Neue Familie für den Gollum-Schlangenkopffisch

(30.09.2020) Senckenberg-Wissenschaftler Ralf Britz hat mit einem internationalen Team eine neue Familie der Knochenfische beschrieben. Die unterirdisch in wasserführenden Gesteinen lebenden Fische wurden erst kürzlich in Südindien entdeckt.

Sie konnten nun mittels computertomographischen, molekulargenetischen und morphologischen Untersuchungen einer neuen Familie zugeordnet werden.

Die Analyse der Forschenden zeigt zudem, dass sich die neue Familie der Aenigmachannidae schon früh von ihrer Schwestergruppe Channidae getrennt hat und heute ein sogenanntes „lebendes Fossil“ ist. Die Studie erscheint heute im Fachjournal „Scientific Reports“.


Der erst 2019 in Kerala entdeckte Schlangenkopffisch Aenigmachanna gollum gehört zur neuen Familie der Aenigmachannidae.

Entlang des Küstensaumes der Western Ghats, einem Gebirge im Westen Indiens, hat sich eine endemische Fauna von Grundwasser bewohnenden Organismen entwickelt. „Bislang gibt es dort zehn bekannte Fischarten. Die erste Art aus diesem Habitat wurde bereits 1950 beschrieben.

Die jüngste Entdeckung liegt erst ein Jahr zurück: Der Knochenfisch Aenigmachanna gollum, benannt nach Tolkiens ‚Herr der Ringe’- Figur Gollum“, erklärt Dr. Ralf Britz von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden und fährt fort: „Diesen, äußerlich an einen Schlangenkopffisch erinnernden, Fisch haben wir nun mit neuen Methoden detailliert unter die Lupe genommen.“

Anhand von computertomographischen, molekulargenetischen und morphologischen Untersuchungen konnten Britz und seine internationalen Kollegen einige signifikante Unterschiede zwischen der untersuchten Art und weiteren Vertretern der Schlangenkopffische aus der Familie Channidae feststellen.

„Besonders auffällig sind die verkürzte Schwimmblase, die schon in der Körpermitte endet und das Fehlen des akzessorischen Atmungsorgans“, erläutert der Dresdner Biologe und fährt fort: „Die morphologischen, aber auch genetischen Unterschiede sind so groß, dass wir Aenigmachanna gollum einer eigenen, neuen Familie, den Aenigmachannidae, zugeordnet haben!“

Die Süßwasserfische leben unterirdisch in wasserführenden Gesteinsschichten.; Bildquelle: R. Britz
Die Süßwasserfische leben unterirdisch in wasserführenden Gesteinsschichten.

Die Forschenden schreiben zudem in ihrer Studie, dass der schlanke, etwa zehn Zentimeter lange Fisch einige evolutionär sehr ursprüngliche Merkmale aufweist. Eine Erklärung hierfür könnte die Entwicklungsgeschichte des Tiers sein: Die phylogenetische Analyse zeigt, dass die neue Familie und deren Schwestergruppe Channidae sich vor mindestens 34 oder sogar 109 Millionen Jahren getrennt haben.

„Es erscheint plausibel, dass die Aenigmachannidae eine evolutionäre Linie sind, die das Auseinanderbrechen des Superkontinents Gondwana vor etwa 100 Millionen Jahren überlebte und dann mit dem indischen Subkontinent nach Norden driftete – man kann die Tiere daher auch als ‚lebende Fossilien’ innerhalb der Schlangenkopffische bezeichnen“, ergänzt Britz.

Die besondere Lebensweise der Fische könnte auch zu deren Bedrohung werden: Die zwei Arten der neu beschriebenen Familie leben unterirdisch in wasserführenden Lateritgesteinen. „Diese Grundwasservorkommen werden für mehr als sechs Millionen private Brunnen genutzt – eine gesteigerte Wasserentnahme würde den Knochenfischen buchstäblich die Lebensgrundlage entziehen“, schließt Britz.




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