Ratten treiben untereinander Handel

(01.02.2018) Forschende der Universität Bern belegen erstmals mit einem Experiment, dass auch Tiere Gutes mit Gutem vergelten.

Menschen handeln untereinander mit verschiedenen Waren und Leistungen, was wir gerne als Kernkompetenz unserer Spezies ansehen. Diese Fähigkeit ist aber nicht exklusiv menschlich: Auch Wanderratten tauschen miteinander unterschiedliche Dienstleistungen aus.

Sie gehen dabei rigoros nach dem Prinzip vor: «wie Du mir, so ich Dir» – auch wenn mit verschiedenen «Währungen» bezahlt wird, wie der Bereitstellung von Futter und Fellpflege.


Eine Ratte hilft der anderen, ihr Fell am Nacken von Salzwasser zu säubern.

Es gibt zahllose Beispiele für Zusammenarbeit und Austausch im Tierreich, vom Teilen von Futter bei Bienen und Ameisen bis zur gegenseitigen Körperpflege bei Vögeln und Affen. Unklar war bislang allerdings das Funktionsprinzip solcher Leistungen: Wie wird verhindert, dass ein Tier ein anderes ausbeutet, indem es zwar gerne Hilfe empfängt, danach aber weniger bereitwillig zurückgibt?

Eine mögliche Vorgangsweise ist die Portionierung von Dienstleistungen. Sie bewirkt, dass man nicht viel verliert, wenn ein Nutzniesser einmal die Rückzahlung «schuldig bleibt». Man wird es diesem Partner mit gleicher Münze heimzahlen und ihn in Zukunft auch nicht mehr unterstützen.

Dass Tiere sich gegenseitig kooperativ zeigen, war bekannt – aber der Handel mit unterschiedlichen Dienstleistungen wurde bisher vor allem dem Menschen zugerechnet, da er hohe kognitive Fähigkeiten voraussetzt.

Handel mit unterschiedlicher «Währung»

In einem raffinierten Experiment haben nun Manon Schweinfurth und Michael Taborsky vom Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern das Verhalten von Wanderratten derart beeinflusst, dass diese jeweils entscheiden konnten, ob sie einem Sozialpartner helfen wollen, entweder an beliebtes Futter zu kommen oder unliebsames Salzwasser aus einer Stelle am Nacken zu entfernen.

Die Helfer selbst konnten jeweils keinen direkten Vorteil aus diesem Verhalten ziehen. Die Frage war, ob die Tiere dabei ähnlich vorgehen wie wir: bezahlt wird nur, wenn die Wahrscheinlichkeit gross ist, dafür eine Gegenleistung zu erhalten.

Tatsächlich haben die Ratten ihre Hilfsbereitschaft stark nach der Erfahrung gerichtet, die sie vorher mit demselben Partner gemacht hatten. Wurden sie von ihm mit Futter versorgt, revanchierten sie sich bereitwillig mit Fellpflege.

Wurde ihnen vorher geholfen, das unliebsame Salzwasser aus dem Fell zu bekommen, bezahlten sie gerne mit einem Leckerbissen. Wie die Autoren im Fachblatt «Current Biology» erklären, wurde damit erstmals experimentell belegt, dass auch andere Tiere als wir Menschen verstehen, Gutes mit Gutem zu vergelten und Trittbrettfahrer zu bestrafen – selbst wenn sich die Leistungen dabei in ihrem Wert unterscheiden.

«Diese Art Handel zu treiben ist also nicht nur auf unsere Spezies mit unserem grossen Gehirn und unseren fortgeschrittenen kognitiven Fähigkeiten beschränkt», sagt Manon Schweinfurth: «Es scheint demnach nicht weit her zu sein mit unserer Sonderstellung».

Publikation

Manon K. Schweinfurth & Michael Taborsky: Reciprocal trading of different commodities in Norway rats. Current Biology, 01.02.2018, doi:10.1038/s41467-017-02650-6



Weitere Meldungen

Gorilla-Silberrücken beim Brusttrommeln; Bildquelle: Dian Fossey Gorilla Fund

Gorillamännchen bluffen nicht – Brusttrommeln signalisiert ehrlich Körpergröße

Als eines der symbolträchtigsten Geräusche im Tierreich hat das Brusttrommeln Eingang in unsere Umgangssprache gefunden – darunter wird oft eine übertriebene Einschätzung der eigenen Leistungen verstanden
Weiterlesen

Deutsche Wildtier StiftungUniversität Tübingen

Menschenaffen erlernen Verhaltensmuster in jeder Generation neu

Menschenaffen geben ihre Verhaltensweisen nicht an die nächste Generation weiter. Sie kopieren das Wissen ihrer Artgenossen nicht, sondern lernen es in jeder Generation neu – im Gegensatz zum Menschen
Weiterlesen

Evaluierung des Deutschen Primatenzentrums durch den Senat der Leibniz-Gemeinschaft fällt überaus positiv aus; Bildquelle: Lars Gerhardts/DPZ

Evaluierung des Deutschen Primatenzentrums durch den Senat der Leibniz-Gemeinschaft fällt überaus positiv aus

Das Deutsche Primatenzentrum (DPZ) – Leibniz-Institut für Primatenforschung ist eine international hoch anerkannte Einrichtung, deren Forschung ausgezeichnet publiziert und international rezipiert wird
Weiterlesen

Bei Schneeregenpfeiffern ziehen die Männchen meistens den Nachwuchs alleine groß; Bildquelle: Clemens Küpper

Weibliche Schneeregenpfeifer sind keine Rabenmütter

Bei Schneeregenpfeifern haben die Weibchen die traditionellen Familienklischees überwunden. Sie verlassen oft die Familie, um mit einem neuen Partner ein Gelege zu beginnen
Weiterlesen

Weissbüschelaffen ; Bildquelle: Judith M. Burkart, UZH

Weissbüschelaffen interpretieren die Unterhaltungen zwischen ihren Artgenossen

Weissbüschelaffen nehmen die Laut-Interaktionen zwischen ihren Artgenossen nicht nur als Aneinanderreihung von Rufen wahr, sondern als zusammenhängende Unterhaltungen
Weiterlesen

Schimpansen schließen sich ihren engen Bindungspartnern - verwandten und befreundeten Gruppenmitgliedern - im Kampf gegen Rivalen an.; Bildquelle: Liran Samuni, Taï Chimpanzee Project

Befreundete Schimpansen kämpfen gemeinsam gegen Rivalen

Menschen kooperieren in großen Gruppen miteinander, um Territorien zu verteidigen oder Krieg zu führen. Doch was liegt der Evolution dieser Art von Kooperation zugrunde?
Weiterlesen

An der Uni Osnabrück und dem Max-Planck-Institut für Ornithologie wurde die Intelligenz von Rabenvögeln untersucht. Sie zeigten kognitive Leistungen wie Menschenaffen; Bildquelle: WascherC/Universität Osnabrück

Rabenvögel ziehen beim Hütchenspiel mit Menschenaffen gleich

Dass Rabenvögel erstaunlich schlau sind, weiß eigentlich jedes Kind. Bis jetzt hatten Forscher jedoch nur Einzelaspekte der kognitiven Fähigkeiten von Rabenvögeln untersucht und kaum etwas war über die kognitive Entwicklung bekannt
Weiterlesen

Max-Planck-Institut

Sozialer Status beeinflusst gestresste Mäuse je nach Geschlecht

Stress macht Frauen mehr zu schaffen als Männern, wodurch sie einem höheren Risiko für psychische Störungen ausgesetzt sind. Geschlechtsunterschiede und der soziale Kontext tragen zur Entwicklung stressbedingter Störungen bei
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen