Schlaue Raben - Verhaltensforscher der Universität Wien erforscht Intelligenz der Kolkraben

(02.09.2007) Der Verhaltensforscher Thomas Bugnyar von der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle der Universität Wien in Grünau ist mit ausgeklügelten Tests der Intelligenz von Kolkraben auf der Spur.

Kolkraben sind jene Vögel, die am weitesten auf der ganzen Welt verbreitet sind. Dies vielleicht deshalb, weil sich die Tiere unglaublich schnell auf neue Situationen einstellen können.


KOLKRABE (CORVUS CORAX) IM EXPERIMENT
Der Kolkrabe (Corvus corax) ist der größte Raben- und Singvogel der Welt und siedelt sich aufgrund seines flexiblen Verhaltens in verschiedensten Lebensräumen an. Er kann sowohl im Wald, im Gebirge, auf freiem Gelände als auch an der Küste überleben. Raben gelten als extrem verspielte Tiere.

Sie rollen sich auch gerne einmal auf den Rücken, schaukeln und hängen kopfüber von Ästen, verteidigen ihr Nest, indem sie heftig auf dem Boden herumhacken und mit allem Greifbaren in Nestnähe herumwerfen, oder führen manchmal sogar größere Raubtiere zu Beute, die sie selbst nicht überwältigen können. 

Die Logik der Kolkraben auf dem Prüfstand

Thomas Bugnyar überprüft, inwieweit das auf Menschen intelligent wirkende Verhalten der Kolkraben tatsächlich von Überlegung und Verständnis beeinflusst wird. In der ersten Versuchsphase konfrontierte der Forscher der Universität Wien die Kolkraben mit einer unbekannten Methode der Nahrungsbeschaffung.

Ein Fleischstück hing an einer Schnur befestigt an einer Sitzstange. Ausgewachsene Kolkraben holten die Schnur mit dem daran befestigten Fleischstück in kürzester Zeit Stück für Stück ein. "Die besten Vögel verhielten sich von vornhinein so, als wüssten sie genau, was zu tun war", erklärt Bugnyar.

Es galt, diesen Test für die Vögel komplizierter zu gestalten. Die Schnur, an dem das Fleischstück hing, mussten die Tiere nun nicht mehr von unten zu sich herholen, sondern von oben zu sich herunterziehen, damit sich der Leckerbissen näherte. Dieser Versuchsaufbau war jedoch zu komplex, kein einziger Rabe löste die Aufgabe.

"Es dürfte so sein, dass Kolkraben Handlungen innerlich prüfen und durchprobieren", erläutert der Verhaltensforscher. Der für die Raben schwierige Umwegversuch überforderte ihr logisches Vermögen, und sie gaben nach vergeblichen Versuchen auf.

Kolkraben merken sich, wer sie beobachtet

In weiteren Test wurde auch das Verhalten der Vögel beim Verstecken von Futter beobachtet. Da Kolkraben in Gruppen leben, ist die Futterkonkurrenz groß. Umso wichtiger ist es, geeignete Verstecke zu finden. Thomas Bugnyar fand heraus, dass die Raben dabei mit Logik und Geschick handeln: "Kolkraben verteilen ihre besten Vorräte über ein Gelände von etlichen Quadratkilometern und merken sich genau, welcher Futterkonkurrent sie dabei beobachtet hat".

Dieser wird jedes Mal verscheucht, wenn er in die Nähe des Futterverstecks kommt. Kolkraben können sich merken und später berücksichtigen, wer ihnen bei bestimmten Situationen zugesehen hat.

Die Erforschung von Geistestätigkeiten von Tieren erweist sich als schwierig, allerdings gibt es starke Hinweise darauf, dass Raben logisch handeln und ein langes Erinnerungsvermögen besitzen. "Raben sind sehr verspielt und lernen schnell. Ihre herausragende Veranlagung mag auch der Grund dafür sein, dass sie die am weitesten verbreiteten Vögel sind", erklärt Thomas Bugnyar.

Kurzbiografie

Dr. rer. nat. Thomas Bugnyar (geb. 1971 in Eisenstadt) studierte Biologie und Zoologie an der Universität Wien. Dissertation bei Prof. Kurt Kotrschal an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle der Universität Wien in Grünau. 2001-03 Forschungsaufenthalt bei Prof. Bernd Heinrich an der University of Vermont, USA. 2003-06 Projektleiter an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle und am Department Verhaltens-, Neuro- und Kognitionsbiologie der Universität Wien. Derzeit Forschungsaufenthalt an der St.-Andrews-Universität in Schottland.

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