Mikroplastik im Meer: Bisherige Studien oft unsauber

(13.07.2017) Winzige Kunststoffpartikel finden sich fast überall. Eine Untersuchung der TU Wien zeigt allerdings: Was man für Plastik aus der Meeresprobe hielt, kann oft auch Naturfaser vom Labormantel sein.

Ständig gelangt Kunststoff in den Ozean – aus Schiffen, aus ungesicherten Deponien, über das Abwasser. Seit Jahren wird immer wieder behauptet, dass ein großer Teil des marinen Kunststoffs aus winzigen Kunstfasern besteht - genannte werden etwa Polyester oder Viskose.

TU Wien Selbst in großer Tiefe sollen diese Partikel nachgewiesen worden sein. Bei solchen Untersuchungen muss man allerdings genau darauf achten, die richtige Nachweismethode zu wählen, und genau diese Regel wurde bei bisherigen Studien oft nicht eingehalten, wie eine Analyse der TU Wien nun zeigt.

Man stellte fest, dass manche Messtechniken zwischen natürlichen und künstlichen Mikropartikeln gar nicht unterscheiden können. Was man für Plastik aus der Umweltprobe hielt, dürfte in vielen Fällen bloß eine Kontamination durch Naturfasern der Labormäntel gewesen sein.

Wer misst, misst auch Mist

„Wenn man in Wasserproben nach Kunststoffen sucht, dann besteht immer die Gefahr, dass die nachgewiesenen Substanzen gar nicht aus der Probe selbst stammen, sondern aus der Laborumgebung“, sagt Prof. Bernhard Lendl vom Institut für Chemische Technologien und Analytik der TU Wien.

Dieses Problem war bereits bekannt, daher gaben sich manche Forschungsgruppen auch große Mühe, beim Nachweis von Kunststoff in Umweltproben Kunstfasern im Labor zu vermeiden.

Die Experimente wurden in speziellen Reinräumen durchgeführt, Kleidung aus Kunstfasern war verboten. Ansonsten hätten winzige Fasern der Kleidung unweigerlich ihren Weg in die Probe gefunden und das Ergebnis verfälscht.

Woran man allerdings nicht dachte: Viskose ist eine holzbasierte Zellulosefaser, die nicht mit Plastik gleichgesetzt werden kann. Im Gegensatz zu synthetischem Plastik besteht Viskose aus natürlicher Zellulose und ist daher biologisch abbaubar.

Kunstfasern und natürliche Zellulosefasern (z.B. Viskose und Baumwolle) sind schwer voneinander zu unterscheiden. Wenn man nicht die richtigen Analysemethoden anwendet, kann auch eine Kontamination durch Fasern des Baumwoll-Labormantels ein Ergebnis liefern, das man fälschlicherweise als Nachweis von Plastik interpretieren kann.

Ähnliche Verfälschungen im Labor hatte es vorher auch schon bei Bier- und Honig-Proben gegeben – auch dort war Mikroplastik nachgewiesen worden, später bemerkte man allerdings, dass die Ergebnisse wohl auf unsaubere Laborbedingungen zurückzuführen waren.

Infrarot-Analyse

Die übliche Methode zum Nachweis von Kunststoff-Spuren in Wasserproben ist die Infrarot-Spektroskopie. Wenn man die Probe mit Infrarotstrahlung beleuchtet, wird ein Teil der Strahlung absorbiert.

Unterschiedliche chemische Substanzen absorbieren unterschiedliche Bereiche des Infrarot-Spektrums in unterschiedlichem Ausmaß, dadurch kann man verschiedenen Chemikalien individuelle Infrarot-Fingerabdrücke zuordnen.

„Wir haben verschiedene Proben mit genau bekanntem Inhalt untersucht, und zwar mit mehreren unterschiedlichen Infrarotspektroskopie-Methoden“, sagt Bernhard Lendl. Dabei zeigte sich, wie leicht bei solchen Tests Fehler entstehen.

„Wenn man die richtige Methode wählt und die Messparameter sorgfältig festsetzt, dann erhält man zwar durchaus zuverlässige Ergebnisse, doch mit der Technik, die dafür bisher verwendet wurde, ist eine Unterscheidung von Kunstfasern und natürlichen Substanzen einfach nicht möglich“, sagt Lendl.

„Unseren Ergebnissen nach dürfte es sich bei den angeblich in großer Meerestiefe gefundenen Kunstfasern einfach um einen Messfehler handeln.“

Das bedeutet freilich nicht, dass die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastik harmlos ist. In unseren Ozeanen treiben tatsächlich große Mengen Kunststoff herum – von der Plastikflasche bis zum verlorengegangenen Fischernetz, daran ist nicht zu zweifeln.

„Doch wenn es darum geht, Mikroplastik-Spuren nachzuweisen, muss man die passenden wissenschaftlichen Methoden wählen“, betont Bernhard Lendl. „Alles andere ist unseriös und hilft weder dem Ozean noch der Wissenschaft.“




Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Mikroplastik findet man in allen möglichen Farben und Formen.; Bildquelle: Bernd Nowack / Empa

Mikroplastik in Gewässern

Qualvoll verendete Meeresvögel mit einem Bauch voller Plastikmüll; Plastikansammlungen so gross wie Inseln: Bilder wie diese hat heute praktisch jeder schon gesehen
Weiterlesen

Die Forscher bei der Analyse der Auslaugung von Plastik durch Sonneneinstrahlung; Bildquelle: S. Meinecke, UBA

Forscher schaffen Kategorien zur besseren Eindämmung von Mikroplastik

Die Ansammlung von Plastikmüll in der Natur ist ein globales Problem. Trotz der breiten Präsenz dieses Themas in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft besteht kein Konsens darüber, wie Plastikmüll definiert und kategorisiert wird
Weiterlesen

PLASTRAT

Plastik in Binnengewässern: Verbundprojekt „PLASTRAT“ gestartet

Mikroplastik in Binnengewässern steht im Mittelpunkt eines neuen Forschungsprojektes unter Koordination der Universität der Bundeswehr München
Weiterlesen

Universität Wien

Mikroplastik in der Umwelt: Von der Nanoforschung lernen

Plastik und Mikroplastik – also zu kleinen Partikeln zerriebener Kunststoff – sind heute als Abfallprodukte in der Umwelt weit verbreitet. Die Forschung beginnt erst ihren Einfluss auf die Ökosysteme zu verstehen
Weiterlesen

Quellen und Verbreitungswege von Plastikmüll und Mirkoplastik; Bildquelle: Alfred-Wegener-Institut / M. Künsting

Mikroplastikpartikel in Speisefischen und Pflanzenfressern

Neue Studien des Alfred-Wegener-Institutes zeigen, dass die Plastikreste in Nord- und Ostsee auch von Speisefischen und Meeresschnecken gefressen werden
Weiterlesen

Einen Monat lang ist das Kieler Forschungsschiff Poseidon unterwegs, um unter Fahrtleitung des IOW die erste umfassende Mikroplastik-Bestandsaufnahme für die Ostsee vorzunehmen; Bildquelle: GEOMAR / T. Beck

Umfassenden Bestandsaufnahme von Mikroplastik in der Ostsee

Am 17. August 2015 startete eine Gruppe von WissenschaftlerInnen des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) zur ersten umfassenden Bestandsaufnahme von Mikroplastik in der Ostsee
Weiterlesen

Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Mikroplastik in Gewässern - Vorsorge oder Gefahrenabwehr?

Mikroplastik in Gewässern ist ein Thema, das derzeit gleichermaßen in Wissenschaft und Gesellschaft intensiv diskutiert wird
Weiterlesen

ANR

Ausschreibung zum Thema "Mikroplastik in marinen Systemen"

Die nationale französische Forschungsförderagentur ANR hat gemeinsam mit seinen europäischen Partnern eine Ausschreibung für internationale Projekte zu den ökologischen Aspekten von Mikroplastik in der marinen Umwelt gestartet
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen

19.04.