Raben können sich in die Sichtweise ihrer Artgenossen hineinversetzen

(08.02.2016) Sind nicht nur Menschen zu einer "Theory of Mind" fähig?

Raben stellen sich vor, was andere Raben sehen können: Zu diesem Ergebnis kommen die Kognitionsbiologen Thomas Bugnyar und Stephan Reber von der Universität Wien gemeinsam mit dem Philosophen Cameron Buckner (University of Houston, Texas).

Bugnyar und sein Team konnten dies in einem Experiment erstmals belegen und leisten damit einen wichtigen Beitrag in der aktuellen Debatte, ob außer Menschen auch Tiere zu einer so genannten "Theory of Mind" fähig sind.

Sie publizieren dazu in der Fachzeitschrift "Nature Communications".


Raben versteckten ihr Futter nur dann gut, wenn dominante Artgenossen im Nachbarraum sichtbar und gleichzeitig hörbar waren

ForscherInnen versuchen seit Jahren in diversen Studien, die "Theory of Mind" bei Tieren, vor allem bei Schimpansen und Rabenvögeln, nachzuweisen.

Das Problem all dieser Arbeiten war aber bislang, dass sich die Tiere an der Kopf- oder Augenbewegung von Artgenossen orientieren konnten.

Die vorliegende Studie kann erstmals diesen Einwand entkräften: Thomas Bugnyar vom Department für Kognitionsbiologie an der Universität Wien und seine Kollegen testeten die Fähigkeit von Raben, sich in andere hineinzuversetzen, indem sie deren Konkurrenz um verstecktes Futter nutzten.

In einem ersten Schritt wiesen sie nach, dass Raben Futter nur dann gut versteckten, wenn dominante Artgenossen im Nachbarraum sichtbar und gleichzeitig hörbar waren.

In einem zweiten Schritt wurde den Raben ein Guckloch gezeigt, dass ihnen erlaubte, in den Nachbarraum zu spähen. Falls dieses Guckloch in der Folge offen war und die Raben vom Nachbarraum Laute von anderen Raben hörten, versteckten sie ihr Futter in der gleichen Weise, als ob ihre Artgenossen sichtbar waren.

Da die Anwesenheit von Artgenossen beim offenen Guckloch über Playback simuliert wurde, konnten die Raben definitiv nicht das Verhalten von Artgenossen beurteilen. Trotzdem agierten sie, als ob sie beobachtet werden.

"Unsere Studie zeigt, dass Raben ihr Futter nur dann gut verstecken, wenn sie andere Raben im benachbarten Raum hören und wenn ein Guckloch zu diesem Raum offen ist.

Da die Raben in diesem Fall keine Artgenossen sehen können, sie aber trotzdem reagieren, als ob sie gesehen werden, kann ihr Verhalten nur über ein Verständnis der Sichtweise der anderen erklärt werden", erläutert Thomas Bugnyar.

"Die Ergebnisse legen nahe, dass Raben die akustische Information über die Anwesenheit anderer Raben mit ihrer eigenen Erfahrung, dass man durch das Guckloch schauen kann, geistig verbinden können, was mit einer der gängigen Hypothesen übereinstimmt, wie 'Theory of Mind' funktionieren könnte", so Bugnyar weiter.

"Die Arbeit zeigt auch, wie fruchtbar Diskussionen mit Kollegen von anderen Disziplinen sein kann", ergänzt der Kognitionsbiologe, "da die Idee zu dieser Studie erst durch regelmäßige Treffen mit Philosophen, vor allem unserem Koautor Cameron Buckner, zustande gekommen ist".

Publikation

Thomas Bugnyar, Stephan A. Reber & Cameron Buckner: "Ravens attribute visual access to unseen competitors". Nature Communication. Published online February 2, 2016.
Doi: 10.1038/ncomm10506



Weitere Meldungen

Rabe; Bildquelle: Universität Wien

Raben lassen sich von den Emotionen eines frustrierten Artgenossen anstecken

Für ein erfolgreiches Miteinander in sozialen Gruppen sind Informationen über die Emotionen der Artgenossen entscheidend
Weiterlesen

Ludwig-Maximilians-Universität München

Entstehung von Arten - Bei Krähen kommt es auf die Farbe an

Raben- und Nebelkrähen unterscheiden sich genetisch kaum und können sogar gemeinsame Nachkommen haben. Trotzdem bleiben die Populationen getrennt – weil die Farbe bei der Partnerwahl eine Rolle spielt, wie LMU-Evolutionsbiologen berichten
Weiterlesen

Geradschnabelkrähe mit einem Stab als Werkzeug; Bildquelle: Auguste von Bayern

Krähen stellen Werkzeuge aus mehreren Komponenten her

Die Krähen können Probleme schnell und flexibel lösen. Welche Vorgänge dabei im Gehirn ablaufen, ist jedoch noch unklar
Weiterlesen

Ein Rabe (rechts im Bild) wird gleich von mehreren dominanten Artgenossen bedrängt. Der bedrohte Raben hat als unterwürfige Geste den Schnabel geöffnet ; Bildquelle: Georgine Szipl

Raben wissen über die Beziehungen anderer Bescheid – und agieren strategisch

Ein Aspekt sozialer Intelligenz ist die Fähigkeit, sowohl die eigenen Beziehungen als auch die anderer im Auge zu behalten. Diese Fähigkeit kennt man bei Primaten, und auch Kolkraben zeigen dieses Verhalten in Gefangenschaftn
Weiterlesen

Die Entstehung von sozialer Kompetenz wird mit dem Gruppenleben von Tieren in Zusammenhang gebracht, auch bei Kolkraben.; Bildquelle: Matthias Loretto, Universität Wien

Raben: "Junggesellen" leben in dynamischen sozialen Gruppen

Kolkraben haben erstaunliche kognitive Fähigkeiten beim Umgang mit Artgenossen – diese sind durchaus vergleichbar mit vielen Affenarten
Weiterlesen

Rabe; Bildquelle: Ipek G. Kulahci

Soziale Netzwerke fördern Lernerfolg

Raben lernen am besten von engen sozialen Partnern: Einer der großen Vorteile des Zusammenlebens ist es, neue Informationen von Gruppenmitgliedern zu erhalten
Weiterlesen

Durch Zusammenarbeit konnten die Raben an jeweils ein Stück Käse gelangen; Bildquelle: Jorg Massen, Universität Wien

Raben kooperieren – aber nicht mit jedem

Raben merken sich Artgenossen, die sie "übers Ohr hauen"
Weiterlesen

Universität Tübingen

Zählende Zellen im Gehirn von Rabenvögeln

Tübinger Neurobiologen entdecken Neuronen im Krähengehirn, die auf Lieblingszahlen reagieren
Weiterlesen