Rätselhafter Fall des Monats: ein Hund mit Schmerzen

(30.08.2019) Im Fall des Monats August stellt Laboklin einen 6 Jahre alten, kastrierten Deutscher Schäferhund mit Bewegungsunlust, verminderter Futteraufnahme, Lethargie und exfoliativen Hautläsionen auf der Nase und an den Ohrspitzen vor.

Antonio Meléndez-Lazo DVM PhD DipECVCP MRCVS

SIGNALEMENT UND ANAMNESE

Vorgestellt wurde ein  6 Jahre alter, kastrierter Deutscher Schäferhund mit Bewegungsunlust, verminderter Futteraufnahme, Lethargie und exfoliativen Hautläsionen auf der Nase und an den Ohrspitzen. Der Hund wurde 6 Monate zuvor adoptiert, seine Vorgeschichte und seine Vorerkrankungen waren nicht bekannt.

KLINISCHE UNTERSUCHUNG

Bei der klinischen Untersuchung fielen vergrößerte submadibulare, praescapulare und popliteale Lymphknoten auf. Außerdem war der Hund sehr schmerzhaft bei Palpation der Carpi und Tarsi sowie der Kniegelenke.

WEITERE UNTERSUCHUNGEN

Hämatologie und klinische Chemie

Es wurde eine Routineblutuntersuchung durchgeführt. Im Blutbild fielen eine milde nicht- regenerative Anämie und eine leichte Leukozytose auf, die mit einer Neutrophilie, Monozytose und Lymphopenie einhergingen. Die Untersuchung des Blutausstriches war ohne besonderen Befund.

Die Blutchemie zeigte eine geringgradige Erhöhung des Harnstoffs und eine schwere Hyperproteinämie mit Erhöhung der γ- Globuline und einem erniedrigtem Albumin (Abbildung 1). Die restliche Blutuntersuchung war unauffällig.


Abbildung 1: Elektrophorese mit Gammopathie

Gelenkspunktion

Es wurde eine Feinnadelaspiration verschiedener Gelenke durchgeführt. Die zytologische Untersuchung zeigte gleiche Ergebnisse bei allen Gelenken (Abbildung 2).


Abbildung 2: Ergebnisse der zytologischen Untersuchungen der Synovia (Wright- Giemsa Färbung, 50fache Vergrößerung)


Interpretation der labordiagnostischen Befunde

Hämatologie

Die häufigste Ursache für milde, nicht- regenerative Anämien sind Entzündungen. Des Weiteren ist möglich, dass sich die Anämie im präregenerativen Stadium befindet (eine Regeneration ist bei Hunden nach einem Blutverlust oder einer Hämolyse erst nach 3 – 5 Tagen erkennbar).

Das Differentialblutbild zeigt typische Veränderungen, die durch die Wirkung von Kortikosteroiden hervorgerufen werden (zum Beispiel aufgrund von Stress oder sekundär zu schmerzhaften Prozessen).

Klinische Chemie

Eine Hypoalbuminämie ist bei Entzündungen wahrscheinlich, da Albumin als Anti- Akute Phase Protein im Falle einer Entzündungsreaktion abfällt. Ein Anstieg der γ- Globuline weist auf eine schwere Antigenstimulation in Folge von Entzündungen, Infektionen oder Neoplasien hin.

Zytologie

Das Vorhandensein einer erhöhten Anzahl von neutrophilen Granulozyten in der Synovia ist diagnostisch für eine Polyarthritis.

Was sind Ihre Differentialdiagnosen für die Befunde in der Synovia?

Polyarthritiden werden in degenerativ, septisch oder immunbedingt eingeteilt. Bei der immmun- bedingten Form (IMPA) unterscheidet man zwischen erosiv und nicht- erosiv, wobei letzteres am häufigsten vorkommt. Die Ursachen von nicht- erosiven Polyarthritiden sind vielfältig: Infektionserreger (wie Ehrlichia spp., Leishmania infantum, Borrelia burgdorferi, Bartonella spp.); okkulte bakterielle Infektionen (wie Diskospondylitis,  Endokarditis, Pyometra, Pyelonephritis); Impfungen sowie einige Medikamente (wie Trimetoprim- Sulfonamid, Cephalosporine und Penicilline); Immunerkrankungen (wie Systemischer Lupus erythematosus, Polyarthritis/Polymyositis Komplex, Polyarthritis/ Meningitis Komplex und andere rassespezifische Erkrankungen).

Immun- bedingte Polyarthritiden können auch idiopathisch vorkommen. Idiopathische Formen werden in 4 Typen eingeteilt: Typ I (keine Grunderkrankung auffindbar), Typ II (assoziiert mit einer Infektion fern des Gelenks), Typ III (assoziiert mit gastrointestinalen Erkrankungen), Typ IV (assoziiert mit okkulten Neoplasien).

Welche weiterführenden Untersuchungen würden Sie durchführen?

Die diagnostische Aufarbeitung sollte progressiv verlaufen- vom einfachsten und günstigsten Test zum teureren, gegebenenfalls invasiverem Test.

  • Feinnadelaspiration der Lymphkoten
  • Serologie/PCR für die in der Region endemischen Erreger
  • Bildgebende Verfahren
  • Hautbiopsien wenn notwendig

Weiterführende Untersuchungen

Zytologie

Es wurden Feinnadelaspirate der submandibularen und poplitealen Lymphknoten zytologisch untersucht (Abbildung 3). Es fiel eine reaktive lymphoide Hyperplasie mit einer moderaten Erhöhung von Plasmazellen auf. Im Hintergrund und phagozytiert in Makrophagen wurden zahlreiche kleinere Strukturen gefunden, die morphologisch Leishamania Amastigoten gleich waren. 


Abbildung 3: Zytologisches Präparat der Lymphknotenaspirate

Serologie

Da die Herkunft des Hundes unklar war und Koinfektionen häufig vorkommen wurden Antikörper gegen Leishmania infantum, Ehrlichia canis und Anaplasma spp. mittels ELISA (enzyme- liked immunosorbent assay) untersucht. Das Ergebnis für Leishmanien-Antikörper war stark positiv, alle anderen Untersuchungen fielen negativ aus.

Diagnose: Leishmaniose mit wahrscheinlich sekundär immun- bedingter Polyarthritis

Staging, Therapie und Verlauf

Das Staging wurde nach den Richtlinien der LeishVet group durchgeführt.

Dazu wurde der Protein/Kreatinin Quotient im Harn bestimmt, es lag eine Proteinurie vor.

Der Hund wurde in Stadium III (moderate Erkrankung) eingeteilt.

In dieses Stadium werden Hunde mit mittleren bis hohen Antikörpertitern, klinischen Anzeichen einer Leishmaniose wie Hautläsionen, Gewichtsverlust und Anzeichen von Immunkomplexablagerungen (wie in diesem Fall die Polyarthritis) gezählt.

Es wurde eine Therapie mit Allopurinol (10mg/kg zweimal täglich) und Megluminantimonat (75-100 mg/kg einmal täglich über 4 Wochen) begonnen.

Nach einem Monat hatten sich die klinischen Anzeichen sichtlich gebessert, die Gelenke waren nicht mehr schmerzhaft.

Allerdings blieben die Antikörperlevel und der Albumin- Globulin Quotient in der Elektrophorese hoch. Die Proteinurie hingegen ging zurück.

Die klinische Besserung der Polyarthritis nach Behandlung der Leismaniose lässt auf einen Zusammenhang zwischen beiden schließen.

Zusammenfassung

Die canine Leishmaniose ist eine protozoale, lebensbedrohliche Erkrankung und weltweit verbreitete Zoonose, die von Sandmücken (Phlebotominae) übertragen wird. Die Erkrankung ist in über 70 Ländern endemisch mit einer hohen Prävalenz im Mittelmeerraum und Brasilien. Mit dem Anstieg des globalen Tourismus und der internationalen Ein- und Ausfuhr von Hunden und dem damit verbundenen Transport hat die Leishmaniose in vielen Ländern an Bedeutung gewonnen. Die Diagnose ist in vielen Fällen aufgrund der großen Variabilität der Symptome komplex.

Es gibt Hypothesen, die die Entstehung einer Polyarthritis bei Leishmaniose erklären sollen: Zum einen soll das direkte Vorkommen des Erregers im Gelenk eine granulomatöse Entzündungsreaktion hervorrufen, zum anderen soll eine Hypersensitivitätsreaktion Typ III mit Ablagerungen von Immunkomplexen im Gelenk verantwortlich für die Arthritis sein.

Referenzen:

  • Solano-Gallego L, Miró G, Koutinas A, Cardoso L, Pennisi MG, Ferrer L, Bourdeau P, Oliva G, Baneth G, The LeishVet Group. LeishVet guidelines for the practical management of canine leishmaniosis. Parasit Vectors. 2011 May 20;4:86.
  • Sbrana, S., Marchetti, V., Mancianti, F., Guidi, G., & Bennett, D. (2014). Retrospective study of 14 cases of canine arthritis secondary to Leishmaniainfection. Journal of Small Animal Practice, 55(6), 309–313.




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