Neue Fischsaurier-Art aus dem südwestdeutschen Jurameer beschrieben

(01.07.2020) Bei vergleichenden wissenschaftlichen Untersuchungen von Fischsaurierfossilien aus  England und Baden-Württemberg haben zwei Paläontologinnen aus Stuttgart und Montreal die neue Ichthyosaurier-Art Hauffiopteryx altera entdeckt und wissenschaftlich beschrieben.

Das Fossil stammt aus den 182 Millionen Jahre alten Posidonienschiefern des Unteren Juras Südwestdeutschlands.

Die Entdeckung der neuen Art ist ein weiteres Puzzleteil, das zur genauen Rekonstruktion der Vielfalt des urzeitlichen Jurameeres, dessen Ökosystems sowie der Evolution der Meeresreptilien beiträgt.

Die Forschungsarbeit der Fischsaurier-Expertinnen Dr. Erin Maxwell vom Naturkundemuseum in Stuttgart und Dirley Cortés vom Redpath Museum der McGill University in Canada wurde nun in der Fachzeitschrift „Palaeontologia Electronica“ veröffentlicht.


Dr. Erin Maxwell vor einem Exemplar des Fischsauriers Hauffiopteryx typicus

Ichthyosaurier oder Fischsaurier lebten in großer Anzahl in den Meeren des Erdmittelalters. Wie die heutigen Delfine waren diese Meeresreptilien extrem gut an ihre Umwelt angepasst und weit verbreitet.

Deutsche Wissenschaftler beschäftigen sich mit diesen Meeresreptilien seit dem frühen 19. Jahrhundert, als die ersten spektakulären und sehr gut erhaltenen Fossilien in Südwestdeutschland entdeckt wurden.

Die Posidonienschiefer im Süddeutschen Becken sind sehr fossilreich und in den letzten 200 Jahren wurden tausende spektakulär erhaltener Ichthyosaurier-Skelette entdeckt, deren Größe zwischen zwei und mehr als zehn Metern liegt.

Die Meerestierfossilien zeigen versteinerte Weichteile, Mageninhalte sowie Embryonen und sind in Museen auf der ganzen Welt untergebracht. Die Entdeckung einer neuen Fischsaurier-Art nach so vielen Jahren der weltweiten Forschung und Sammlung wurde in Fachkreisen als unwahrscheinlich angesehen.

Jedoch wurde die zwei Meter lange Ichthyosaurier-Art Hauffiopteryx typicus, die erstmals vor 90 Jahren am Fuße der Schwäbischen Alb entdeckt wurde, auch in gleichalten Gesteinsschichten in England gefunden. Einige frühere Studien hatten darauf hingewiesen, dass es sich bei den Populationen von Hauffiopteryx typicus, die 1000 km voneinander entfernt gefunden wurden, möglicherweise um zwei unterschiedliche Arten handelt.

Durch vergleichende paläontologische Untersuchungen von Fossilien aus England und Südwestdeutschland gingen die Fischsaurier-Expertinnen dieser Frage nach. Die wissenschaftlichen Untersuchungen waren durch die unterschiedlichen Erhaltungsweisen der Fossilien kompliziert: Die englischen Fossilien sind dreidimensional erhalten geblieben, die deutschen Fossilien durch den Druck des darüber liegenden Gesteins meist nur zweidimensional.

Um festzustellen, ob zwei tatsächlich geografisch getrennte Arten von Hauffiopteryx vorhanden waren, untersuchten die Wissenschaftlerinnen alle bekannten Fossilien von Hauffiopteryx aus Deutschland: Sieben vollständige Skelette und drei Schädel, von denen einer dreidimensional war.

Zunächst wurde der dreidimensionale Schädel unter die Lupe genommen, da er durch seine Erhaltungsform den englischen Hauffiopteryx-Fossilien am ähnlichsten ist. Die Paläontologinnen stellten schnell fest, dass sich die Anordnung der Knochen in diesem Schädel stark von den englischen Hauffiopteryx-Fossilien unterscheidet, aber auch von den verbleibenden neun deutschen Exemplaren.

Diese wiederum zeigten allerdings keine wesentlichen Unterschiede zum britischen Material. Die ersten Beobachtungen der Forscherinnen wurden durch nachfolgende genauere Analysen gestützt: Die Unterschiede am dreidimensionale Schädel des Fischsauriers aus Südwestdeutschland im Vergleich zu allen andern Exemplaren zeigten, dass es sich um eine neue Art handelte.

„Das Ergebnis ist für uns hoch interessant. Es scheint, dass es während des frühen Juras keine wesentlichen geografischen Unterschiede zwischen englischen und deutschen Ichthyosaurier-Populationen gab. Das deutet auf eine homogene europäische marine Reptilienfauna hin. In diesem Zeitraum gab es im Südwesten Deutschlands jedoch tatsächlich zwei Arten des Fischsauriers Hauffiopteryx.

Das beweist, dass selbst gut untersuchte fossile Ablagerungen, wie der Posidonienschiefer, immer noch Überraschungen bringen können. Wir haben ein neues Puzzleteil gefunden, dass zur genauen Analyse des damaligen Ökosystems beiträgt und uns bei der Erforschung der Biologie der Ichthyosaurier wieder einen Schritt weiter bringt“, freut sich Dr. Erin Maxwell.

Die neue Art wurde von Dr. Erin Maxwell und Dirley Cortés Hauffiopteryx altera genannt, was auf die anatomischen Abweichungen von Hauffiopteryx typicus anspielt. Es wird geschätzt, dass Hauffiopteryx altera ungefähr so groß war wie ein erwachsener Mensch. Das Fossil des Fischsauriers Hauffiopteryx altera ist Teil der Sammlung des Werkforums & Fossilienmuseums in Dotternhausen.

Publikation

Maxwell, Erin E. and Cortés, Dirley. 2020. A revision of the Early Jurassic ichthyosaur Hauffiopteryx (Reptilia: Ichthyosauria), and description of a new species from southwestern Germany. Palaeontologia Electronica, 23(2):a30.


Weitere Meldungen

In der Studie verwendete Fossilien, wie sie in Marokko gefunden wurden.; Bildquelle: Christian Klug / UZH

Ausgestorbener Panzerfisch Titanichthys filterte Nahrung aus dem Wasser

Er lebte vor 380 Millionen Jahren in den Meeren des späten Devons und war bis zu sieben Meter lang: Der Panzerfisch Titanichthys
Weiterlesen

Ein Schnitt durch den Haiwirbel zeigt Wachstumsringe, ähnlich denen in Baumstämmen.; Bildquelle: Patrick L. Jambura

Riesiger Teenagerhai aus der Urzeit

Fossile Wirbel geben Einsichten zum Wuchs und Aussterben einer mysteriösen Haigruppe: Wissenschaftler der Universität Wien konnten Teile einer Wirbelsäule, die 1996 an der Nordküste Spaniens gefunden wurde, der ausgestorbenen Gruppe der ptychodonten Haie zuordnen
Weiterlesen

Eines der drei Fossilien von Lessiniabatis aenigmatica (MNHN F.Bol.566) aus der berühmten Fossilfundstelle von Monte Bolca (Italien), das als Platte und Gegenplatte erhalten ist. Das Exemplar befindet sich im Museum National d´Histoire Naturell; Bildquelle: Giuseppe Marramà

Fossiler Fisch gibt neue Einsichten in die Evolution

"Experiment der Natur" nach Massen-Artensterben der Kreidezeit
Weiterlesen

LMU

Neue Gattung von Knochenfischen aus dem Trias entdeckt

Eine Studie über 240 Millionen Jahre alte Fischfossilien vom Monte San Giorgio gibt Hinweise darauf, wie rasch sich die Lebenswelt nach dem größten Artensterben erholt hat
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen

09.10.