Einheimische Kammmolche suchen gezielt die besten Fortpflanzungsgewässer aus

(09.09.2021) Kammmolche (Triturus cristatus) muten in ihrem verborgenen Unterwasserreich an wie urtümliche kleine Drachen und überraschten nun ein internationales Forscher:innenteam unter der Leitung von Prof. Dr. Sebastian Steinfartz von der Universität Leipzig.

Ihre Forschungsergebnisse zeigen erstmals, dass die vermeintlich ortstreuen Amphibien nicht nur häufiger wandern als bislang angenommen, sondern dabei gezielt in für sie geeignete Gewässer zur Fortpflanzung einwandern.

Diese Erkenntnis ist nicht nur ein entscheidender Baustein für das Verständnis der Ökologie von Amphibien, sondern auch sehr bedeutsam für den angewandten Schutz stark bedrohter Amphibienarten.


Männchen des Nördlichen Kammmolches in Wassertracht - der Rückenkamm verleiht den Tieren nicht nur ihren Namen, sondern auch das urtümliche Aussehen von kleinen Wasserdrachen.

Dem Forscher:innenteam, an dem auch Wissenschaftler:innen der Universitäten Zürich und Lausanne sowie der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz sowie Studierende der Universität Hamburg beteiligt waren, ist es im Rahmen einer mehrjährigen Studie gelungen, auf der Basis von mehr als fünftausend genetisch und ökologisch untersuchten Kammmolchen im Großraum Hamburg einen einzigartigen Einblick in das Wanderverhalten und die Populationsstruktur des Nördlichen Kammmolches zu erhalten.

Sie fanden heraus, dass die bisher als ortstreu betrachteten Molche deutlich häufiger ihr Fortpflanzungsgewässer als bisher angenommen wechseln. Dabei suchen sie gezielt Gewässer auf, die ihnen bessere Bedingungen bieten, also eine höhere Qualität aufweisen.

„Wir waren sehr überrascht, wie viele Individuen in den drei Jahren unserer Studie in verschiedenen Gewässern gefangen werden konnten und dass die Tiere, die vermeintlich nur sehr kurze Distanzen überwinden können, dabei nicht unbedingt das räumlich naheliegendste Gewässer aufsuchten“, berichtet Bianca Unglaub, die in Kürze ihre Doktorarbeit an der Universität Leipzig abschließen wird und von Studierenden der Universität Hamburg bei den arbeitsintensiven und zeitaufwendigen Freilandarbeiten vor Ort unterstützt worden ist.

Vom Aussterben bedrohte Wirbeltiere

Weltweit gehören Amphibien zu der am stärksten zurückgehenden Gruppe von Wirbeltieren überhaupt. Und auch in Deutschland sind Frösche, Molche und Salamander vielerorts vom Aussterben bedroht.

„Der Kammmolch zählt nicht nur zu den größten Molcharten, sondern aufgrund des stark gezackten Rückenkammes der Männchen zur Fortpflanzungszeit zu den spektakulärsten Amphibienarten vor unserer Haustür“, erklärt Prof. Steinfartz vom Institut für Biologie der Universität Leipzig.

Männchen und Weibchen zeichnen sich durch eine auffällig gelb-orange gefleckte Bauchzeichnung aus, die für jedes Individuum einmalig ist und daher wie ein Fingerabdruck zur Unterscheidung einzelner Tiere genutzt werden kann. Der Kammmolch kommt in fast ganz Mitteleuropa vor, jedoch sind die einzelnen Populationen oft in ihren Beständen stark bedroht und weisen einen kritischen Erhaltungszustand auf.

Wie andere Amphibienarten auch, leiden Kammmolche vor allem unter der zunehmenden durch den Menschen verursachten Zerstörung und Veränderung ihrer aquatischen Lebensräume, die aus Teichen, Tümpeln und Weihern bestehen.

Daher sind Kammmolche in Deutschland streng geschützt und werden im Anhang II der Flora-Fauna-Habitat (FFH) Richtlinie gelistet. Im Verlauf eines Jahres wandern Amphibien zwischen ihren Winterquartieren an Land und ihren Fortpflanzungsgewässern.

„Um den aktuellen besorgniserregenden Rückgang von Amphibien entgegenzuwirken und geeignete Schutzmaßnahmen zu entwickeln, ist es daher besonders wichtig, das Verhalten von Amphibien in ihren natürlichen Lebensräumen besser zu verstehen“, betont der Biologe. Weitere Kenntnisse über die individuellen Wanderbewegungen und die räumliche Dynamik von Amphibienpopulationen seien der Schlüssel für erfolgreiche Schutzmaßnahmen.

„Die Untersuchungsergebnisse legen nahe, dass Kammmolche und wahrscheinlich auch viele andere Amphibien bevorzugt in Gewässer einwandern, die ihnen bessere Umweltbedingungen und somit einen höheren Fortpflanzungserfolg bieten“, erklärt Prof. Steinfartz.

In Gewässern mit hoher Qualität hätten die Individuen zwar keine höheren Überlebenschancen, wiesen aber nachweislich einen größeren Fortpflanzungserfolg auf, erläutert der Leiter der Untersuchung weiter.

Die Gewässerqualität hat demnach einen entscheidenden Einfluss auf das Wanderverhalten von Individuen und somit auf die demographische und genetische Struktur von Amphibienpopulationen, zumal die Kammmolche aus schlechten Gewässern abwandern.

„Die Studie gibt klare Hinweise, wie der Kammmolch geschützt werden kann“, sagt der Mitautor Dr. Benedikt Schmidt, der an der Universität Zürich lehrt und für die Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (KARCH) arbeitet. „Entscheidend ist die Qualität des Weihers und seiner Umgebung, denn die Lebensraumqualität bestimmt das Wanderverhalten, aber auch die Größe der Populationen und die Fortpflanzung. Durch einfache Pflegemaßnahmen können bestehende Kammmolch-Gewässer attraktiver gemacht werden, wie zum Beispiel die Minimierung von Fischbesatz und Uferbeschattung.“

Auf diese Weise könne der Fortpflanzungserfolg und dadurch auch die Überlebensfähigkeit der gesamten Population erhöht werden.

Publikation

Originaltitel der Veröffentlichung in „Molecular Ecology“:
Context-dependent dispersal determines relatedness and genetic structure in a patchy amphibian population”, doi.org/10.1111/mec.16114


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