Tieranatomisches Theater in Berlin feierlich wiedereröffnet

(16.10.2012) Bau von Carl Gotthard Langhans dient zukünftig als Vortrags- und Veranstaltungsstätte - Eröffnungsausstellung zur Geschichte des Gebäudes und seiner Sanierung läuft bis April 2013

Nach siebenjähriger Restaurierung wurde heute das Tieranatomische Theater der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) feierlich eröffnet.

Die ehemalige Königliche Tierarzneischule mit Anatomischem Theater wurde 1789/90 von Carl Gotthard Langhans – der zeitgleich das Brandenburger Tor baute – im Auftrag von König Friedrich Wilhelm II. entworfen und gebaut.


Tieranatomisches Theater der Humboldt-Universität zu Berlin

Der Langhans-Bau gilt als Kleinod klassizistischer Baukunst und ist das älteste und bedeutendste erhaltene akademische Lehrgebäude in Berlin.

HU-Präsident Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz: „Das Tieranatomische Theater ist ein wissenschafts- und kulturgeschichtliches Juwel zugleich. Das markante Gebäude diente rund hundert Jahre der Veterinär-Anatomie und gut weitere hundert Jahre dem tierärztlichen Verbraucherschutz – hier wurden beispielsweise die Entwicklungszyklen von Parasiten wie dem Bandwurm und Trichinen aufgeklärt.“

Nach der Fusion der Fachbereiche Veterinärmedizin von Humboldt-Universität und Freier Universität unter dem Dach der Freien Universität 1992 war das Institut für Fleischhygiene und -technologie letzter Nutzer des Gebäudes. Grundlegende Restaurierungsarbeiten sind stets unterblieben, so dass Ende der 1990er Jahre der Verfall drohte.

 

„Umso dankbarer bin ich allen Beteiligten, dass dieser Schatz durch das Engagement staatlicher und privater Förderer nun wiedereröffnet wird. Als kultureller Veranstaltungs- und Ausstellungsraum mit unmittelbarer Nähe zum Deutschen Theater bietet es heute in unvergleichlicher Atmosphäre die Möglichkeit, Wissenschaft publikumswirksam zu inszenieren“, so Olbertz.

Die Sanierung des Gebäudes hat knapp 7 Millionen Euro gekostet, davon konnten cirka 3 Millionen Euro durch Spenden und Fördermittel finanziert werden.

Ermöglicht wurde die Wiederherstellung durch das Förderengagement der Hermann Reemtsma Stiftung, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Stiftung Anatomisches Theater in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, dem Bund-Länder-Programm Städtebaulicher Denkmalschutz, der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin, der Stiftung Humboldt-Universität sowie des Rotary Clubs Berlin-Gendarmenmarkt.

Die Technische Abteilung der Humboldt-Universität ist Bauherr und Auftraggeber.

„MüllerReimannArchitekten“ haben die Restaurierung gestalterisch geplant, die denkmalpflegerische Begleitung hat das Landesdenkmalamt übernommen. Dr. Sebastian Giesen, Geschäftsführer der Hermann Reemtsma Stiftung: „Wir sind als Hamburger Stiftung froh, dass wir mit 1 Million Euro zur Wiederherrichtung des ,Trichinentempels’ beitragen konnten.

Nunmehr kann dieser feine und außergewöhnliche Bau des Berliner Klassizismus einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden."

Beim Langhans-Bau handelt es sich um einen Zentralbau mit einem überkuppelten runden und gestuften Hörsaal, der in Anlehnung an die berühmte Villa Rotonda des italienischen Renaissancebaumeisters Andrea Palladio entstand.

Das Gebäude liegt im ehemaligen Reußschen Garten, im geschützten Innenhof des heutigen lebenswissenschaftlichen Campus Nord der Humboldt-Universität.

Ursprünglich diente der Bau als Forschungsstelle für Pferdekrankheiten zur Verbesserung der Preußischen Kavallerie und zur Bekämpfung von Tierseuchen wie der Rinderpest.

Im Hörsaal – seine ansteigenden Sitzreihen erinnern an ein antikes Amphitheater – konnten Gelehrte und Studenten etwa der Untersuchung eines Pferdekadavers beiwohnen – daher: Anatomisches bzw. Zootomisches Theater.

Im Berliner Volksmund wird der Bau auch „Trichinentempel“ genannt, denn ab 1920 hatte hier die Lebensmittelhygiene ihren Sitz, seither war die „Trichinenschau“, der Nachweis von Trichinen in infiziertem Fleisch, fester Bestandteil des Lehrprogramms.

„Dank unserer Spender und der Lotterie GlücksSpirale, deren Destinatär die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ist, konnten wir in Berlin bisher 149 Denkmale mit über 14 Millionen Euro unterstützen.

Bei vielen Denkmalen wäre die Möglichkeit der dauerhaften Pflege durch eine Treuhandstiftung wie die der Stiftung anatomisches Theater in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz eine nachhaltige Hilfe zur echten Denkmalpflege“, sagt Dr. Wolfgang Illert, Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Genutzt wird das Gebäude künftig vom Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik (HZK), einer interdisziplinären Forschungseinrichtung der Humboldt-Universität. Sie widmet sich u.a. der Erschließung und Präsentation der vielfältigen Objekt- und Materialkultur in den Universitätssammlungen.

Das HZK und die Universität möchten das Tieranatomische Theater als öffentliche Vortrags- und Veranstaltungsstätte sowie für Ausstellungen nutzen: „Wir werden aus dem Tieranatomischen Theater ein Wissenstheater machen – unter Mitwirkung unserer Wissenschaftler und Studierenden.

Das eröffnet einen ganz neuen Zugang zur Wissenschaft – für die Öffentlichkeit, aber auch für alle Beteiligten“, so Dr. Cornelia Weber, Geschäftsführerin des HZK.

Im sogenannten Gerlach-Bau, einem Anbau des Tieranatomischen Theaters von 1875, und einem Annex aus den 1930er Jahren, sollen Seminarräume, weitere Ausstellungsräume und Büros entstehen. „Weitere Anstrengungen sind allerdings nötig, um auch die Restaurierung des Gerlach-Baus voranzutreiben.

Die Stiftung Humboldt-Universität wird sich, wie schon beim Langhans-Bau, um eine Förderfinanzierung bemühen“, sagt Dr. Jens Odewald, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Humboldt-Universität.

Die Stiftung Humboldt-Universität hat sich eine nachhaltige Förderung der HU in den Bereichen Spitzenforschung, exzellente Lehre und Nachwuchsförderung sowie Bewahrung des kulturellen und baulichen Erbes zu Eigen gemacht.

Ausstellung

Die Ausstellung „Das Tieranatomische Theater. Eine Ausstellung zur Wiedereröffnung des restaurierten Gebäudes von Carl Gotthard Langhans“ portraitiert den Architekten Carl Gotthard Langhans, erzählt die Entstehung des Baus und skizziert die über 200-jährige Nutzungsgeschichte einschließlich der jetzt abgeschlossenen umfangreichen Sanierungsarbeiten.

Das Gebäude und die Ausstellung (15. Oktober 2012 bis 14. April 2013) sind dienstags bis samstags von 14 bis 18 Uhr zu besichtigen.



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