Ähnlich wie Menschen entwickeln sich Schimpansen langsam

(05.06.2020) Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben systematisch Entwicklungsmeilensteine bei freilebenden Schimpansen im Taï-Nationalpark (Elfenbeinküste) untersucht und festgestellt, dass sie sich langsam entwickeln und mehr als fünf Jahre benötigen, um wichtige motorische, kommunikative und soziale Meilensteine zu erreichen. Dieser Zeitrahmen ähnelt dem des Menschen und deutet auf eine langsame Reifung des Gehirns hin.

Nur wenige Arten entwickeln sich so langsam wie der Mensch, sowohl in Bezug auf die Entwicklung von Erwachsenen-Fähigkeiten als auch in Bezug auf die Gehirnentwicklung. Menschliche Kleinkinder werden so unterentwickelt geboren, dass sie nach der Geburt einige Jahre lang ohne Pflege und Ernährung durch Erwachsene nicht überleben können.


Ähnlich wie Menschen benötigen Schimpansen mehr als fünf Jahre, um wichtige Entwicklungsmeilensteine zu erreichen.

Kinder müssen grundlegende Fähigkeiten wie das Gehen, Essen, Sprechen, den Umgang mit Werkzeugen und vieles mehr erst erlernen. Anhand des Zeitpunkts, wann diese Entwicklungsmeilensteine erstmals auftauchen, können Ärzte feststellen, ob sich Kinder und die Gehirne von Kindern normal entwickeln.

Darüber in welchem Alter andere langlebige, nahverwandte Arten, wie Schimpansen, motorische und soziale Entwicklungsmeilensteine erreichen und was das für ihre Gehirnentwicklung bedeutet, ist bisher nur wenig bekannt. Wann zum Beispiel beginnen Schimpansen zu laufen, sich selbst zu ernähren, soziale Fellpflege zu betreiben und Werkzeuge zu benutzen? Vergleichende Studien zu wichtigen Entwicklungsschritten bei Schimpansen und anderen Arten helfen dabei, die evolutionäre Grundlage ausgedehnter Entwicklungsperioden zu verstehen.

Forschende am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben nun systematisch ein breites Spektrum von Verhaltensweisen freilebender Schimpansen dokumentiert und untersucht, wann diese erstmals ausgeübt werden. Für diese Studie beobachteten die Forschenden 19 Schimpansenkinder (acht Weibchen und 11 Männchen) aus dem Taï-Nationalpark, Elfenbeinküste, vom ersten Monat nach der Geburt bis zu einem Alter von fünf Jahren.

Die Ergebnisse zeigten, dass sich die grobmotorischen Fähigkeiten mit etwa vier Monaten, kommunikative Eigenschaften mit 12 Monaten, die Fähigkeiten zur sozialen Interaktion mit 14 Monaten und die feinmotorischen Fähigkeiten mit 15 Monaten entwickeln.

„Nicht nur der zeitliche Rahmen, sondern auch die Erwerbsreihenfolge ähneln sich bei Schimpansen und Menschen, was unsere gemeinsame Evolutionsgeschichte widerspiegelt", sagt Erstautorin Aisha Bründl. „Unsere Ergebnisse stimmen mit der Hypothese des verzögerten Nutzens überein, die besagt, dass eine längere Entwicklungsdauer für den Erwerb von Erwachsenen-Fähigkeiten notwendig ist.“

„Solche Entwicklungsmeilensteine können uns wertvolle Informationen über die Reifung des Gehirns liefern“, sagt Senior-Autorin Catherine Crockford, eine der Leiterinnen des Projekts Evolution of Brain Connectivity (EBC) der Max-Planck-Gesellschaft.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich einige Teile des Schimpansengehirns so langsam entwickeln wie beim Menschen.“ Das muss jedoch im Rahmen des neuen EBC-Projekts noch untersucht werden, einer Zusammenarbeit zwischen den Leipziger Max-Planck-Instituten für evolutionäre Anthropologie und für Kognitions- und Neurowissenschaften, bei dem Forschende post mortem Gehirne von Menschenaffen scannen und analysieren und die Ergebnisse mit dem Verhalten der Tiere in Beziehung setzen.

Außerdem stellten die Forscher fest, dass komplexere Fähigkeiten, wie etwa der Gebrauch von Werkzeugen und soziale Interaktionen im Laufe der Entwicklung erst später auftauchen. Darüber hinaus unterscheidet sich der Zeitpunkt, wann diese Fähigkeiten erstmals auftreten, zwischen einzelnen Schimpansen stärker, als das bei weniger komplexen Fähigkeiten der Fall ist.

„Diese Variation kann durch grundlegende Unterschiede im sozialen Umfeld, in dem ein Schimpanse aufwächst, aber auch durch andere Faktoren wie zum Beispiel die Ernährung verursacht werden und muss noch weiter untersucht werden“, erklärt Co-Autor Patrick Tkaczynski.

„Eine solche Entwicklungsstudie benötigt Langzeitdaten, da Schimpansen eine ähnlich langsame Lebensgeschichte wie Menschen haben“, betont Roman Wittig, ein weiterer Senior-Autor der Studie und Leiter des Taï-Schimpansen-Projekts. „Wir haben Glück, dass wir über Beobachtungsdaten freilebender Schimpansen über einen Zeitraum von 40 Jahren verfügen.“

Insgesamt betrachtet ist diese Studie die bisher umfassendste Beschreibung von Entwicklungsmeilensteinen bei Schimpansen und bringt die Erforschung gemeinsamer Entwicklungsverläufe bei verschiedenen Menschenaffenarten weiter voran.


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