In Jenas Saaleauen den Artenverlust simulieren

(01.04.2005) DFG fördert Europas größtes Forschungsprojekt zur Artenvielfalt weiter

Tanzende Schmetterlinge, Blütenstaub sammelnde Bienen und hungrige Springschwänze in den Saaleauen bei Jena sind für Biologen, Ökologen, Zoologen und andere Wissenschaftler derzeit höchst interessante Forschungsobjekte.

Ein international besetztes Spezialistenteam führt dort "das größte Forschungsprojekt zur Artenvielfalt in Ökosystemen durch, das es in Europa gibt", erklärt Prof. Dr. Wolfgang Weisser von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der auch Sprecher der Forschergruppe ist.

Das 2002 gestartete Großprojekt "Forschergruppe Biodiversität" hat von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) jetzt die Förderzusage für drei weitere Jahre erhalten.

Die Auswirkungen von Artenvielfalt und -verlust auf die Ökosysteme erkunden die Wissenschaftler dabei in einem Dutzend von Teilprojekten.

"Wir untersuchen die Einflüsse von Insekten und Regenwürmern auf die Pflanzenpopulationen ebenso wie die Veränderung von Stickstoff- und Kohlenstoffgehalt im Boden bei unterschiedlichem Bewuchs der Versuchsflächen", erklärt der Jenaer Professor für Terrestrische Ökologie Wolfgang Weisser.

Biologen beschäftigen sich mit der Konkurrenzsituation von Pflanzen und untersuchen das Auftreten pathogener Pilze. "Bodenzoologen wollen aufklären, in welchem Umfang die Aktivität etwa von Springschwänzen in der Humusschicht das Pflanzenwachstum beeinflusst".

Bei all dem arbeiteten Experten für Hydrogeologie, Biogeochemie, Bodenkunde, Botanik, Zoologie und Agroökologie zusammen. Neben der Universität und dem Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena sind auch Universitäten und Forschungseinrichtungen in Berlin, Potsdam, Leipzig, Darmstadt und Zürich beteiligt.

"Darüber hinaus sind assoziierte Gruppen anderer Hochschulen, die ihr Geld nicht von der DFG bekommen, dabei. Zudem kooperieren wir mit Kollegen in England und den USA, die demnächst auch nach Jena kommen", verweist Weisser auf die Vielfalt der wissenschaftlichen Kompetenz dieses Projektes.

Betätigungsfeld der Wissenschaftler sind die Saaleauen bei Jena. Dort wurden auf einer Fläche von rund zehn Hektar mehr als 470 Wiesenparzellen angelegt. "Ausgangspunkt für unsere Untersuchungen sind 60 auf mitteleuropäischen Wiesen weit verbreitete Pflanzenarten", erklärt der Ökologie-Professor. Glatthafer, Wiesenklee, eine Vielzahl von Gräsern, Schmetterlingsblütler und andere "Unkräuter" kommen auf den Parzellen in unterschiedlicher Mischung und Konzentration vor.

Monokulturen sind ebenso vertreten wie Felder mit zwei, vier, acht, 16 und 60 Arten. "So haben wir auf unserer Versuchsfläche einen extremen Artenverlust simuliert, für den der Mensch und Umwelteinflüsse weltweit sorgen", erläutert Weisser. Die Folgen dieser Entwicklung für die Ökosysteme und den Menschen wollen die am Projekt "Biodiversität" Beteiligten wissenschaftlich belegen.

"Konkrete Ergebnisse können wir aus der ersten Projektphase bereits vorweisen", sagt Weisser. "Je mehr verschiedene Pflanzen auf einer Parzelle wuchsen, um so größer war die Ausbeute bei der Heuernte". Auch zeichne sich ab, dass die Mischung der Pflanzen unter funktionalem Aspekt, so das Vorkommen von Schmetterlingsblütlern, für Nährstoffgehalt - also den Ernteertrag - als auch eine Reihe von anderen Prozessen von wesentlicher Bedeutung sind.

Für die Fortsetzung der Forschungsarbeit an dem Projekt, an dem 40 bis 50 Professoren, Doktoren und Doktoranden, fünf Gärtner und viele studentische Hilfskräfte mitwirken, stellt die DFG bis Anfang 2008 rund drei Millionen Euro bereit.

Artikel kommentieren

weitere Meldungen

Europäischer Stör; Bildquelle: Andi Küchenmeister

Rückgang großer Süßwassertierarten um 88 Prozent

Seen und Flüsse bedecken nur etwa ein Prozent der Erdoberfläche, beherbergen aber ein Drittel aller Wirbeltierarten weltweit. Doch das Leben in den Binnengewässern ist stark bedroht
Weiterlesen

Stark gefährdet sind unter anderem Lebensräume im tropischen Afrika und im Amazonas-Regenwald, wo besonders viele Pflanzenarten heimisch sind.; Bildquelle: Boudewijn Huysmans on Unsplash

Artenvielfalt schwindet schneller als bislang angenommen

Die Zerstörung wichtiger Lebensräume für Pflanzen und Tiere weltweit schreitet noch schneller und in größerem Ausmaß voran als bislang angenommen
Weiterlesen

Eine Honigbienenarbeiterin und eine männliche Sandbiene auf einer Apfelblüte; Bildquelle: Martin Husemann

Bestäuber: Trends in der Landwirtschaft bedrohen Ernährungssicherheit

Zitrusfrüchte, Kaffee und Avocados: Das Essen auf unseren Tischen ist in den vergangenen Jahrzehnten immer abwechslungsreicher geworden. Für die Landwirtschaft gilt das aber nicht
Weiterlesen

Die Forscher sammelten Daten für ein breites Spektrum an Organismen.; Bildquelle: Andrew Barnes

Von Bakterien bis zu Vögeln: tropische Plantagen zerstören Biodiversität

Göttinger Forscher untersuchen Folgen der Abholzung von Regenwald in Südostasien
Weiterlesen

Gründung des Helmholtz-Instituts für Funktionelle Marine Biodiversitätsforschung, v.l.n.r.: OB Krogmann, Prof. Dr. Hillebrand, Ministerin Heinen-Kljajic, Prof. Dr. Dr. Piper, Prof. Dr. Lochte; Bildquelle: Universität Oldenburg

Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität offiziell gegründet

Die Bewohnbarkeit unseres Planeten ist eng mit der Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt verknüpft – nicht nur an Land, sondern auch im Wasser
Weiterlesen

Dummy Bild

Langfristige Vorhersage von Artenhäufigkeit in Ökosystemen ist unmöglich

Die traditionelle Idee des Gleichgewichts in der Natur wird durch eine Studie, die in der aktuellen Ausgabe von Nature (Band 451, S. 822) erschien, in Frage gestellt
Weiterlesen

TiHo

Neue Methode zur Bestimmung der Artenvielfalt

Dr. Heike Hadrys und Jessica Rach aus dem Institut für Tierökologie und Zellbiologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) berichten gemeinsam mit Rob DeSalle und Neil Sarkar des American Museum of Natural History in New York über eine neue Methode, mit der Tierarten schneller und zuverlässiger identifiziert und systematisch eingeordnet werden können
Weiterlesen

Dummy Bild

EU: Biologische Vielfalt erhalten

Die Europäische Kommission hat heute eine ehrgeizige politische Strategie aufgestellt, die den Verlust der Biodiversität bis 2010 eindämmen soll
Weiterlesen

EU: für biologische Vielfalt

Die Europäische Kommission hat heute eine achtwöchige Internet-Anhörung für den Schutz biologischer Vielfalt gestartet. Ziel ist es, den Verlust an biologischer Vielfalt in der Europäischen Union bis 2010 zu stoppen
Weiterlesen