Buntbarsche kommunizieren Aggressivität mittels Urin

(02.05.2018) Berner Forscher haben den Buntbarsch «Prinzessin vom Tanganjikasee» bei territorialen Kämpfen beobachtet und Erstaunliches entdeckt: Die Fische verfügen nicht nur über ein grosses Reportoire an Drohgesten, sondern kommunizieren ihre Agressivität auch geruchlich. Hierzu verändern sie während der Kämpfe ihr Urinierverhalten.

Aggressives Verhalten ist im Tierreich weit verbreitet. Tiere kämpfen, um einen hohen sozialen Status zu erlangen, Paarungspartner zu beeindrucken oder Territorien zu erobern. Oft sind solche Kämpfe kostspielig: die Kontrahenten können Verletzungen davon tragen oder durch ihr auffälliges Verhalten Konkurrenten oder Räuber anlocken.


Ein mit Lebensmittelfarbe behandelter Testfisch. Deutlich ist die blaue Urinwolke zu erkennen.

Um diese Kosten zu verringern greifen viele Arten auf eine Reihe von Drohgesten zurück: Katzen buckeln, Hunde knurren und Fische stellen ihre Flossen auf um grösser zu erscheinen.

In diesem Kontext sind bisher geruchliche Drohgebärden wenig untersucht worden. Die Berner Forscher Dario Bayani, Prof. Michael Taborsky und Dr. Joachim Frommen von der Abteilung für Verhaltensökologie der Universität Bern sind dieser geruchlichen Kommunikation auf den Grund gegangen.

Die Studie wurde nun in der Februarausgabe des Journals «Behavioural Ecology and Sociobiology» publiziert.

Geruchliche Kommunikation

Kommunikation durch Geruchsstoffe ist ein bekanntes Phänomen im Tierreich. Geruch wird zum Beispiel zum Aufspüren von potentiellen Paarungspartnern verwendet, oder zum unterscheiden von bekannten und fremden Individuen.

Über die Rolle von geruchlicher Information während aggressiver Auseinandersetzungen ist jedoch weniger bekannt. Vor allem bei Tierarten mit komplexen Sozialsystemen würde man erwarten, dass Kommunikation zwischen Individuen auf vielen unterschiedlichen Kanälen statt findet.

Die Buntbarschart «Prinzessin vom Tanganjikasee» (Neolamprologus pulcher) lebt in komplexen sozialen Gruppen, in denen rangnidriege Tiere einem dominanten Brutpaar bei der Aufzucht der Jungen helfen. Unter diesen Umständen sind Streitigkeiten sowohl innerhalb der eigenen Gruppe als auch Nachbarn an der Tagesordnung. Bisher war vor allem bekannt, dass Streitigkeiten zwischen diesen Fischen mit auffälligen Drohverhalten entschieden werden.

Urin als Signal

Das Berner Forscherteam untersuchte nun, ob die Tiere auch über geruchliche Signale kommunizieren. Hierzu wurde den Tieren harmlose blaue Lebensmittelfarbe injiziert. Diese färbt den Fischurin innerhalb weniger Stunden blau, so dass jedes Urinieren im klaren Wasser sichtbar wurde. Danach wurden je ein grosser und ein kleiner Fisch in ein Aquarium gesetzt.

Um Verletzungen zu vermeiden wurden sie durch eine Plexiglasplatte voneinander getrennt. In der Hälfte der Versuche befanden sich in der Platte Löcher, so dass Geruchaustausch zwischen den beiden Abteilen möglich war, in der anderen Hälfte war die Platte undurchlässig.

Beide Abteile waren mit einer kleinen Höhle ausgestattet. Jeder Fisch besass so ein Territorium, welches er gegen den Artgenossen zu verteidigen hatte. Die Forscher notierten nun, wann die Fische Urin abgaben und wie sich der Kampf entwickelte.

Die Kontrahenten gaben Urin ausschliesslich kombiniert mit visuellen Drohgesten ab. Wenn der Wasseraustausch unterbunden wurde, stieg die Menge des abgegebenen Urins und die Anzahl an Drohgesten deutlich an.

Kleinere Fische zeigten unter diesen Umständen ausserdem unangemessen viele Angriffe auf grössere Fische, ein Verhalten dass unter natürlichen Bedingungen ein hohes Verletzungsrisiko mit sich bringen würde.

Die Forschenden schliessen aus diesen Ergebnissen, dass der Geruch des Urins eine wichtige Rolle in der richtigen Einschätzung des Kontrahenten während aggressiver Interaktionen spielt.

Da der Mensch im Gegensatz zu visuellen und akustischen Drohgesten chemische Stoffe schlechter wahrnimmt, können geruchliche Informationen auch während Kämpfen anderer Tierarten eine wichtigere Rolle einnehmen als bislang angenommen.

Publikation

Bayani D.-M., Taborsky M., Frommen J.G. (2017) To pee or not to pee: urine signals mediate aggressive interactions in the cooperatively breeding cichlid Neolamprologus pulcher. Behav. Ecol. Sociobiol. 71:37, doi:10.1007/s00265-016-2260-6



Weitere Meldungen

Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Parasiten-Infektion stört das Fluchtverhalten in Fischschwärmen

Das Schwarmverhalten bei Fischen und anderen Tieren ist eine wichtige Überlebensstrategie. Bestimmte Parasiten manipulieren diese Strategie
Weiterlesen

Ein Anemonenfisch-Paar, das sich in Tentakeln seiner Wirtsanemone vor Tauchern versteckt; Bildquelle: Evan Brown

Erschreckt (sich) Nemo?

Wie reagieren Clownfische im Korallenriff auf die Begegnung mit Menschen?
Weiterlesen

Im Rahmen des Projekts Effect-Net erforschen Wissenschaftler die Effekte von Medikamenten und Lebensmittelzusatzstoffen in der aquatischen Umwelt; Bildquelle: Susanne Mieck/Universität Heidelberg

Rückstände von Arzneimitteln in Gewässern: Antidepressiva machen Fische zur leichten Beute

Besonders starke Effekte haben Medikamente zur Behandlung von Depressionen. Bei ihnen verlieren die Fische ab einer bestimmten Konzentration der Substanzen im Wasser ihre natürliche Reaktion auf Stress
Weiterlesen

Steelhead Trout; Bildquelle: James Losee

Forellen beim Nestbau belauschen

„Steelhead“ Forellen wühlen beim Bau ihrer Laichgruben das Sediment des Flussbettes auf und beeinflussen die Beschaffenheit des Flussbetts und den Transport von Sediment
Weiterlesen

Dominantes (links) und untergeordnetes (rechts) Männchen des Buntbarsches Astatotilapia burtoni (Burtons Maulbrüter).; Bildquelle: MPI f. Verhaltensbiologie/ Jordan Lab

Dominanz verringert den Einfluss in einer Gruppe

Von untergeordneten Männchen geführte Fischgruppen schneiden besser ab als Gruppen, die von dominanten und aggressiven Männchen geführt werden
Weiterlesen

Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Gene für Fressverhalten bei chinesischen Barschen identifiziert

Einige chinesische Barscharten (Sinipercidae) sind reine Fischfresser, die sich ausschließlich von lebenden Jungfischen – auch ihrer eigenen Art – ernähren
Weiterlesen

Ardian Jusufi und der weiche robophysikalische Modellfisch; Bildquelle: Cyber Valley

Schwimmroboter gibt wertvolle Einblicke in die Fortbewegung von Fischen

Immer mehr Forscher entwickeln Robotermodelle, die der morphologischen Intelligenz von Tieren entsprechen
Weiterlesen

Beim Atlantischen Molly sind die Weibchen recht unauffällig gefärbt; Bildquelle: Martin Plath

Bei der Partnerwahl achten Fische auf die Persönlichkeit

Die Besitzer eines Haustieres sind schon lange davon überzeugt, nun werden sie durch die Wissenschaft bestätigt: Auch Tiere haben Persönlichkeit
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen