Tierschutz in einer globalisierten Welt: Charlotte Blattner erhält den diesjährigen Marie Heim-Vögtlin-Preis

(21.10.2020) In ihrer Dissertation zum Tierrecht hat sie gezeigt, wie Staaten Tiere über die Landesgrenzen hinweg schützen könnten.

Jedes Jahr werden weltweit Milliarden von männlichen Küken geschreddert – sie können weder gemästet noch anderweitig in der Tierindustrie verwendet werden und gelten deshalb als überflüssig.

Die Öffentlichkeit spricht sich weitgehend gegen diese Praxis aus und mancherorts ist sie gar verfassungswidrig. Höhere Standards werden aber dennoch oft nicht eingeführt, da die Industrie ins Ausland abwandern und nationaler Tierschutz somit umgangen würde.


Die Juristin Charlotte Blattner von der Universität Bern erhält den Marie Heim-Vögtlin-Preis 2020

Die meisten Bereiche, in denen wir Tiere nutzen – beispielsweise die Landwirtschaft oder die medizinische Forschung – sind globalisiert.

"Staaten befinden sich in einem Standortwettbewerb", sagt die Juristin Charlotte Blattner. "Sie passen ihre Gesetze den Interessen von Investoren und Produzenten an und weigern sich, wirksame Normen zum Schutz der Tiere zu erlassen oder bestehendes Recht durchzusetzen." So werden Tiere häufig wirtschaftlichen Interessen untergeordnet und Bestrebungen, sie effektiv zu schützen, vereitelt.

Grenzüberschreitender Schutz

Dieser komplexen Problematik widmet sich die diesjährige Trägerin des Marie Heim-Vögtlin-(MHV)-Preises Charlotte Blattner. In ihrer Dissertation setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie Tiere ausserhalb der Landesgrenzen besser geschützt werden können.

Dafür wendet sie das völkerrechtliche Konzept der extraterritorialen Jurisdiktion für das Tierrecht an. Dieses erlaubt es Staaten, ihr Recht auf Sachverhalte im Ausland anzuwenden, falls ein genügend enger Bezug zur eigenen Rechtsordnung vorliegt.


So kann ein Staat mit hohen Tierschutzstandards eigene Staatsangehörige oder Unternehmen für Tierschutzvergehen im Ausland sanktionieren. Blattners Forschung schafft auch neue Erkenntnisse darüber, wie Regelungshoheit indirekt genutzt werden kann, etwa durch Investmentstandards oder Import- und Exportverbote.

Die extraterritoriale Jurisdiktion ist im Menschenrechtsschutz und im Wirtschaftsrecht bereits etabliert. Erstmals zeigt Blattner in ihrer Forschungsarbeit nun auf, wie dieser Ansatz auch das Tierrecht revolutionieren kann, indem er die systematische Umgehung nationalen Tierschutzrechts und damit die globale Deregulierung verhindert.

Unterstützung durch den SNF

Mit einem Doc.CH-Beitrag hat der SNF das Dissertationsprojekt von Charlotte Blattner gefördert. Zudem unterstützte er die Publikation des daraus entstandenen Buches, das seit 2019 als digitales Buch frei verfügbar ist.

Mit einem Mobilitätsstipendium des SNF erweiterte Blattner an der Harvard Law School zudem ihre Erkenntnisse auf das Umweltrecht. Gegenwärtig arbeitet sie als Oberassistentin an der Universität Bern an einer Habilitation zum Klimarecht.

Engagement für junge Forscherinnen

Blattner möchte sich mit dem Preis für junge Frauen, die am Anfang ihrer akademischen Karriere stehen, einsetzen – beispielsweise mit einem Schreibpreis für Studierende oder der Organisation eines simulierten Gerichtsprozesses (Moot Court), in dem ein fiktiver Fall aus dem Tierrecht behandelt wird. Der Preis ist mit 25'000 Franken dotiert.


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