Wildlebende Bonobos kooperieren auch mit Mitgliedern fremder Gruppen

(23.11.2023) Menschen gehen strategische Kooperationen mit Fremden ein und teilen ihre Ressourcen auch mit Personen außerhalb der eigenen sozialen Gruppe. Bislang galt prosoziales Verhalten gegenüber Nicht-Verwandten als rein menschliche Fähigkeit.


Friedliche Begegnung zwischen Bonobo-Gruppen in Kokolopori.

Diese Annahme beruhte unter anderem auf Beobachtungen an Schimpansen, die Artgenossen anderer Gruppen teils sehr gewalttätig bekämpfen. 

Forschende des Deutschen Primatenzentrums – Leibniz-Institut für Primatenforschung (DPZ) und der Harvard University beobachteten jetzt das Sozialverhalten von freilebenden Bonobos (Pan paniscus), einer sehr nah mit Schimpansen und Menschen verwandten Art. 

Dabei fanden sie heraus, dass die Kooperation von Bonobos über den eigenen Sozialverband hinausgeht und sich auf die gesellschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Gruppen erstreckt.

Schimpansen und Bonobos sind unsere nächsten Verwandten. Es liegt daher nahe, vom Sozialverhalten der Tiere auf die Evolution menschlichen Verhaltens zu schließen. Allerdings hat man in vergangenen Studien fast ausschließlich Schimpansen untersucht, die äußerst feindselig und aggressiv reagieren, wenn sie auf eine andere Gruppe von Artgenossen treffen.

Daraus wurde gefolgert, dass Gruppenfeindschaft und Gewalt zur menschlichen Natur gehören. Bei Bonobos, die wie Schimpansen in Gruppenstrukturen mit mehreren erwachsenen Tieren beider Geschlechter und ihrem Nachwuchs leben, sieht die Sache jedoch ganz anders aus: Sie reagieren in der Regel friedlich auf andere Artgenossen.

Tolerante Bonobos

Wenn verschiedene Bonobo-Gruppen aufeinandertreffen, wandern sie oft zusammen und fressen gemeinsam. Anders als bei Schimpansen beobachteten die Forschenden bei Bonobos keine Auseinandersetzungen, die tödlich endeten. „Beim Beobachten mehrerer Bonobo-Gruppen ist uns das bemerkenswerte Maß an Toleranz zwischen den Mitgliedern der verschiedenen Gruppen aufgefallen.

Diese Toleranz ebnet den Weg für prosoziale kooperative Verhaltensweisen wie das Bilden von Allianzen und das Teilen von Nahrung über Gruppen hinweg. Das ist ein starker Gegensatz zu dem, was wir bei Schimpansen beobachten“, sagt Liran Samuni, Nachwuchsgruppenleiterin am DPZ und Erstautorin der Studie.

Erschwerte Freilandforschung

Bonobos lassen sich in ihrem natürlichen Lebensraum nur schwer beobachten, da sie ausschließlich in abgelegenen, weitgehend unzugänglichen Teilen der Demokratischen Republik Kongo vorkommen.

Harvard-Professor Martin Surbeck, der die Studie initiierte und die Forschungsstation im Kokolopori-Bonobo-Reservat mit aufbaute, erklärt: „Erst durch die enge Zusammenarbeit mit der lokalen Mongandu-Bevölkerung in Kokolopori, in deren angestammten Wäldern die Bonobos leben, wurden Studien über diese faszinierende Art möglich.“ 

Surbeck ergänzt: „Forschungsstätten wie Kokolopori tragen wesentlich dazu bei, unser Verständnis von Bonobos und unserer eigenen evolutionären Geschichte zu vertiefen und spielen auch eine wichtige Rolle bei deren Erhaltung.“

Gezielte Freundlichkeit

Die Forschenden konnten zeigen, dass Bonobos nicht wahllos zwischen den Gruppen interagieren. Stattdessen kooperieren sie mit einzelnen, bestimmten Mitgliedern anderer Gruppen, bei denen die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass sie freundliche Gesten erwidern. So formen sich starke Bindungen zwischen prosozialen Individuen, auch über Gruppengrenzen hinweg. Ähnliche Bindungen sind auch ein Schlüsselaspekt für die Zusammenarbeit in menschlichen Gesellschaften.

Es sei beeindruckend, an den Bonobos zu sehen, dass ständige Auseinandersetzungen zwischen benachbarten Gesellschaften nicht die einzige evolutionäre Erbschaft der Menschen sind, so die Autoren. Bonobos zeigen, dass der Mensch nicht einzigartig in seiner Fähigkeit ist, friedliche Beziehungen zwischen Gesellschaften aufzubauen.

Publikation

Samuni L & Surbeck M (2023): Cooperation across social borders in bonobos. Science


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