Forscher finden soziale Kulturen bei Schimpansen

(26.11.2018) Aktuelle Forschungsergebnisse aus der Universität Leipzig zeigen, dass getrennt lebende Gruppen von Schimpansen Unterschiede im Sozialverhalten zeigen, die über die Zeit hinweg stabil sind.

Diese Unterschiede könnten das Ergebnis von kulturellem Lernen sein.

Eine internationale Forschungsgruppe hat zusammen mit Mitgliedern des Leipziger Forschungszentrums für frühkindliche Entwicklung (LFE) der Universität Leipzig über drei Jahre vier Gruppen von Schimpansen in der Chimfunshi Wildlife Orphanage in Sambia erforscht.

Während dieser Zeit haben sie verschiedene Aspekte ihres Sozialverhaltens untersucht - zum Beispiel, wie viele Individuen in temporären Kleingruppen zusammenleben, wie räumlich nah Individuen sich gegenseitig durchschnittlich sind und wie häufig sie gegenseitige Fellpflege betreiben.


Fellpflege zweiter Schimpansinnen

Die Gruppen zeigten die größten Unterschiede in der Anzahl an Individuen, mit denen sie Zeit verbringen, auch bekannt als die Subgruppengröße. Zwei der Gruppen formten signifikant größere Subgruppen als die anderen zwei Gruppen.

„Die geselligste Gruppe zeigte sich auch in den anderen Aspekten sozialer. Die Schimpansen in diesen Gruppen waren durchschnittlich räumlich näher beieinander und betrieben viel häufiger gegenseitige Fellpflege als die anderen Gruppen“, erklärt der Seniorautor der Studie, LFE-Direktor Prof. Dr. Daniel Haun.

Er und seine Kollegen haben ihre Erkenntnisse kürzlich in dem renommierten Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America" (PNAS) veröffentlicht.

"Die Bedingungen in diesem Schimpansenschutzgebiet bieten uns eine einzigartige Möglichkeit, kulturelle Unterschiede bei Schimpansen zu untersuchen", sagt Sarah DeTroy, Forscherin in Chimfunshi und LFE-Mitglied. In den meisten Fällen vergleichen Forscher Gruppen wilder Schimpansen, die in unterschiedlichen Umgebungen leben und große genetische Unterschiede aufweisen.

In diesen Fällen können sie den Einfluss dieser Faktoren auf die beobachteten Verhaltensunterschiede zwischen Gruppen nicht ausschließen. Da die Schimpansen in Chimfunshi alle in derselben Umgebung leben und es keine systematischen genetischen Unterschiede zwischen ihnen gibt, haben Forscher so die Möglichkeit zu untersuchen, inwiefern andere Prozesse, wie soziales Lernen, Unterschiede zwischen Schimpansengruppen erklären können.

"Obwohl wir die Ursprünge dieser Unterschiede in dieser Studie nicht direkt untersucht haben, wissen wir, dass Schimpansen sozial voneinander lernen können und, dass Primaten ihr Sozialverhalten an ihren Kontext anpassen können.

Die Individuen in den jeweiligen Gruppen haben möglicherweise Interaktionsmuster anderer Schimpansen beobachtet, wie die allgemeine Nähe und die Häufigkeit von Fellpflege und sie sozial gelernt", erläutert Prof. Haun.

Über einhundert gerettete Schimpansen und ihre Nachkommen leben in dem Schimpansen-Schutzgebiet Chimfunshi. Das Forschungsteam arbeitet seit über zehn Jahren mit den Schimpansen und erforscht unterschiedliche Aspekte ihres Verhaltens und ihrer Kognition, wie zum Beispiel ihre Neigung zu Konformität, die Entstehung und Weitergabe von kulturellen "Trends" und ihr Trauerverhalten.

"Wir konnten über die Jahre eine große Variabilität im Verhalten der Schimpansen in Chimfunshi beobachten. Diese aktuelle Studie zeigt einen Teil des Ausmaßes und der Stabilität der Unterschiede in der allgemeinen Geselligkeit und bietet uns eine Grundlage, um zu verstehen, wie diese Unterschiede andere Verhaltensweisen wie Kooperation und Prosozialität beeinflussen könnten“, sagt Haun.

Publikation

"Population-specific social dynamics in chimpanzees"
https://doi.org/10.1073/pnas.1722614115



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Schimpansen teilen Nahrung mit ihren Freunden.; Bildquelle: Liran Samuni, Taï Chimpanzee Project

Freilebende Schimpansen teilen Nahrung mit ihren Freunden

Warum sollte man sein Essen mit Personen teilen, die nicht zur eigenen Familie gehören und einem keinen direkten Vorteil verschaffen?
Weiterlesen

Schimpansen ; Bildquelle: Liran Samuni, Taï Chimpanzee Project

Schimpansen jagen gemeinsam und teilen die Beute gerecht unter den Teilnehmern der Jagd

Die Vorteile aus kooperativer Jagd und dem Teilen von Fleisch gelten als grundlegende Triebfedern für die Evolution des Menschen.
Weiterlesen

Rußmangaben verhalten sich im Regenwald des Taï Nationalparks an der Elfenbeinküste wachsam.; Bildquelle: Taï Chimpanzee Project, Alexander Mielke

Mangaben-Affen profitieren davon, dass Schimpansen und Schweine harte Nüsse knacken können

Ein internationales Forscherteam um Karline Janmaat von der Universität Amsterdam und dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beschreibt erstmals, dass sich Mangaben-Affen
Weiterlesen

Schimpansen betreiben am liebsten mit Weibchen Fellpflege, die ein Baby haben, oder mit ihren Freunden.; Bildquelle: MPI f. evolutionäre Anthropologie/ A. Mielke

Affen passen Fellpflege an soziales Umfeld an

Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig belegen, dass freilebende Schimpansen und Rußmangaben, zwei Primatenarten, die in komplexen sozialen Gruppen leben, ihre Fellpflegepartner anhand einer Vielzahl von Kriterien auswählen, darunter ihrer sozialen Beziehung zum Partner und dessen Rangs
Weiterlesen

Versuchsanordnung: Forscherinnen und Forscher stellten Schimpansen vor die Wahl, aus welcher von zwei Futtermischungen sie eine Kostprobe haben wollten.; Bildquelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Multimedia Department

Gezielt zugreifen: Internationales Forscherteam untersucht intuitive Fähigkeit von Schimpansen

Jahrzehntelang nahmen Wissenschaftler an, dass statistische Fähigkeiten eng an Sprachvermögen und mathematische Erziehung gekoppelt sind
Weiterlesen

Schimpansen verwenden wenigstens drei akustisch unterschiedliche Varianten des 'Hu'-Rufes, die jeweils in einem anderen Verhaltenskontext stehen.; Bildquelle: Liran Samuni

Schimpansenrufe unterscheiden sich in Abhängigkeit vom Kontext

Aus welchen Gründen sich verschiedene Tierrufe entwickelten, die unterschiedliche Inhalte transportieren, ist eine wichtige Frage wenn es um die Sprachevolution geht
Weiterlesen

In der Savanne und Grassavanne lebende Schimpansen haben ihr Verhalten an die schwierigen Lebensbedingungen angepasst: Um sich vor Überhitzung zu schützen, nutzen sie Wasserquellen zum Baden; Bildquelle: Erin Wessling

Savannen-Schimpansen leiden unter Hitze-Stress

Als der Mensch im Laufe seiner Evolution offenere und heißere Regionen besiedelte, musste er sich an die neuen Umweltbedingungen anpassen und möglicherweise Schutz vor Überhitzung und eine effizientere Nahrungsverwertung entwickeln
Weiterlesen

Studienaufbau (a) mit der Barriere, unter der in einem Fall die Werkzeugenden zu sehen sind (b), die Werkzeugenden nicht zu sehen sind (c) oder hinter der sich ein Stück Futter verbirgt (d).; Bildquelle: MPI für evolutionäre Anthropologie

Menschenaffen wissen, wenn sie etwas nicht wissen

Schimpansen und Orang-Utans suchen nach Informationen, um Wissenslücken zu schließen
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen