Farbwechsel hilft Zwergbarschen bei der Jagd

(22.03.2015) Basler Zoologen sind einem Geheimnis der farbenprächtigen Korallenriffe auf der Spur: Sie haben vor Australien Zwergbarsche entdeckt, die ihre Farbe ändern, um andere Fische zu imitieren – und um dann deren Jungen leichter fressen zu können.

Der Farbwechsel hilft den Zwergbarschen auch, sich vor eigenen Fressfeinden zu schützen. Die Arbeit wird in der aktuellen Ausgabe des renommierten Wissenschaftsmagazins «Current Biology» vorgestellt.

Tropische Korallenriffe wie das Great Barrier Reef vor Australien gehören zu den farbenprächtigsten Lebensräumen der Erde. Doch diese Farbenvielfalt stellt die Wissenschaft immer noch vor Rätsel: Wieso kommen gerade dort so viele bunte Organismen wie Korallen, Krustentiere und Fische auf engstem Lebensraum vor?


Gelbe Zwergbarsche kommen auf lebenden Korallen vor, auf denen sie getarnt sind

Besonders viele Farbvarianten weist etwa der braune Zwergbarsch Pseudochromis fuscus auf, der zum Teil auch noch die Farbe wechseln kann. Doch warum Zwergbarsche, die bis 10 Zentimeter gross werden können, mehrere Farbformen haben und ihre Farbe wechseln, blieb lange ungeklärt.

Einem internationalen Forschungsteam um die Basler Evolutionsbiologen Dr. Fabio Cortesi und Prof. Walter Salzburger ist es nun gelungen, die ökologischen und evolutionären Grundlagen des Farbwechsels bei den Zwergbarschen aufzuklären. Bisher wurde angenommen, dass ihre Farbenvielfalt genetisch bedingt ist – dass sich also die verschiedenfarbigen Zwergbarsche an unterschiedliche Hintergrundfarben anpassen.

Die Zoologen zeigten nun aber, dass Zwergbarsche ihre Farbe aktiv und innerhalb von relativ kurzer Zeit ändern können. Ihr Ziel dabei: andere Fischarten in ihrer Umgebung zu imitieren, um sich dann an deren Nachkommen gütlich zu tun.

«Wölfe im Schafspelz»

Lug und Trug sind im Tierreich alltäglich und dienen dazu, sich Zugang zur Nahrung oder Partnern zu erleichtern oder um sich vor Feinden zu tarnen. Wird allerdings zu oft oder im falschen Moment getäuscht, dann riskieren die Betrüger, aufzufliegen. Die Basler Forscher konnten bei den Zwergbarschen nun ein besonders raffiniertes Vorgehen beobachten: Die Fische imitieren abwechselnd verschiedene harmlose Fischarten in ihrer Umgebung, um zu verhindern, dass sie von ihrer Beute, den Jungen der imitierten Fische, erkannt werden.

«Diese Strategie ist dem klassischen Beispiel des Wolfs im Schafspelz sehr ähnlich. Die Zwergbarsche nutzen aber zusätzlich den Vorteil aus, ihr Aussehen kurzerhand wechseln zu können, wenn die Beutefische Verdacht schöpfen und achtsam werden», kommentiert Erstautor Dr. Fabio Cortesi die Befunde. Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit Kollegen in Australien, Grossbritannien, Kanada und Schweden im Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens durchgeführt.

Forscher trainieren Fische

Der Farbwechsel bringt den Zwergbarschen jedoch auch noch weitere Vorteile ein – sie können sich damit besser tarnen. So trainierten die Forscher die etwas grösseren Forellenbarsche darauf, Bilder von Zwergbarschen vor verschiedenen Hintergründen anzugreifen.

Dabei zeigte sich, dass die Forellenbarsche weniger auf Fischbilder losgingen, die zur Farbe des natürlichen Hintergrunds jener Fische passte, welche die Zwergbarsche jeweils imitierten. «Die Zwergbarsche haben also eine ausgeklügelte Form der Tarnung entwickelt, die ihnen nicht nur einen räuberischen Vorteil verschafft, sondern sie gleichzeitig auch noch vor ihren eigenen Fressfeinden schützt», fasst Cortesi die Resultate der Studie zusammen.

Ein Teil des Rätsels der Farbenpracht der tropischen Korallenriffe scheint damit gelöst. Ihre Bewohner zeigen eine fast unglaubliche Vielfalt an Farben und Formen, von denen viele die Funktion des Warnens und Tarnens haben, wie bekannt ist.

So imitieren Steinfische ihre Umgebung, um sich neugierigen Blicken zu entziehen, marine Nacktschnecken kündigen ihre Widerwärtigkeit durch grelle Warnsignale an und Tintenfische wechseln blitzschnell ihre Farben, um je nach Situation Partner zu umwerben oder sich vor Feinden zu tarnen.

Originalbeitrag

Fabio Cortesi, William E. Feeney, Maud C. O. Ferrari, Peter A. Waldie, Genevieve A. C. Phillips, Eva C. McClure, Helen N. Sköld, Walter Salzburger, N. Justin Marshall, and Karen L. Cheney
Phenotypic plasticity confers multiple fitness benefits to a mimic
Current Biology, published online 19 March 2015, doi: 10.1016/j.cub.2015.02.013



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