Schimpansen-Weibchen tragen zum Schutz des Territoriums bei

(29.05.2020) Beim Menschen scheinen Kriegsführung und Territorialverhalten den Männern vorbehalten zu sein. Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig konnte nun belegen, dass das bei Schimpansen nur bedingt der Fall ist.

Weibchen und andere Gruppenmitglieder spielen im Wettbewerb mit anderen Gruppen eine wichtigere Rolle als bisher angenommen. Erwachsene Männchen werden vor allem bei der Gebietsvergrößerung aktiv; zur Gebietserhaltung und zu Wettbewerbsvorteilen anderen Gruppen gegenüber tragen alle Gruppenmitglieder bei.

Das ergaben ausgiebige Untersuchungen mehrerer benachbarter Schimpansengruppen im Taï Nationalpark (Elfenbeinküste).


Bei den Taï-Schimpansen beteiligen sich beide Geschlechter in Form von "Grenzpatrouillen" am Schutz ihres Heimatgebiets und tragen Territorialkonflikte mit feindlichen Nachbarn aus.

Obwohl größere Gruppen kleineren Nachbargruppen gegenüber reale Wettbewerbsvorteile haben, ging man bei vielen sozialen Tierarten – einschließlich des Menschen – bisher davon aus, dass erwachsene Männchen bei der Territorialität eine maßgebliche Rolle spielen.

Diese möglicherweise durch eine anthropozentrische Perspektive verzerrte Wahrnehmung, stellen Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig nun im Rahmen einer neuen Studie differenzierter dar.

Bei Schimpansen, die zu unseren nächsten lebenden Verwandten und neben dem Menschen zu einer der territorialsten Primatenarten zählen, beteiligen sich die Männchen aktiv an Konflikten zwischen Gruppen und verhalten sich territorial, während die Weibchen sich aus diesen „Männerangelegenheiten“ größtenteils heraushalten.

Dieses Muster scheint auf die meisten Schimpansenpopulationen in Ostafrika zuzutreffen. Frühere Befunde bei Schimpansen aus dem Taï-Nationalpark in der Elfenbeinküste in Westafrika ließen jedoch bereits vermuten, dass Weibchen bei der Territorialität eine wichtigere Rolle spielen als bisher angenommen.

Doch bisher blieb unklar, wie es um die Verteidigung des Territoriums vor dem Hintergrund variabler Sozialsysteme bei Schimpansen bestellt war.

„Um die Mechanismen zu entschlüsseln, die Gruppenkonkurrenz und -dominanz bei sozialen Arten steuern, benötigen wir Langzeitdaten von mehreren Gruppen innerhalb einer Population“, sagt Sylvain Lemoine, Erstautor einer neuen Studie, die diese Mechanismen bei westafrikanischen Schimpansen untersucht.

Daten zu vier benachbarten Schimpansengemeinschaften westafrikanischer Schimpansen, die die Wissenschaftler im Rahmen des Taï Chimpanzee Project (TCP) in mehr als 20 Jahren zusammengetragen haben, und Informationen über Verbreitungsmuster und Begegnungen zwischen den Gruppen, ergaben: Die Gruppengröße erklärt Unterschiede hinsichtlich Kosten und Nutzen im Wettstreit zwischen den Gruppen besser als die Anzahl erwachsener Männchen in einer bestimmten Gruppe.

Vorteile für größere Gruppen

Obwohl die Zunahme der Anzahl erwachsener Männchen in einer Gruppe meist eine Gebietsvergrößerung nach sich zieht, gewinnen größere Gruppen – darunter Weibchen, jugendliche Tiere und Jungtiere – Vorteile gegenüber kleineren Gemeinschaften.

Dies geschieht indem sie den Zugang zu größeren Gebieten aufrechterhalten und weniger unter dem Nachbarschaftsdruck leiden. Größere und sicherere Futtergebiete könnten dann einzelnen Tiere Vorteile bei der Fortpflanzung und Aufzucht des Nachwuchses verschaffen.

„Von den Taï-Schimpansen wissen wir, dass Männchen und Weibchen sehr gesellig miteinander umgehen und es starke soziale Bindungen und eine ausgeprägte Zusammenarbeit zwischen den Tieren gibt“, sagt Roman Wittig, einer der beiden Senior-Autoren der Studie und Direktor des TCP.

In dieser Population, die als „bisexuell gebunden“ qualifiziert wird, bewohnen Männchen und Weibchen derselben Gemeinschaft ein ähnliches Territorium, anstatt getrennt voneinander ihren jeweils eigenen, miteinander überlappenden, Lebensraum zu nutzen. Beide Geschlechter beteiligen sich in Form von „Grenzpatrouillen“ am Schutz ihres Heimatgebiets und tragen Territorialkonflikte mit feindlichen Nachbarn aus.

Gruppierungs- und Sozialisierungsmuster können also möglicherweise erklären, warum die Gruppengröße – und nicht nur die Anzahl der Männchen – für die Konkurrenzfähigkeit dieser Schimpansenpopulation entscheidend ist.

Weniger Tötungen

„Erwachsene Männchen spielen vor allem bei der Vergrößerung des Territoriums eine Rolle. Die Bewahrung des Territoriums, die Dominanz über und das Zurückdrängen benachbarter Gruppen hingegen, erfordern auch den Einsatz von Weibchen und anderen Gruppenmitgliedern“, fügt Sylvain Lemoine hinzu.

Diese Befunde können teilweise erklären, warum es in dieser Population im Vergleich zu ostafrikanischen Schimpansen, wesentlich seltener zu Tötungen von Schimpansen aus anderen Gruppen kommt: Wenn zwei gegnerische Gruppen miteinander im Wettstreit stehen und alle Gruppenmitglieder an der Auseinandersetzung beteiligt sind, verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ungleichgewicht der Machtverhältnisse entsteht.

Damit verringern sich auch die Möglichkeiten, einen Nachbarn zu töten, ohne dabei selbst ein großes Risiko einzugehen.

Catherine Crockford, die andere Senior-Autorin der Studie, ergänzt: „Wir sammeln gerade überzeugende Belege dafür, dass die Zusammenarbeit zwischen nicht verwandten Tieren sowie zwischen Männchen und Weibchen – aufgrund des Wettstreits zwischen benachbarten Gruppen – möglicherweise unter Selektion stand.

Die Ergebnisse unserer Studie haben für unser Verständnis der Evolution von Kooperation bei sozialen Arten und insbesondere beim Menschen eine große Bedeutung.

Kontinuierliche und langfristige Forschungs- und Arterhaltungsbemühungen sind notwendig, wenn wir das Wechselspiel zwischen Konkurrenz und Kooperation bei dieser für die menschliche Evolution so symbolträchtigen Art verstehen wollen und wie dieses mit der Evolution unserer eigenen Art in Verbindung steht.“


Weitere Meldungen

Im Experiment lernten Schimpansen, dass nach gewissen Tönen immer eine bestimmte Art von anderen Tönen auftrat, auch wenn diese durch weitere Tonfolgen getrennt waren.; Bildquelle: National Center for Chimpanzee Care in Bastrop, Texas

Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen

Dies hat das Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft der UZH durch Experimente mit einer künstlichen Grammatik herausgefunden
Weiterlesen

Schimpansen; Bildquelle: Liran Samuni, Taï Chimpanzee Project

Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren

Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzögertes Wachstum und gesundheitliche Probleme können die Folgen sein
Weiterlesen

Ein junger Schimpanse beim Verspeisen des Inhalts von Samenkapseln (Issa-Tal, Tansania).; Bildquelle: R. Drummond-Clarke/GMERC

Schimpansen-Verhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) hat den Einfluss der Umweltvariabilität auf das Verhaltensrepertoire von 144 sozialen Gruppen untersucht
Weiterlesen

Ähnlich wie Menschen benötigen Schimpansen mehr als fünf Jahre, um wichtige Entwicklungsmeilensteine zu erreichen.; Bildquelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Ähnlich wie Menschen entwickeln sich Schimpansen langsam

Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben systematisch Entwicklungsmeilensteine bei freilebenden Schimpansen im Taï-Nationalpark (Elfenbeinküste) untersucht
Weiterlesen

Max-Planck-Institut

Kulturelle Vielfalt bei Schimpansen

Bisher ging man davon aus, dass das Angeln von Termiten bei Schimpansen nur in zwei Formen vorkommt und mithilfe eines oder mehrerer Werkzeuge durchgeführt wird, um aus oberirdisch oder unterirdisch gelegenen Bauten Termiten zu holen
Weiterlesen

Erste Ergebnisse der Studie zum Kurzzeitgedächtnis von Primaten zeigen, dass eng verwandte Arten, zum Beispiel Schimpansen (Foto) und Bonobos, ähnliche Ergebnisse erzielen.; Bildquelle: Clara Dubois, Universität Leipzig, LFE

Projekt ManyPrimates: Leipziger Primatenforschende initiieren weltweite Zusammenarbeit

Um evolutionäre Fragestellungen zu erforschen, benötigen Wissenschaftler möglichst große und vielseitige Stichproben. Wenn diese an einem Ort nicht zu erreichen sind, können sich Forschungseinrichtungen gegenseitig unterstützen
Weiterlesen

Schimpnase sucht nach Krabben; Bildquelle: Kathelijne Koops

Schimpansen fischen und fressen Krabben

Schimpansen ernähren sich vor allem vegetarisch, manchmal fressen sie Fleisch. Forschende der Universität Zürich zeigen nun zum ersten Mal, dass Schimpansen auch Krabben fressen
Weiterlesen

Schimpanse im Loango Nationalpark in Gabun beim Verzehr einer Schildkröte; Bildquelle: Erwan Theleste

Schildkröten auf dem Speiseplan von Schimpansen

Freilebende Schimpansen fressen Schildkröten, nachdem sie deren Panzer an Baumstämmen aufgeschlagen haben
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen

09.10.