Neue Erkenntnisse zum komplexen Stammbaum der Schildkröten

(30.11.2015) Tübinger Wissenschaftler fahndet an Fossilien der Jehol-Gruppe aus dem Nordosten Chinas nach den Vorfahren heute lebender Arten

Heutige Meeresschildkröten sind die einzigen Überlebenden eines einst an Meeresreptilien sehr reichen Ökosystems aus der Zeit der Dinosaurier. Sie stammen aus der Kreidezeit vor 130 bis 140 Millionen Jahren und haben sich wahrscheinlich aus Vorfahren entwickelt, die im Süßwasser lebten.

Diese sind jedoch bisher nicht entdeckt worden. In einer neuen Studie versuchen Dr. Chang-Fu Zhou von der Shenyang Normal University of Liaoning und Dr. Márton Rabi aus der Arbeitsgruppe Biogeologie der Universität Tübingen und der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Vorfahren heutiger Meeresschildkröten unter Fossilien der Jehol-Gruppe aus dem Nordosten Chinas zu finden. Die Studie wurde kürzlich in den Scientific Reports veröffentlicht.


Lebendrekonstruktion der Schildkröte Xiaochelys ningchengensis im Süßwasser beim Erbeuten eines kleinen Fisches (Lycoptera), der in der gleichen Schicht gefunden wurde wie die Schildkröte

Als Jehol-Gruppe werden reiche Funde eines kreidezeitlichen Ökosystems aus einem mehrschichtigen Gesteinsblock bezeichnet, der sich in den chinesischen Provinzen Liaoning, Hebei und der Inneren Mongolei erstreckt. Vor rund 125 Millionen Jahren wurde dort eine ganze Reihe von Lebewesen konserviert.

Die Fundstelle ist durch die Entdeckung gefiederter Dinosaurierfossilien bekannt, welche die Abstammung heutiger Vögel von Dinosauriern belegten. Der erste Fund eines Wirbeltiers, der 1942 aus der Jehol-Gruppe beschrieben wurde, war jedoch eine von vielen dort zu findenden Schildkröten.

In der aktuellen Studie beschreiben Zhou und Rabi eine neue Schildkrötenart aus der Jehol-Gruppe, Xiaochelys ningchengensis, und untersuchten ihr Verwandtschaftsverhältnis zu heutigen Meeresschildkröten.

Sie verwendeten dabei vergleichende Untersuchungen der Morphologie, also der Gestalt und Form, sowie früher gewonnene genetische Daten lebender Arten und erstellten einen umfassenden Abstammungsbaum der modernen Schildkröten.

Die Forscher untersuchten die früher aufgestellte Hypothese, dass die Jehol-Schildkröten zu einer Abstammungslinie gehören, die später in der Evolution die heutigen Meeresschildkröten hervorbrachte. „Nach unseren Ergebnissen sind die Jehol-Schildkröten stattdessen aber eher auf der Abstammungslinie einzuordnen, die zu den sogenannten Halsberger-Schildkröten führt”, sagt Zhou.

Die Halsberger-Schildkröten (Cryptodira), unter ihnen auch die Meeresschildkröten, können ihren Kopf und Hals in einer S-förmigen Bewegung senkrecht zum Panzer einziehen. „Jedoch erscheint es statistisch gesehen nur wenig schlechter abgesichert, dass sie evolutionär nahe den Meeresschildkröten zu platzieren sind“, fügt Rabi hinzu.

Daher gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die frühesten bekannten Meeresschildkröten den Arten aus der Jehol-Gruppe sehr ähnlich gesehen haben müssen.

„Durch die besonders gute Konservierung der Fossilien erhalten wir Einblicke in die Abstammung der Halsberger-Schildkröten. Zu ihnen gehören rund drei Viertel der heute noch lebenden Schildkrötenarten“, sagt Chang-Fu Zhou.

Die Studie mache deutlich, dass die Entstehung der hauptsächlichen Anpassungen der Meeresschildkröten noch unklar ist. Dazu gehört das reduzierte Skelett und die zu großen, steifen Paddeln erweiterten Flossen, die ihnen eine Fortbewegung ermöglichen, die an ein Fliegen unter Wasser erinnert.

„Der Ursprung der Meeresschildkröten war einer der großen morphologischen Übergänge in der Evolution der Wirbeltiere. Wie das vor sich ging, ist aber noch weitgehend unklar. Es war eine sehr erfolgreiche Anpassung, und es ist wirklich deprimierend zu sehen, dass diese letzten Überlebenden der Meeresreptilien nach mehr als 130 Millionen nun vom Aussterben bedroht sind”, sagt Rabi.

Publikation

Chang-Fu Zhou, Márton Rabi: A sinemydid turtle from the Jehol Biota provides insights into the basal divergence of crown turtles
Scientific Reports, 5, 16299, DOI 10.1038/srep16299



Weitere Meldungen

Die goldfarbige Indische Klappenweichschildkröte (Lissemys punctata); Bildquelle: Hinrich Kaiser

Indische Klappenweichschildkröte aufgrund einer Genmutation golden gefärbt

Nachdem am 21. Juli 2020 die Meldung über eine goldfarbige Indische Klappenweichschildkröte (Lissemys punctata) durchs Internet schoss, kann man Berichte über goldene Schildkröten nicht mehr als Legendenmaterial abwinken.
Weiterlesen

Die Callagur-Schildkröte (Batagur borneoensis) aus Südostasien wurde in den letzten 30 Jahren durch die Ausbeutung als Nahrungsmittel fast ausgerottet.; Bildquelle: Callagur-Schildkröte

Mehr als die Hälfte aller Schildkrötenarten von der Ausrottung bedroht

51 internationale Schildkröten-Fachleute haben am 23. Juni 2020 die umfassendste Studie über die globale Gefährdung von Schildkröten im Fachjournal „Current Biology“ veröffentlicht
Weiterlesen

Anhand von genetischen Untersuchungen wurde eine zweite Art der Fransenschildkröte entdeckt.; Bildquelle: Henrik Bringsøe

Neue Art der Fransenschildkröten entdeckt

Senckenberg-Wissenschaftler Uwe Fritz hat mit einem internationalen Team anhand von genetischen Untersuchungen eine neue Fransenschildkröten-Art beschrieben. Bislang war man davon ausgegangen, dass es nur eine einzige Art der Gattung Chelus gibt
Weiterlesen

Der Schädel von Schildkröten unterscheidet sich stark von dem anderer Reptilien.; Bildquelle: I. Werneburg

Weiteres Teil der Schildkrötenevolution hinzugefügt

In einer im Fachjournal „Nature Scientific Reports“ veröffentlichten Studie hat Senckenberger Ingmar Werneburg mit einem internationalen Team bestehende Hypothesen widerlegt und neues Licht auf die Evolution der Schädelarchitektur geworfen
Weiterlesen

Der venezolanische Paläontologe Rodolfo Sánchez neben dem Panzer eines Stupendemys geographicus Männchens; Bildquelle: Edwin Cadena

Ausgestorbene Riesenschildkröte hatte fast 3 Meter langen Panzer mit Hörnern

Paläobiologen der Universität Zürich haben in Venezuela und Kolumbien Überreste einer ausgestorbenen Süsswasser-Schildkröte entdeckt
Weiterlesen

Schimpanse im Loango Nationalpark in Gabun beim Verzehr einer Schildkröte; Bildquelle: Erwan Theleste

Schildkröten auf dem Speiseplan von Schimpansen

Freilebende Schimpansen fressen Schildkröten, nachdem sie deren Panzer an Baumstämmen aufgeschlagen haben
Weiterlesen

Rot markiert ist hier der Oberschenkelknochen, der den großen Tumor aufweist.; Bildquelle: SMNS / R. Schoch

Knochenkrebs an der ältesten fossilen Schildkröte entdeckt

Die paläopathologische Studie wurde im angesehenen Journal für Krebsforschung der American Medical Association, JAMA Oncology, veröffentlicht
Weiterlesen

Fossile Schildkröten aus dem ZNS; Bildquelle: Markus Scholz / Uni Halle

Neue Studie: Woher kommen Riesenschildkröten?

Die Evolution von Riesenschildkröten ist womöglich nicht so stark an Inseln gebunden, wie dies bisher angenommen wurde. Auch auf dem Festland entwickelten sich unabhängig voneinander mehrere Arten der großen Tiere
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen