Weltweit mehr Todesopfer durch Schlangenbisse als bisher angenommen

(05.12.2011) Die Häufigkeit tödlicher Schlangenbisse übersteigt bei weitem bisherige Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation, berichteten führende Forscher, darunter Dr. Ulrich Kuch, Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F), beim Kongress der Amerikanischen Gesellschaft für Tropenmedizin und Hygiene (ASTMH) in Philadelphia (USA).

Sie zeigten auf, dass die behördlich erfassten Fallzahlen aufgrund der Struktur des Gesundheitssystems in Entwicklungsländern deutlich unterhalb der wirklichen Zahl der Todesopfer liegen. Neue Ansätze zur Behandlung sind Motorrad-Ambulanzen, Schnelltests und bessere Gegengifte.

Nur drei Prozent der Schlangenbiss-Opfer werden medizinisch behandelt

Brillenkobra
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Einer der wichtigsten Gründe für die niedrigen registrierten Fallzahlen ist, dass viele Opfer von Schlangenbissen keine medizinische Behandlung in Anspruch nehmen, sondern außerhalb medizinischer Einrichtungen Hilfe suchen und sterben.

Eine Untersuchung zeigte, dass nur 3 Prozent der behandelten Bissopfer direkt zu einem Arzt oder Krankenhaus gelangten – aber 86 Prozent zu Wunderheilern. Wie die Wissenschaftler berichteten, gehen die Gründe dafür weit über Tradition und Glauben hinaus. Medizinische Versorgung ist oft weit entfernt und der Transport teuer.

Außerdem ist das lebensrettende Gegengift in vielen Regionen Mangelware und eine Krankenhausbehandlung unerschwinglich. „Die Leute sterben in ihren Dörfern, ohne dem Gesundheitssystem zur Last zu fallen oder von ihm wahrgenommen zu werden,” sagt Dr. Ulrich Kuch, Leiter der Arbeitsgruppe „Aufkommende und Vernachlässigte Tropenkrankheiten“ am Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) in Frankfurt am Main. “Sie tauchen in den Statistiken einfach nicht auf.”

Neue Studie zu Schlangenbiss-Opfern widerlegt offizielle Schätzungen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass bis zu 5 Millionen Menschen jährlich von Schlangen gebissen werden. 300.000 dieser Vergiftungen führen zu bleibenden Schäden wie Amputationen und etwa 100.000 Menschen pro Jahr sterben an Schlangenbissen. Zwei neue Studien enthüllen nun die wahre Größenordnung des Problems.

Eine in “PLoS Neglected Tropical Diseases” publizierte Untersuchung zeigt, dass allein in Indien jedes Jahr 46.000 Menschen an Schlangenbissen sterben – die offizielle Statistik listet nur 2.000. Eine zweite Veröffentlichung berichtet von 700.000 Schlangenbissen und 6.000 Toten pro Jahr in Bangladesch, was bisherige Schätzungen ebenfalls deutlich übertrifft. Am schwersten betroffen sind Kinder.

Vergiftung durch Schlangenbiss - eine vernachlässigte Tropenkrankheit

"Im 21. Jahrhundert sind Vergiftungen durch Schlangenbisse die am meisten vernachlässigte unter allen so genannten 'Vernachlässigten Tropenkrankheiten'”, so der Tropenmediziner Prof. David Warrell, Oxford University, einer der Verfasser der Studie.

Unter dem Begriff 'Vernachlässigte Tropenkrankheiten' faßt man eine Gruppe von Erkrankungen zusammen, die vor allem arme Bevölkerungsschichten in Entwicklungsländern betreffen und Armut schaffen oder verschlimmern.

Für Vorbeugung oder Behandlung gibt es oft noch keine geeigneten Mittel oder die benötigten Medikamente sind für die Betroffenen nicht verfügbar.

Wissenschaftler entwickeln neue Lösungen für globales Problem

“Es sterben mehr Menschen durch Schlangenbisse als durch einige der bekannten Tropenkrankheiten wie die Chagas-Krankheit oder Leishmaniose, aber die Opfer von Schlangenbiss-Vergiftungen sterben schnell und haben keine Lobby.

Deshalb werden sie von den großen Stiftungen, Förderorganisationen und Philanthropen genauso ignoriert wie von der Entwicklungshilfe,” sagt Warrell.

Ohne globale Hilfsprogramme am Horizont haben es sich einzelne Wissenschaftler, Forschungsinstitutionen und örtliche Selbsthilfegruppen zur Aufgabe gemacht, Lösungen für die am schlimmsten von Schlangenbiss-Vergiftungen betroffenen Regionen der Welt – in Asien, Afrika und Lateinamerika – zu entwickeln.

Über ihre Ergebnisse berichteten sie heute in einem vom Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) organisierten Symposium beim Kongress der Amerikanischen Gesellschaft für Tropenmedizin und Hygiene (ASTMH).

Motorrad-Ambulanzen könnten Weg zum Gesundheitszentrum ebnen

In einer der Erfolgsgeschichten wurden Motorradfahrer trainiert, als “Motorrad-Ambulanzen” Bissopfer zu einem Schlangenbiss-Behandlungszentrum zu fahren. Beim Kongress in Philadelphia vorgestellte Daten zeigten, dass dieses Programm im Südosten Nepals die Sterblichkeit nach Schlangenbissen erheblich senken konnte – im Vergleich mit anderen Dörfern der Gegend von 10,5 Prozent auf 0,5 Prozent.

Das Projekt wurde von Prof. François Chappuis, Abteilung für Internationale und Humanitäre Medizin der Genfer Universiätskliniken, und seinem nepalesischen Kollegen Prof. Sanjib Sharma ins Leben gerufen, nachdem eine Studie gezeigt hatte, dass 80 Prozent der Todesfälle durch Schlangenbisse in dieser Gegend Nepals sich außerhalb einer medizinischen Einrichtung ereigneten und die Hälfte dieser Opfer auf dem Weg zur Behandlung starben.

Schnelltests sollen Diagnostik erleichtern und verkürzen

Die Forscher präsentierten außerdem vielversprechende Daten aus der Entwicklung neuer Schnelltests. Sie erlauben es Ärzten, eine sichere Diagnose zu stellen und zu entscheiden, ob und welches Gegengift den Patienten gespritzt werden muss. Gängige Praxis ist, mit der Gabe des lebensrettenden Antivenins zu warten, bis sich Symptome einer Vergiftung zeigen.

Das ist sinnvoll, weil die kostbaren Gegengifte rar sind. Da es sich um körperfremde Eiweissstoffe handelt, könnten beim Menschen außerdem ernstzunehmende Nebenwirkungen auftreten. Das Gift einiger Schlangenarten zerstört Teile des Nervensystems aber schon, bevor die Vergiftung überhaupt sichtbar wird – und solche Schäden, die zur oft tödlichen Atemlähmung führen, lassen sich durch die Gabe des Gegengifts nicht mehr rückgängig machen.

Der Test sieht aus wie ein Schwangerschaftstest und funktioniert ähnlich: Schon 20 Minuten nach dem Auftragen eines Tropfens Blut zeigt das Erscheinen von zwei rosa Linien an, dass sich Gift der gesuchten Schlangenart darin befindet. Mit dieser Information können Ärzte viel früher die wichtige Entscheidung treffen, Antivenin zu verabreichen – ohne das Auftreten lebensbedrohlicher Zustände abwarten zu müssen.

„Dadurch, dass der Test so robust und einfach zu handhaben ist, ist er für einen Einsatz in den ländlichen Tropen ideal,“ sagt Privatdozent Dr. Frank Gessler, Geschäftsführer der miprolab GmbH. Gemeinsam mit den Schlangenbiss-Forschern ist es dem Göttinger Unternehmen gelungen, Schnelltests zum Nachweis der Gifte von Kettenvipern und Kraits herzustellen, die im südlichen Asien die meisten Todesfälle nach Schlangenbissen verursachen.

Massen-Gen-Tests für ein „Who’s Who“ der Schlangenbisse

Unerlässlich für den Erfolg solcher Projekte ist die Kenntnis der Biodiversität, mit der man es zu tun hat. „Die Sammlungen und DNA-Banken der Senckenberg-Forschungsinstitute und anderer Forschungsmuseen sind dafür Fundament und Referenz-Standard,“ erklärt Dr. Kuch vom Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F).

„Hier wird dokumentiert, identifiziert und für kommende Generationen haltbar gemacht, was uns an Artenvielfalt und genetischer Vielfalt begegnet und letztlich ganze Lebensräume ausmacht.“

Genau das definiert auch, welche Schnelltests und Gegengifte in welcher Region der Erde benötigt werden, und die Gifte welcher Schlangen man zu ihrer Herstellung braucht.

„Stimmt die Grundlage nicht, die Bestimmung und richtige Benennung der Vielfalt an Spezies und Toxinen und ihrer Funktionen, dann ist später alles falsch – vom Antivenin bis zur Modellrechnung über zukünftige Verbreitungsgebiete auf unserem wärmer werdenden Planeten,“ betont der Biologe. In Südasien warten dazu schon die nächsten Aufgaben.

Denn in Bangladesch, Indien und Nepal gibt es nur ein Antivenin, gegen die Gifte von vier Arten. Wie Kuch und andere Wissenschaftler kürzlich in „Brain“, „PLoS Neglected Tropical Diseases“, „Southeast Asian Journal of Tropical Medicine and Public Health“ und den „Transactions“ der Royal Society of Tropical Medicine and Hygiene berichteten, sind dort aber viel mehr Schlangenarten an Bissunfällen beteiligt.

Hier soll eine Studie aufklären, die Methoden aus der Rechtsmedizin nutzt. Mit Massen-Gen-Tests wollen die Forscher Spuren-DNA der Schlangen identifizieren, um eine räumliche und zeitliche Kartierung der Bisse durch die verschiedenen Arten zu erreichen. Dies ist wiederum Grundvoraussetzung für zielgerichtete Vorbeugung, Diagnostik und Therapie.




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