Die männliche Seite der Pferdedomestikation

(18.04.2018) Weltweit gibt es gegenwärtig etwa 60 Millionen Pferde – 12 Millionen Hengste und 48 Millionen Stuten. Nahezu alle heute lebenden Hengste stammen von einem Hengst aus der Eisenzeit ab – wie eine internationale Studie unter Leitung des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung und der Universität Potsdam jetzt erstmalig belegt.

Die Forschungsergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht. Ein internationales Wissenschaftsteam untersuchte die Domestikation des Pferdes aus Sicht der Hengste.

Bereits bekannt war, dass es viele Stutenlinien, aber nur sehr wenige Hengstlinien in den modernen Pferden gibt, obgleich kürzlich gezeigt wurde, dass die Y-chromosomale Diversität bei Hauspferden bis zur Eisenzeit deutlich höher war. Bisher war unklar, wann und warum alle Hengstlinien bis auf eine verschwanden.


Przewalskipferd

Die jetzt vorliegenden Untersuchungen zeigen, dass das Verschwinden der meisten Hengstlinien auf künstliche Selektion zurückzuführen ist - zunächst in der Eisenzeit durch Nomaden der Eurasischen Steppe und später aufgrund der straff organisierten Tierzucht im Römischen Reich.

Die aktuelle Studie zeigt, dass die Hengstlinien von Przewalski- und Hauspferd zumindest bis zum Beginn des Mittelalters (6.-7. Jahrhundert) parallel existierten, was in Übereinstimmung mit den Erkenntnissen steht, die zeigen, dass zuerst das Przewalskipferd und später die Ahnen unserer modernen Hauspferde in den Haustierstand überführt wurden.

Schon bei Beginn der Domestikation setzten Pferdehalter auf gezielte Züchtung. Allerdings stand bis zur Eisenzeit (ca. 1.000 v. Chr.) die Zucht vor allem der Stuten im Vordergrund.

In der Eisenzeit - während die heutige Hengstlinie ihre Dominanz in den europäischen Pferden erreichte - wurden Europa und angrenzende Gebiete in Asien und Nordafrika vom Römischen Reich regiert. Die Römer änderten die Zucht von Nutztieren grundlegend, indem sie die Zucht auf männliche Tiere (Hengste und Bullen) fokussierten.

Zuchtziele lassen sich wesentlich leichter und schneller durch einen gezielten Einsatz individuell ausgesuchter Hengste erreichen. Schließlich sind Stuten durch die lange Tragezeit in der Zahl ihrer Nachkommen stark limitiert.

Ein Hengst kann dagegen viele Nachkommen in relativ kurzer Zeit zeugen. Über die Zeit setzte sich eine Hengstlinie durch und dadurch verlor das Y-Chromosom der Hauspferde einen Großteil seiner genetischen Variabilität. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs wirkte die in dieser Zeit erfolgte Fixierung auf eine Hengstlinie bis in die heutige Zeit fort.

Publikation

Wutke S, Sandoval-Castellanos E, Benecke N, Döhle HJ, Friederich S, Gonzalez J, Hofreiter M, Lõugas L, Magnell O, Malaspinas AS, Morales-Muniz A, Orlando L, Reissmann M, Trinks A, Ludwig A (2018): Decline of genetic diversity in ancient domestic stallions in Europe. Science Advances.



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Die ersten domestizierten Pferde sind nicht die Vorfahren der modernen, sondern der Przewalski-Pferde; Bildquelle: Ludovic Orlando

Theorien über Ursprung der Pferde auf den Kopf gestellt

Bislang galten die vor über 5000 Jahren von der Botai-Kultur gehaltenen Pferde als Ursprung unserer heutigen, domestizierten Tiere
Weiterlesen

Kaltblutpferde im Spiegel der Wissenschaft

Kaltblutpferde im Spiegel der Wissenschaft

Kaltblutpferde vereinen Kraft mit Anmut, und Sanftmut zügelt ihre Stärke - von Gottfried Brem
Weiterlesen

Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (FN)

Wie geht es weiter mit dem Landgestüt Dillenburg?

Die Diskussion über die drohende Schließung des Landgestüts Dillenburg hat in dieser Tage neue Fahrt aufgenommen. Am 18. Juli 2017 traf die hessische Umweltministerin Priska Hinz mit Dillenburgs Bürgermeister Michael Lotz
Weiterlesen

Erkrankungen der neugeborenen Fohlens rechtzeitig erkennen

Erkrankungen der neugeborenen Fohlens rechtzeitig erkennen

Fohlen sind in den ersten Stunden und Tagen nach der Geburt recht anfällig für Infektionen. Daher ist es besonders wichtig, dass das neugeborene Fohlen optimal versorgt wird
Weiterlesen

Fast alle modernen, europäischen Hengste haben einen orientalischen Stammvater; Bildquelle: Spanische Hofreitschule

Orientalische Vorfahren:Genetischer Stammbaum europäischer Zuchthengste entschlüsselt

Männliche Tiere vererben ihr Y-Chromosom beinahe unverändert an ihre Söhne weiter. Das ermöglicht die Rekonstruktion der männlichen Abstammungslinie
Weiterlesen

Live-Webinar für Pferdezüchter

Live-Webinar: Erkrankungen der neugeborenen Fohlens rechtzeitig erkennen

Fohlen sind in den ersten Stunden und Tagen nach der Geburt recht anfällig für Infektionen. Daher ist es besonders wichtig, dass das neugeborene Fohlen optimal versorgt wird
Weiterlesen

Live-Webinar für Pferdezüchter

Live-Webinar für Pferdezüchter mit dem Reproduktionsexperten Prof. Dr. Axel Wehrend

Fohlen sind in den ersten Stunden und Tagen nach der Geburt recht anfällig für Infektionen. Daher ist es besonders wichtig, dass das neugeborene Fohlen optimal versorgt wird
Weiterlesen

Die vier Reiter der Apokalypse. Werk: Beato de Fernando I Doña Sancha, datiert auf 1047 n. Chr. (Apoc. VI, 1–8f. 135; shelf 14-2 National Bibliothek, Madrid; Bildquelle: By Français : Facundus, pour Ferdinand Ier de Castille et Leon et la reine Sancha (Real Biblioteca de San Lorenzo) [Public domain], via Wikimedia Commons

Vom Pferd der Könige zum Überbringer der Pest: die Fellfarben unserer Pferde im historischen Kontext

Menschliche Vorlieben hinsichtlich der Fellfärbung bei Pferden haben sich über die Zeit und die Kulturen sehr verändert. Gefleckte und helle Pferde waren vom Beginn der Domestikation bis zur Römerzeit häufig, wohingegen einfarbige, nichtgescheckte Pferde im Mittelalter dominierten
Weiterlesen