Können Schimpansen einschätzen, welche Objekte sich besonders gut als Werkzeug eignen?

(02.01.2015) Ein internationales Forscherteam vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat untersucht, welche der vor Ort verfügbaren Werkzeuge frei lebende Schimpansen im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste benutzen, um Nüsse der Art Coula edulis zu knacken.

Dabei fanden sie heraus, dass die Tiere das für die jeweilige Aufgabe passende Werkzeug flexibel auswählen und verschiedene Variablen und Bedingungen gleichzeitig berücksichtigen. Dazu gehören neben Gewicht, Material und Härtegrad des „Hammers“ auch der Ort, an dem sich der „Amboss“ befindet und die Entfernung dorthin.


Schimpansin beim Nüsseknacken

Einige Populationen von frei lebenden Schimpansen knacken nahrhafte aber harte Nüsse, indem sie sie auf einen Stein, eine harte Wurzel oder den Ast eines Baumes („Amboss”) legen und dann mit einem Stück Holz oder Stein („Hammer”) darauf schlagen.

Diese Art des Werkzeuggebrauchs wird seit fast 30 Jahren beobachtet, doch bisher war nur wenig darüber bekannt, welche Kriterien Schimpansen bei der Auswahl eines geeigneten Hammers berücksichtigen.

„Auf dem Boden eines tropischen Regenwaldes befinden sich Holzstöcke und Steine, die sich in Größe, Gewicht und Härtegrad unterscheiden. Nicht alle eignen sich gleichermaßen gut dazu, um Nüsse schnell und effektiv zu knacken“, sagt Giulia Sirianni vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Wenn sie Zeit und Energie sparen, können sich einzelne Tiere aber einen Überlebens- und Fortpflanzungsvorteil verschaffen.“

In zwei Feldforschungsaufenthalten von jeweils fünf Monaten folgten Sirianni und ihre Kollegen fünf erwachsenen weiblichen Schimpansen täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Hatte ein Schimpanse einen Hammer aufgehoben, markierten die Forscher den Ort mit Plastikband und speicherten die GPS-Koordinaten ab.

Am nächsten Tag kehrten sie zurück, um die Beschaffenheit der Nussknackstelle genauer zu untersuchen: Welche möglichen Hämmer waren dort verfügbar und wie weit waren sie vom Amboss entfernt. „So konnten wir mithilfe von statistischen Modellen untersuchen, was den gewählten Hammer im Vergleich zu allen nicht gewählten Hämmern auszeichnete, was uns wiederum Aufschluss über die Auswahlkriterien der Schimpansen gab“, sagt Sirianni.

Bei der Auswahl des Hammers berücksichtigen Schimpansen auch, wo sie die Nüsse knacken

Um eine Aufgabe optimal zu lösen, berücksichtigten die Tiere bei  der Hammerwahl mehrere Variablen gleichzeitig. Welches Gewicht sie bei einem Hammer bevorzugten, hing dabei vom Härtegrad des Hammers, dem Transportweg und dem Ort ab, an dem sich der Amboss befand (am Boden oder auf einem Baum). Insbesondere bevorzugten die Schimpansen härtere Steine anstelle der im Wald häufiger vorkommenden Stöcke aus Holz und wählten generell lieber harte als weiche Holzsorten.

Fiel die Wahl auf einen Stein, dann meist auf einen schweren, während sie bei Holzhämmern mittelgroße aus Hartholz bevorzugten. Da Stein eine höhere Dichte hat als Holz, sind schwere Steine trotzdem noch relativ klein und handlich.

Bei längeren Transportwegen oder wenn sie auf einem Ast sitzend Nüsse knackten, entschieden sich die Tiere hingegen für einen leichteren Hammer. Die letzten beiden Beispiele zeigen, dass Schimpansen Transportwege und die Stabilität der Nussknackstelle berücksichtigen, wenn sie ein Werkzeug auswählen; sie planen also voraus.

Die große Anzahl der berücksichtigten Faktoren und Beziehungen zwischen ihnen verdeutlicht, dass der Werkzeuggebrauch hoher kognitiver Fähigkeiten bedarf, mit deren Hilfe die Tiere die Nahrungsmittelbeschaffung optimieren. „Lange Zeit ging man davon aus, dass nur Menschen Werkzeug gebrauchen.

Jetzt wissen wir, dass andere Arten dies auch tun und dass unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, ihr Werkzeug auf schlaue Art und Weise und abhängig von der jeweils anstehenden Aufgabe auswählen“, sagt Sirianni.

„Die Fähigkeit, sich Zugang zu ummantelten Nahrungsquellen wie Nüssen zu verschaffen, könnte bei der Evolution komplexer kognitiver Fähigkeiten in unserer Abstammungslinie eine Rolle gespielt haben“, sagt Christophe Boesch.




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