Untersuchungen im Bereich von Millisekunden bis zu wenigen Sekunden sollen nun auf den Minutenbereich ausgedehnt werden.

Die Zeitlichkeit ästhetischen Empfindens soll dabei sowohl im Labor als auch im Kunsthistorischen Museum Wien untersucht werden.

ProjektpartnerInnen sind Raphael Rosenberg, Caroline Fuchs und Michael Forster an der Universität Wien.

Projekttitel: "Time makes the difference! Uncovering the nature of aesthetic experience"
Projektleiter: Helmut Leder / Universität Wien
Projektdauer: 3 Jahre
Fördersumme: 392.200 Euro

6. Kognitive und hormonelle Mechanismen kooperativer Kommunikation  bei Hunden und Wölfen

Ein weiteres Projekt am Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien möchte erforschen, inwiefern Hunde und Wölfe dieselben kognitiven und Motivations-Mechanismen anwenden wie Menschen, wenn sie der Blickrichtung oder den Zeigegesten anderer folgen.

Während Schimpansen es nicht verstehen, wenn jemand ihnen zeigt, wo Futter versteckt ist, können Hunde Nahrung leicht auf diese Weise auffinden. Die Ergebnisse des Projekts werden in weiterer Folge die Evolution menschlicher Kommunikation rekonstruieren helfen, und zu einem besseren Verständnis führen, wie Hunde mit Menschen kommunizieren. ProjektpartnerInnen: Friederike Range (Wolf Science Center), Zsolt Ronai (Semmelweis University).

Projekttitel: "The semantics of talking with the eyes and gestures: the hormonal and cognitive underpinnings of comprehending cooperative intentional communication in domestic dogs and wolves"
Projektleiterin: Zsofia Viranyi / Universität Wien
Projektdauer: 3 Jahre
Fördersumme: 499.000 Euro

7. Die Navigation von Fruchtfliegen: Untersuchung der neuronalen Schaltkreise mit Methoden der Molekulargenetik und Regelungstechnik

Dieses Projekt am Research Institute of Molecular Pathology (IMP) in Wien geht der Frage nach, wie die Fruchtfliege erfolgreich in ihrer Welt navigiert. Zwar sind die kognitiven Fähigkeiten einer Fliege weit von unseren entfernt, aber diese können mit sehr effektiven Werkzeugen untersucht werden.

Das Projekt wird mathematische Algorithmen, neuronale Schaltkreise und molekulargenetische Elemente identifizieren, die an der visuellen Aufmerksamkeit und der Organisation von Verhalten beteiligt sind. Die gewonnenen neurobiologischen Erkenntnisse liefern Inspiration für die Erstellung künstlicher Systeme zur komplexen Zielfindung in unberechenbaren Gebieten. Projektpartner: Technische Universität Wien (Andreas Kugi).

Projekttitel: "Algorithms, neural circuitry, and genetics of high-level visual behavior in the fly"
Projektleiter: Andrew Straw / Research Institute of Molecular Pathology (IMP)
Projektdauer: 4 Jahre
Fördersumme: 359.600 Euro



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