Schimpansen und Bonobos: kriegerische Konflikte könnten Unterschiede in Sozialstrukturen erklären

(07.05.2017) Während Schimpansen sich lieber mit Artgenossen des jeweils eigenen Geschlechts umgeben, sind männliche und weibliche Bonobos meist mit Weibchen im Bunde

Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben die Daten über mehrere frei lebende Schimpansen- und Bonobogruppen miteinander verglichen und herausgefunden, dass Schimpansen sich lieber mit Angehörigen ihres eigenen Geschlechts umgeben.


Bonobos bei der gegenseitigen Fellpflege.

Bonobos beider Geschlechter hingegen suchen am liebsten die Nähe zu weiblichen Tieren. Grund für diese Vorliebe sind die jeweils unterschiedlichen Kooperationsziele beider Tierarten. Ähnlich wie Menschen unterstützen männliche Schimpansen einander bei kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen.

Bonobomännchen, denen solche Konflikte weitestgehend fremd sind, verlassen sich hauptsächlich auf die Hilfe weiblicher Tiere, insbesondere ihrer Mütter, um Konflikte mit anderen Männchen in der Gruppe beizulegen. Bei beiden Arten kooperieren die Weibchen mit Artgenossinnen bei der Aufzucht des Nachwuchses.

Das Leben in einer Gruppe hat Vorteile, wie beispielsweise bei der Verteidigung gegen Raubtiere oder beim Zugang zu Nahrung und Sexualpartnern. Es bringt aber auch Nachteile mit sich, wie zum Beispiel einen höheren Konkurrenzdruck, wenn es um das Teilen der Nahrung oder den Zugang zu Weibchen geht.

Auch besteht ein höheres Risiko, sich bei Gruppenmitgliedern mit Krankheiten anzustecken. Um die Vorteile des Gruppendaseins möglichst optimal zu nutzen, suchen sich Tiere gezielt ganz bestimmte Kooperationspartner aus, deren Wahl vermutlich im Zusammenhang mit dem Ziel der gemeinschaftlichen Aktion steht.

Unsere nächsten Verwandten, Bonobos und Schimpansen, ähneln einander in vielerlei Hinsicht, da beide Arten genetisch eng miteinander verwandt sind. Doch in einigen wichtigen Verhaltensaspekten unterscheiden sie sich grundlegend.

„Während Schimpansen ausgesprochen territorial sind, was sich in feindseligen Begegnungen zwischen verschiedenen Gruppen mit einem oft tödlichen Ausgang äußert, unterhalten Bonobos eher friedliche Beziehungen zu anderen Gruppen, ihre Begegnungen enden nicht tödlich“, sagt Martin Surbeck vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Die Forscher wollten nun herausfinden, ob sich diese Unterschiede bei der Kooperation von Männchen gegen Gruppenfremde in der Wahl ihrer Gefährten widerspiegeln.

Surbecks Team hat dazu den Langzeitdaten von fünf Schimpansen- und zwei Bonobogruppen aus fünf verschiedenen Feldforschungsstationen an der Elfenbeinküste, in Uganda und in der Demokratischen Republik Kongo entnommen, mit Tieren welchen Geschlechts sich Bonobos und Schimpansen vorzugsweise umgeben.

„Alle Schimpansengruppen waren nach Geschlechtern getrennt, Männchen und Weibchen waren also häufiger in Gesellschaft des jeweils eigenen Geschlechts anzutreffen“, sagt Surbeck. „Bei den Bonobos umgaben sich beide Geschlechter lieber mit Weibchen.“

Diese Ergebnisse lassen sich mit den verschiedenen Arten der Kooperation bei Bonobos und Schimpansen erklären. Während männliche Schimpansen mit anderen Männchen bei der Verteidigung des Reviers und der Jagd miteinander kooperieren, sind die nicht so territorialen Bonobomännchen hauptsächlich mit Weibchen zusammen, insbesondere mit ihren Müttern.

Mit deren Hilfe steigern die Söhne ihr Ansehen in der Gruppe und ihren Paarungserfolg. Die Weibchen beider Arten arbeiten mit ihren Artgenossinnen bei der Aufzucht des Nachwuchses zusammen. Surbeck fasst die Studienergebnisse zusammen: „Das Führen von Kriegen scheint einen fundamentalen Einfluss auf die Struktur einer bestimmten Gesellschaft haben.“

Publikation

Martin Surbeck, Cédric Girard-Buttoz, Christophe Boesch, Catherine Crockford, Barbara Fruth, Gottfried Hohmann, Kevin E. Langergraber, Klaus Zuberbühler, Roman M. Wittig, Roger Mundry
Sex-specific association patterns in bonobos and chimpanzees reflect species differences in cooperation
Royal Society Open Science, 03. Mai 2017, DOI: 10.1098/rsos.161081


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