Eine Million Jahre alte Werra-Lachse

(28.07.2021) Paläontologin Madelaine Böhme hat den ersten Fossilnachweis für Atlantische Lachse erbracht. Die von ihr beschriebenen Fossilfunde von nicht weniger als sechs Lachsen stammen aus der senckenbergischen Forschungsgrabung im thüringischen Untermaßfeld.

Sie zeigen, dass die Werra bereits vor einer Million Jahre laichwandernde Lachse beheimatete. Böhme und ihr Weimarer Kollege Ralf-Dietrich Kahlke gehen davon aus, dass die Fische als Nahrungsquelle für große Bären dienten, deren Überreste ebenfalls in der Fossillagerstätte gefunden wurden. Die Studie ist Teil des vierten Bandes der Monographie „The Pleistocene of Untermassfeld near Meiningen“.


Laichzähne fossiler Atlantischer Lachse (Salmo cf. salar) aus Flusssanden der Werra bei Untermaßfeld in Thüringen, Alter etwa 1,05 Millionen Jahre, Höhen 4,3 - 6,5 mm.

In der vorindustriellen Zeit boten zahlreiche Flüsse in Europa natürliche Laichstätten für den Atlantischen Lachs (Salmo salar).

„Auch die Werra war einst reich an Lachsen – bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden die großen Fische hier gefangen und landeten, insbesondere bei der ärmeren Bevölkerung, auf dem Küchentisch“, erklärt Prof. Dr. Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und fährt fort: „Es ist uns nun im thüringischen Werratal gelungen, den weltweit ersten paläontologischen Nachweis eines Atlantischen Lachses zu erbringen.“

Böhme hat fossile Überreste von insgesamt sechs Fischindividuen aus der eine Million Jahre alten Fundstelle Untermaßfeld der Art Salmo cf. salar zugeordnet.

„Die überlieferten Knochen deuten auf eine einheitliche Körperlänge der Untermaßfeld-Lachse von etwa einem Meter und einem Körpergewicht von etwa zehn Kilogramm hin. Die Zähne sind mit den ‚Laichzähnen‘ heutiger Lachse identisch“, fügt die Tübinger Wissenschaftlerin hinzu.

Atlantische Lachse sind sogenannte „Laichwanderer“: Sie verbringen ihre Jugend in Flüssen und ihre Wachstumsphase im Ozean, bevor sie im Herbst wieder die Rückreise zu ihren Heimatflüssen antreten, um dort zu laichen. In dieser Zeit wird auch ihr Skelett umgebildet und die Zähne im Kiefer fest verankert.

Vier der untersuchten Fische sind durch Knochen des Schädels und des Rumpfes überliefert. Zwei weitere Individuen sind durch Brust- und Schwanzwirbel belegt.

Die Schädel- und Rumpfteile weisen laut der Studie Spuren von Verdauung auf und stammen wahrscheinlich aus Exkrementen von großen Raubtieren.

„Und die gab es in Untermaßfeld reichlich! Wir haben dort unter anderem Nachweise für elf Individuen von Ursus cf. dolinensis, Bären von der Größe heutiger Grizzlys, auf einer Fläche von nur 800 Quadratmetern gefunden“, erläutert Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke von der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar und fährt fort: „Bislang war unklar, warum hier so viele Bären auf relativ engem Raum eingebettet wurden – die Lachsfunde bieten nun eine gute Erklärung.“

Der Weimarer Quartärpaläontologe geht davon aus, dass die Bären während ihrer Jagd auf die großen Fische von Hochwasserfluten – entstanden aus einer Kombination von Schneeschmelzen und heftigen Regenfällen – überrascht wurden und ertranken.

Dass die Fossilfundstelle durch mehrere heftige Überschwemmungen während der Wintermonate entstand, in denen sich hunderte von Tierkadavern, Teile davon, sowie Einzelknochen an einem Hindernis auf relativ kleinem Raum sammelten, ist bereits aus früheren Studien bekannt.

Auch die Bärenkadaver wurden nur über eine kurze Strecke transportiert, anschließend von Flusssanden bedeckt und erhalten – hiervon zeugen die zusammenhängenden Schädelknochen.

„Für uns sind die Lachs-Fossilien wie ein Puzzleteil, das dabei hilft, ein Bild zu vervollständigen“, freut sich Kahlke und legt dar: „Die Untermaßfeld-Bären sind entfernte Vorfahren der ausgestorbenen Höhlenbären, ähnelten in ihrer Lebensweise aber eher heutigen Braunbären. Von diesen ist die Jagd auf Lachse sehr gut bekannt.“

Böhme ergänzt: „Zudem wissen wir von den rezenten Bären Nordamerikas, dass sie nur besonders nahrhafte Körperpartien der Lachse – wie Kopf und Rumpf – fressen, deren Schwanzenden dagegen verschmähen. Auch dies deckt sich mit unseren paläontologischen Funden.“



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