Studie: Liebe macht Meerschweinchen dümmer

(13.01.2011) Verliebtheit beschränkt sich nicht nur auf Menschen, sondern ist auch bei Meerschweinchen möglich. Gemeinsam ist beiden auch, dass Zuneigung zu tiefgreifenden Veränderungen im Organismus führt.

Meerschweinchen ; Bildquelle: Ivo Machatschke Ein Forschungsteam um Ivo Machatschke vom Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien untersuchte das räumliche Lern- und Erinnerungsvermögen bei verpaarten und einzeln gehaltenen Meerschweinchen. Die Ergebnisse erschienen kürzlich online in der Fachzeitschrift "Physiology & Behavior".

Verliebtheit führt zu tiefgreifenden Veränderungen im Organismus: "Durch die gesteigerte Ausschüttung und das Zusammenspiel verschiedenster Hormone und Neurotransmitter werden Verhalten und Kognition stark beeinflusst", erklärt Ivo Machatschke vom Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien. Diese Prozesse sind nicht nur auf Menschen beschränkt; sie finden sich auch beim Hausmeerschweinchen (Cavia porcellus) wieder.

Weg durch das Labyrinth

Bereits in einer früheren Studie konnten Machatschke und sein Team nachweisen, dass als Paare gehaltene Meerschweinchen deutlich höhere Mengen des vom Gehirn produzierten "Liebes- und Glückshormons" Oxytocin aufweisen als einzeln gehaltene Tiere. In der aktuellen Untersuchung analysieren sie, ob einzeln bzw. als heterosexuelles Paar gehaltene Meerschweinchen unterschiedliche Lern- und Erinnerungsvermögen aufweisen.

Die Haustiere wurden mehrere Wochen alleine bzw. gemeinsam gehalten. Im Anschluss untersuchten die ForscherInnen an fünf aufeinander folgenden Tagen den Lernerfolg anhand eines Labyrinths, das es für Meerschweinchen zu überwinden galt. Als Lernanreiz diente ein an jeweils gleicher Stelle platzierter Leckerbissen.

Schwächere Lernleistung bei Paaren

Dabei verbesserten einzeln gehaltene Tiere ihre Lernleistung deutlich. "Sowohl die Zahl der Fehler als auch die Zeit, die die Tiere benötigten, um zum Köder zu gelangen, verringerte sich. Hingegen gab es bei verpaarten Meerschweinchen keine Verbesserung", so Machatschke.

Trost für verpaarte Tiere: Auch wenn Lernleistung und Erinnerungsvermögen unter den Werten einzeln gehaltener Tiere liegen, sind sie ebenso in der Lage, räumliche Informationen zu erarbeiten und auch zu behalten. "Die Leistung der als dumm verschrienen Meerschweinchen entspricht jener der vermeintlich klügeren Ratten", stellt Machatschke fest.

Unterschiedliche Stressbelastung

Eine der möglichen Ursachen für das schlechtere Abschneiden der Paare liegt in der unterschiedlichen Stressbelastung, gemessen anhand des Nebennierenhormons Kortisol: "Einzeln gehaltene Meerschweinchen wiesen vor dem Experiment wesentlich geringere Werte als Paare auf. Dies deutet auf einen weniger stark belasteten Hippocampus – den Ort im Gehirn, an dem Informationen verschiedener sensorischer Systeme zusammenlaufen – und damit bessere Verarbeitung räumlicher Information hin", so Machatschke.

Langfristiger Nachteil der Einsamkeit

Trotz der Forschungsergebnisse sehen die WissenschafterInnen auch langfristige Nachteile einzeln gehaltener Tiere gegenüber Verpaarten. So haben frühere Untersuchungen an Ratten und Mäusen gezeigt, dass ein intaktes soziales Umfeld die räumliche Lern- und Gedächtnisleistung verbessert. Tiere, die isoliert aufgewachsen waren, lagen dagegen in ihrer Leistung deutlich darunter.

Publikation

"Spatial learning and memory differs between single and cohabitated guinea pigs". Ivo H. Machatschke, Barbara Bauer, Lisa M. Glenk, Eva Millesi und Bernard Wallner. In: Physiology & Behavior, Volume 102, Issues 3-4, 1 March 2011, Seiten 311-316.
Volltext (online ahead of print) unter http://dx.doi.org/10.1016/j.physbeh.2010.12.001

Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Brandmaus; Bildquelle: Julia Hoffmann.

Tierpersönlichkeit beeinflusst Interaktion

Tiere haben wie Menschen eine ganz eigene Persönlichkeit: So unterscheiden sich Individuen einer Tierart darin, was sie wann, wo und wie tun
Weiterlesen

In den Verhaltensexperimenten erhalten die Papageien Metallmarken, die sie dann gegen Futter eintauschen können.; Bildquelle: Désiree Brucks

Hilfsbereite und tolerante Papageien

Papageien sind außerordentlich intelligent. So konnte der Graupapagei Alex, der mit rund 500 Wörtern kommunizierte, Fragen beantworten und spontan Objekte klassifizieren
Weiterlesen

Dieser junge Rote Springaffe (Plecturocebus cupreus) profitiert von der Fürsorge seines Vaters. Bei den paarlebenden Springaffen kümmern sich hauptsächlich die Männchen um den Nachwuchs.; Bildquelle: Sofya Dolotovskaya

Paarleben als Sprungbrett vom Einzelgängertum zum Gruppenleben

Allein, als Paar oder in Gruppen – die verschiedenen Formen des Zusammenlebens bei Primaten sind nicht zuletzt deshalb interessant, weil sie vielleicht auch etwas über unser eigenes Sozialleben verraten können
Weiterlesen

Männlicher Mangabenaffe blickt besorgt in Richtung Schlange.; Bildquelle: A. Mielke/ MPI f. evolutionäre Anthropologie

Affen informieren Gruppenmitglieder über Gefahren

Menschen stehen oft vor der Wahl, ob sie zum Allgemeinwohl beitragen oder sich egoistisch verhalten und andere sich verausgaben lassen möchten
Weiterlesen

Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Unterschiedliche Persönlichkeiten in Mäusen identifiziert

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie haben eine Berechnungsmethode entwickelt, die Persönlichkeit von Mäusen objektiv zu messen.
Weiterlesen

Erste Ergebnisse der Studie zum Kurzzeitgedächtnis von Primaten zeigen, dass eng verwandte Arten, zum Beispiel Schimpansen (Foto) und Bonobos, ähnliche Ergebnisse erzielen.; Bildquelle: Clara Dubois, Universität Leipzig, LFE

Projekt ManyPrimates: Leipziger Primatenforschende initiieren weltweite Zusammenarbeit

Um evolutionäre Fragestellungen zu erforschen, benötigen Wissenschaftler möglichst große und vielseitige Stichproben. Wenn diese an einem Ort nicht zu erreichen sind, können sich Forschungseinrichtungen gegenseitig unterstützen
Weiterlesen

Zebrafinkenküken, die in einem Nest mit Straßenlärm aufwuchsen, waren kleiner als Küken, die einen ruhigen Nistplatz hatten. Erst später holen sie den Rückstand wieder auf.; Bildquelle: Sue Anne Zollinger

Verkehrslärm stört normale Stressreaktionen und verzögert das Wachstum von Zebrafinken

Lärm macht krank – zumindest den Menschen. Der Gesundheit von Zebrafinken und dem Wachstum ihrer Küken schadet chronischer Verkehrslärm ebenfalls
Weiterlesen

Ganter, der mit gestrecktem Hals drohend eine Gans verscheucht; Bildquelle: Georgine Szipl

Junge Graugänse setzen auf soziale Netzwerke

Sozialer Kontext in frühen Lebensphasen hat langfristige Auswirkungen auf Graugänse
Weiterlesen

Wissenschaft

Universitäten

Neuerscheinungen

03.01.