Trojanischer Flohkrebs - Eingeschleppter Parasit schwächt heimische Fische

(05.02.2013) Gebietsfremde Arten verdrängen zunehmend heimische Spezies aus ihren angestammten ökologischen Nischen. Wie sie das anstellen, ist vielfach nicht belegt. Wissenschaftler des Biodiversität und Klima Forschungsinstituts (BiK-F) und des Senckenberg Forschungsinstituts (SGN) sind im Rhein auf Fischzug gegangen, um einem aktuellen Verdrängungsprozess auf die Spur zu kommen.

Sie haben der eingeschleppten Schwarzmundgrundel in den Magen geschaut und dort entdeckt: Die Grundeln sind nicht allein gekommen. Sie haben ihr angestammtes Futter dabei – und einen Parasiten, an den die heimischen Fische nicht gut angepasst sind. Schwimmt die Grundel deshalb auf der Überholspur?


Die drei häufigsten invasiven Grundeln im Rhein im direkten Vergleich von links nach rechts: die Kessler Grundel Neogobius kessleri, die Schwarzmundgrundel Neogobius melanostomus und die Flussgrundel Neogobius fluviatilis

Für Angler sind sie echte Plagegeister: Die Schwarzmundgrundel (Neogobius melanostomus) stellt in Rhein und Main derzeit die häufigste von insgesamt fünf invasiven, neozoischen Grundeln dar. Das bedeutet: Die Grundeln sind hier eigentlich nicht heimisch, es handelt sich um sogenannte Neozoen – eingeschleppte bzw. eingewanderte Tierarten. Als invasiv werden dabei diejenigen Arten bezeichnet, welche relevante ökologische Schäden verursachen.

Zuwachs im Rhein: invasive Tierarten

Mittlerweile existieren zahlreiche eingewanderte Fischarten und Krebstiere in Rhein und Main. Die Kessler Grundel (N. kessleri), die Schwarzmundgrundel (N. melanostomus) und die Flussgrundel (N. fluviatilis) sowie eine Reihe verschiedener Flohkrebsarten (Amphipoda) sind die häufigsten Vertreter.


Ihr ist jeder Köder recht: Kaum ist der Haken im Wasser, hängt auch schon eine Grundel dran

„Etwa ein Viertel der aquatischen invasiven Arten stammen aus der Ponto-Kaspischen Region, hauptsächlich aus dem Schwarzmeerraum und dem Kaspischen Meer, wobei die Schwarzmundgrundel und der Große Höckerflohkrebs (Dikerogammarus villosus) zu den prominenten Beispielen zählen“, so Prof. Dr. Sven Klimpel von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und BiK-F.

Die Grundeln vermehren sich rasant. „Insbesondere die Schwarzmundgrundel ist inzwischen mit Abstand die dominanteste Fischart im Rhein und nicht nur unter Biologen, sondern auch unter Berufs- und Hobbyfischern in aller Munde“, resümiert der Projektmitarbeiter Sebastian Emde.

Für die gerade im renomierten Fachmagazin PLoS ONE veröffentlichte Studie hatten die Wissenschaftler im Rhein die Angel ausgeworfen, um Nahrungsökologie und Parasitenfauna der Grundeln sowie der invasiven Flohkrebsarten zu untersuchen und dabei mehr über Konkurrenzdruck und Parasit-Wirt-Beziehungen zu erfahren.

Dabei konnten sie am Untersuchungsort keinerlei einheimischen Flohkrebs-Arten wie beispielsweise Gammarus pulex mehr finden. Die Grundeln hatten entsprechend ausschließlich Flohkrebse gefressen, die wie sie selbst aus der Region des Schwarzen und Kaspischen Meeres eingewandert sind.

Über 90% der Schwarzmundgrundeln waren zudem mit einem Parasiten befallen, dem ebenfalls nicht heimischen Kratzer Pomphorhynchus tereticollis (Acanthocephale). Die Grundel und ihre Lieblingsspeise, der invasive Höckerflohkrebs, fungieren für den Parasiten als Zwischenwirte: Den Flohkrebs benötigt er zur Entwicklung. Die Grundel nutzt er als Transportwirt zur Verbreitung.

Die Zielwirte, größere Fische, infizieren sich, wenn sie Grundeln fressen. Es sind also zwei invasive Arten für die starke Verbreitung eines Parasiten verantwortlich, welcher ebenfalls in dieser Region vorher nicht heimisch war.

Trojanischer Flohkrebs - Eingeschleppter Parasit schwächt heimische Fische

Was bedeutet das nun für Barbe, Döbel und Forelle? Genau wie für die invasiven Grundelarten ist der Höckerflohkrebs zur Hauptnahrungsquelle heimischer Fischarten geworden, stellte Klimpel fest: „Das ist energetisch zunächst von Vorteil für die Fische, denn diese Krebstiere sind massenhaft vorhanden.“

Der Nachteil für die einheimischen Fischarten: Ihr Immunsystem kennt sich mit den für sie neuen Parasiten nicht aus, weil der Prozess einer gemeinsamen Koevolution nicht stattgefunden hat. Gegenüber hiesigen Schädlingen und Krankheitserregern haben die Fische eine gewisse Widerstandsfähigkeit entwickelt, doch gegen gebietsfremde Organismen besitzen sie oft nur geringe oder gar keine natürlichen Abwehrkräfte. Möglicherweise sterben die Tiere daher durch den Parasiten früher oder sind in ihrer Fitness eingeschränkt.

Verdrängungsmechanismus aufgedeckt

Die Höckerflohkrebs-Parasit-Grundel-Verkettung steht also modellhaft für einen der vielen Mechanismen, mittels deren eingewanderte Arten gravierende Auswirkungen auf heimische Ökosysteme haben können: „Wenn invasive Arten durch die Verdrängung einheimischer Arten dominieren und dabei auch noch Wirte für bestimmte neue Parasiten und Krankheitserreger sind, können sich Krankheiten leichter ausbreiten“, gibt der Parasiten-Experte Klimpel zu bedenken. Letztendlich kann dies zum Verschwinden heimischer Arten aus einem Lebensraum wie dem Rhein führen.

Klimpels Fazit: „Der Schutz der heimischen Artenvielfalt dient auch der Gesundheit der Organismen im jeweiligen Ökosystem.“

Emde S, Rueckert S, Palm HW, Klimpel S (2012) Invasive Ponto-Caspian Amphipods and Fish Increase the Distribution Range of the Acanthocephalan Pomphorhynchus tereticollis in the River Rhine. PLoS ONE 7(12): e53218. doi:10.1371/journal.pone.0053218



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