Hunderte neuer Viren in Insekten entdeckt

(08.01.2020) Neue Viren, die Krankheiten auslösen, stammen oft von Tieren. Bekannte Beispiele sind das aus Mücken stammende Zika-Virus, die Vogelgrippe-Viren sowie das Kamel-assoziierte MERS-Virus.

Um neu auftretende virale Erkrankungen schnell zu erkennen und mögliche Epidemien zu verhindern, suchen DZIF-Wissenschaftler an der Charité – Universitätsmedizin Berlin gezielt nach Viren im Tierreich.

In einer aktuellen Studie entdeckten sie nun in Insekten hunderte neuer Viren aus über 20 Virusgattungen.Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift PLOS Pathogens veröffentlicht.


Insekten können verschiedenste Viren beherbergen.

„Jedes neue Virus, das wir finden, könnte eine bisher unerkannte Ursache von Erkrankungen sein, sowohl beim Menschen als auch bei Nutztieren“, erklärt Prof. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie am Campus Charité Mitte. Der Wissenschaftler hat sich im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) der gezielten Identifikation von Viren verschrieben.

Sein Team hat unter anderem den internationalen Standard in der Diagnostik der MERS-Erkrankung gesetzt. Momentan widmet er sich der Erkennung seltener Virusdiagnosen durch neue Sequenziertechniken. „Je mehr Viren wir kennen und in unserer Datenbank speichern, umso leichter können wir die Ursache von neu auftretenden ungewöhnlichen Erkrankungen erkennen“, ist Drosten überzeugt.

Aktuelle Studie

In der aktuellen Studie im Rahmen der DZIF-Arbeitsgruppe „Virusnachweis und Pandemieprävention“ hat sich das Forschungsteam der größten internationalen Transkriptom-Datenbank, einer Art Verzeichnis der Genaktivität, zu Insekten bedient und darin die Datensätze auf Virusgenome untersucht.

Während sich die Wissenschaft bislang vor allem auf Moskitos und andere blutsaugende Insekten konzentriert hat, umfasst diese Studie alle Ordnungen von Insekten. Systematisch untersucht wurden Viren mit sogenannter negativer einzelsträngiger Ribonukleinsäure (RNA). Diese Gruppe von RNA-Viren umfasst sehr wichtige krankheitsverursachende Viren; Ebola und Masern werden ebenso durch sie ausgelöst wie Tollwut und Lungeninfektionen.

Suchdatenbanken für neue Viren

In Proben aus insgesamt 1243 Insektenarten entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mindestens 20 neue Virusgattungen, bei einigen stehen noch die letzten Prüfungen aus. „Das ist wohl die bisher größte Einzelstudie in der Entdeckung neuer Viren“, so Drosten.

Die Arbeitsgruppe hat die neuen Insektenviren bereits in ihre Suchdatenbanken eingespeist. Mit ihrer Hilfe werden Fälle seltener und ungewöhnlicher Erkrankungen beim Menschen untersucht. Dazu gehören Patienten, bei denen alle Symptome auf eine Virusinfektion hinweisen, ein Virus jedoch nicht nachgewiesen werden kann. „Wir benutzen dann Hochdurchsatz-Sequenziermethoden, um nach allen Viren zu fahnden, die in den Patientenproben vorkommen“, erklärt Drosten.

„Wenn der Patient ein Virus hat, finden wir es – vorausgesetzt, es ist in unserer Datenbank hinterlegt oder es hat Ähnlichkeit mit einem dort verzeichneten Virus.“ Mit der Erweiterung um die neuen Insektenviren steigen die Erfolgschancen bei der Suche.

Im Rahmen des DZIF-Projektes „Virusnachweis und Pandemieprävention“ werden sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Charité auch in den kommenden Jahren weiter auf neu auftretende Viren vorbereiten. Mit neuen Kenntnissen zur Virusdiversität können auch die Nachweisverfahren verbessert werden.

Publikation

Käfer S, Paraskevopoulou S, Zirkel F, Wieseke N, Donath A, Petersen M et al (2019): Reassessing the diversity of negative strand RNA viruses in insects.
´PLoS Pathog 15(12): e1008224.


Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

BfR

BfR-Forum zu bakterienfressenden Viren als Mittel gegen Krankheitserreger

Steigende Zahlen an Antibiotikaresistenzen und hartnäckige Krankheitskeime lassen Bakteriophagen seit einigen Jahren wieder in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses rücken
Weiterlesen

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Bakteriophagen

Untersuchungen zu Bakteriophagen auf Intensivstationen

Sogenannte Phagen, eine besondere Form von Viren, könnten sich als neue Waffe gegen Bakterien eignen, insbesondere dort, wo Antibiotika aufgrund von Multiresistenzen versagen
Weiterlesen

(v.l.) Prof. Dr. Florian Klein, Stefanie Ehrhardt und Dr. Matthias Zehner; Bildquelle: Dorothea Hensen / Uniklinik Köln

Forscher entschlüsseln Wirkung von Ebola-Impfstoff

rVSV-EBOV heißt der noch neue Impfstoff, der aktuell im Kampf gegen das meist tödliche Ebola-Virus eingesetzt wird. Seit 2018 haben ihn bereits über 200.000 Menschen erhalten
Weiterlesen

Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU)

Ungewöhnliches Hepatitis-B-Virus in Spitzmäusen entdeckt

Studie von internationalen Forscherteams eröffnet neue Möglichkeiten zur Erforschung der Pathogenese der Viren – Hepatitis-B-Viren existieren seit Millionen Jahren
Weiterlesen

Bereiten im Labor eine Messung vor: Martin Peter (links) und Dr. Gregor Hagelüken (rechts) vom Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Bonn.; Bildquelle: Hamed Alai

Wie Pesterreger das Immunsystem austricksen

Yersinien verbreiteten vor allem in vergangenen Zeiten Angst und Schrecken, doch die Pesterreger sind auch heute noch nicht vollständig ausgerottet
Weiterlesen

MMTV Virus Modell; Bildquelle: Institut für Virologie/Vetmeduni Vienna

MMTV- und HIV-Virus: Wie sich Retroviren zur Wehr setzen

Menschen verfügen über eine Reihe von angeborenen hochwirksamen Immunitätsfaktoren. Dazu zählen unter anderem die sogenannten APOBEC3-Enzyme, die bei der Bekämpfung von Retroviren eine große Rolle spielen
Weiterlesen

Menschliche Zellen, die Virosomen produzieren.; Bildquelle: Universitätsklinikum Tübingen

Wie das Ebola-Virus das Immunsystem in die Irre führt

Cleveres Ablenkungsmanöver durch virale Täuschkörper: Wie das Ebola-Virus das Immunsystem in die Irre führt. Aktuell publiziert in Cell Reports
Weiterlesen

Elektronenmikroskopische Aufnahme eines Klosneuvirus-Partikels, der mit Hilfe genomischer Methoden durch ForscherInnen der Universität Wien in einer Kläranlage in Klosterneuburg entdeckt wurde; Bildquelle: Schulz et al.

Einheitliche Qualitätsstandards für die Virenforschung

Internationales Konsortium stellt Richtlinien und Praxisempfehlungen für die Erforschung neuer Viren auf
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen

03.01.