Sprachforschung trifft Veterinärmedizin

(20.06.2005) Armenisches Buch der Pferdeheilkunde aus dem 13. Jahrhundert übersetzt

Ein armenisches Handbuch über Pferdeheilkunde aus dem 13. Jahrhundert wurde nun erstmals ins Deutsche übersetzt.


Originalskizze mit handschriftlichen Anmerkungen aus dem Kilikischen Heilbuch für Pferde, verfasst in Armenien in den Jahren 1295 bis 1298
Das Kompendium ist das älteste erhaltene veterinärmedizinische Werk Armeniens und bietet einen Überblick über das gesamte pferdekundliche Wissen des ausgehenden 13. Jahrhunderts im Vorderen Orient.

Möglich wurde das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt durch die ausgezeichneten Landes- und Sprachkenntnisse einer österreichischen Armenologin und ihrer engen Zusammenarbeit mit VeterinärmedizinerInnen aus Wien.

Das Team der Veterinärmedizinischen Universität Wien bestand aus Univ. Prof. Dr. Gerhard Forstenpointner und Prof. Dr. Karin Zitterl-Eglseer, sowie dem unlängst verstorbenen DDDr. Rudolf Rautschka.

184 handbeschriebene Blätter umfasst das älteste bekannte Handbuch der Pferdeheilkunde aus Armenien. Verfasst wurde es in den Jahren 1295 bis 1298 im armenischen Königreich Kilikien. Federführend waren damals ein sprachgewandter armenischer Mönch und ein syrischer Pferdearzt.

Eine ähnlich transdisziplinäre Zusammenarbeit führte nun fast 750 Jahre später zur Übersetzung des Werkes in die deutsche Sprache.

Denn die Sprachforscherin Dr. Jasmine Dum-Tragut, Universität Salzburg, Institut für Sprachwissenschaft, arbeitete für dieses Projekt eng mit WissenschafterInnen der Veterinärmedizinischen Universität Wien zusammen.

Armenische Rosskur

So konnte neben der eigentlichen Übersetzung auch ein umfangreicher Begleitteil erstellt werden, der einen detaillierten Einblick in den Stand der damaligen Veterinärmedizin im Vorderen Orient bietet. Auch werden die damaligen veterinärmedizinischen Erkenntnisse aus heutiger Sicht kommentiert.

So fiel den ExpertInnen der Veterinärmedizinischen Universität Wien zum Beispiel auf, dass im Vergleich zum heutigen Kenntnisstand ganz besonders das damalige Wissen über die Verwendung pflanzlicher Heilkräuter sehr fortgeschritten war.

Diese Pflanzen stammten aus dem armenischen Hochland und fanden damals ebenso Anwendung bei der Behandlung von menschlichen Leiden.

Das Kilikische Pferdebuch umfasst aber weit mehr als "nur" medizinisches Wissen. So beschreibt das erste Kapitel die Erschaffung des Pferdes.

Die folgenden Kapitel beschreiben die guten und schlechten Eigenschaften des Pferdes, die Zucht, die verschiedenen bekannten Rassen, das Zu- und Bereiten, das Pflegen und die Mängel.

Erst die letzten Kapitel behandeln Schmerzarten sowie Krankheiten, Symptome und Behandlungen.

Damit bietet das historisch-medizinische Fachbuch einen facettenreichen Einblick in die Kulturgeschichte Armeniens und des Pferdes. Dazu führt Dr. Dum-Tragut aus: "Das Kilikische Heilbuch für Pferde ist wirklich eine wissenschaftliche Schatzkammer. Nicht nur für die Analyse der armenischen Sprache, sondern auch für die Literaturgeschichte und die Sozialgeschichte des Pferdes in Armenien."

Insgesamt stellt das Handbuch einen umfassenden Überblick über das gesamte Pferdewissen des Mittelalters im Vorderen Orient dar. Zu diesem Ergebnis kam Dr. Dum-Tragut auch durch intensives Quellenstudium: "Das Buch erwähnt als Quellen ein indisches Fachbuch sowie zwei arabische Werke.

Das Studium dieser Originalquellen in persischer und griechischer Sprache zeigt eindeutig, dass das Kilikische Pferdeheilbuch keine bloße Übersetzung bestehender Information ist, sondern ein eigenständiges Kompendium."

Sattelfeste Sprachforscherin

Ein zentraler Aspekt des zweieinhalbjährigen Projekts war auch die Terminologie der speziellen armenischen Fachausdrücke im Handbuch. Zur eindeutigen Klärung ihrer Bedeutung führte Dr. Dum-Tragut zahlreiche Gespräche mit armenischen PferdezüchterInnen, Bauern und Bäuerinnen sowie mit VeterinärmedizinerInnen.

Dabei fiel ihr rasch auf, dass diese heutzutage eher Fachausdrücke aus dem Russischen oder Türkischen als aus dem Armenischen verwenden. Neben dem Fachwissen drohte also auch der im Kilikischen Pferdebuch angewendete Fachwortschatz verloren zu gehen.

Daher wurde dieser von Dr. Dum-Tragut zur Bewahrung in einem Glossar zusammengefasst.

Der Erfolg dieser Maßnahme ließ nicht lange auf sich warten, denn bereits jetzt beginnen ZüchterInnen diesen historischen Sprachwortschatz des Armenischen wieder zu gebrauchen.

Eine Tatsache, die Dr. Dum-Tragut besonders freut - und auch zahlreiche PferdeliebhaberInnen in Armenien. Auch daher wurde der begeisterten Reiterin als Anerkennung von einem armenischen Züchter im Jahr 2003 ein Hengstfohlen namens "Bor" geschenkt - Forschungsförderung der besonders schönen Art.


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