Kunsthaut ersetzt Tierversuche mit Kaninchen

(18.03.2011) Die EU-Kosmetikverordnung schreibt vor, dass ab 2013 keine Tierversuche für kosmetische Inhaltsstoffe mehr gemacht werden dürfen und Alternativen wie die Kunsthaut verpflichtend eingesetzt werden müssen.



Vorstellung des Hautmodells am 16.3.2011: Dagmar Schratter, Gesundheitsminister Stöger, Daniela Lipka und Klaus R. Schröder
Dr. Klaus R. Schröder hat mit der Firma Phenion das Phenion-Vollhautmodell mitentwickelt. Das Modell besteht aus Zellen der menschlichen Haut, die bei Operationen anfällt.


Er sagt dazu: „Das Phenion Vollhaut-Modell kann sogar einen Sonnenbrand bekommen. Deshalb kann man auch Sonnencremes an ihr testen.“

Das „Phenion Vollhautmodell“ gehört zu den Kunsthaut-Modellen, die in Europa Tierversuche ersetzen. Mit künstlichen Hautmodellen können jedes Jahr rund 12.000 Kaninchen ein schmerzhafter Tierversuch erspart bleiben. Statt auf die Kaninchenhaut kommt die ätzende oder reizende Substanz auf eine Kunsthaut.

Seit 2010 ist dieser Test weltweit durch die OECD als Alternative zum Tierversuch anerkannt und muss verpflichtend bei Hautreizungstests in Europa eingesetzt werden. Ein Termin, der sich leider nicht einhalten lassen wird, denn es gibt drei vorgeschriebene Prüfungen, die sehr komplex sind und im Tierversuch geprüft werden.

Dr. Schröder betont: „Diese Frist 2013 wurde von der Politik gemacht. Unter ForscherInnen war von es von Anfang an klar, dass diese nicht in vollen Umfang eingehalten werden kann. Denn Wissenschaft lässt sich nicht an Terminen festmachen. Forschung braucht eine Zeit und wir wissen nie, wann wir die Ergebnisse haben und ob es Ergebnisse sind, die wir brauchen können.

Das Interview führte Mag. Daniela Lipka vom Verein „Tierschutz macht Schule“.

Sie haben das so genannte „Phenion Vollhaut“-Modell mit ihrem Team entwickelt? Was ist das?



Daniela Lipka und Klaus R. Schröder
Es handelt sich um eine künstliche Haut, die aus menschlichen Zellen besteht. Man kann als Ausgangsstoff Haut aus Schönheitsoperationen nehmen. Für dieses Modell wurde eine menschliche Vorhaut verwendet. Die Haut wird zerschnitten und die Zellen werden vereinzelt und in Nährlösungen vermehrt. Anschließend werden die Zellen in Kulturschalen eingesät, die die Größe des Modells bestimmen. Das besondere am Phenion Vollhautmodell ist, dass nicht nur die Oberhaut, sondern auch das darunter liegende Bindegewebe gebildet wird.


Welchen Tierversuch ersetzen denn Hautmodelle?

Der Test, ob eine Substanz auf der Haut ätzend oder irritierend ist, was ursprünglich an Kaninchen-Haut getestet wurde, kann mit dieser Kunsthaut ersetzt werden. Neben der OECD Richtlinie 404 für die Prüfung im Tierversuch gibt es jetzt auch die OECD Richtlinien 431 und 439 für die Prüfung an rekonstruierte Haut.

Wie reagiert diese Haut auf eine ätzende Substanz?

Das Testprinzip ist einfach. Nachdem das Modell mit einer Substanz unterschiedlich lange behandelt wurde, wird eine farblose Substanz hinzugefügt. Diese Substanz wird nur in lebendem Gewebe zu einem blauen Farbstoff. Ätzende Substanzen zerstören die Haut nach Minuten, irritierende Substanzen nach Tagen.

Wie vielen Kaninchen bleibt dadurch der Tierversuch erspart?

In Promille ausgedrückt sind das lediglich 0,1 o/oo, in absoluten Zahlen ca. 12000. In Anbetracht von 12 Millionen Versuchstieren pro Jahr in der EU ist das erschreckend wenig. Ca. 8-10 % aller Versuchstiere werden in Europa im Bereich der toxikologischen Sicherheitsbewertung eingesetzt.



Gesundheitsminister Stöger im Gespräch mit Dr. Klaus R. Schröder
Diese Zelltests können aber auch in der Grundlagenforschung eingesetzt werden, wo die allermeisten Tierversuche stattfinden.


Was kann die Haut denn noch?

Die Haut kann einen Sonnenbrand bekommen. Die Haut bildet dann sogenannte „Sonnenbrandzellen“, die sich nachweisen lassen. Sonnenbrand macht Schäden an Erbgut, die man untersuchen kann. Und man kann Sonnenschutzsubstanzen daran testen. Die Haut kann mit Hautkeimen, schädlichen und unschädlichen, infiziert werden. Die Haut lässt sich mit Herpesviren infizieren. Dagegen lassen sich Wirkstoffe entwickeln.

Die EU hat angekündigt, dass Tierversuche bis 2013 im Kosmetikbereich auch für alle Inhaltsstoffe abgeschafft sein werden. Nun lässt sich diese Frist nicht einhalten. Warum?

Diese Frist wurde von der Politik gemacht. Unter ForscherInnen war es von Anfang an klar, dass man sie nicht einhalten kann. Denn Wissenschaft lässt sich nicht an Termine festmachen. Forschung braucht eine Zeit und wir wissen nie, wann wir die Ergebnisse haben und ob es Ergebnisse sind, die wir brauchen können.

Es ist ganz einfach: Die künstliche Haut ist überall dort sehr gut einsetzbar, wo ich wissen möchte, ob eine Substanz die Haut äußerlich reizt. Wenn ich hingegen frage, was macht die Substanz nachdem sie in den Körper kommt, wie reagieren die einzelnen Organe, wie wirkt sich die Substanz langfristig aus, Krebs Fertilität, dann muss ich das ganze System des Körpers einbeziehen.

Die Fragestellung wird so komplex, dass ein Zelltest nicht ausreicht. Dafür müssen erst Modelle ausreichender Qualität entwickelt werden. Hier könnten auch Computersimulationen helfen. Doch diese müssen erst entwickelt werden.

Wann wird man dafür einen Ersatz haben?



Phenion Vollhautmodell
Bleiben wir bei der althergebrachten Vorgehensweise und ersetzen jeden Tierversuch eins zu eins durch eine Ersatzmethoden, dann wird das noch ein paar Jahrzehnte brauchen. Es ist ein Paradigmenwechsel gefragt, ein Umdenken. Welche anderen als die bislang bekannten Wege Verbrauchersicherheit zu gewährleisten, gibt es? Wie kann ich bestehende Methoden intelligent miteinander verbinden?


Was braucht, was hindert die Entwicklung an Alternativen am meisten?

Zeit: Die Grundkenntnisse sind zwar über die letzten Jahrzehnte enorm gewachsen. Aber eine valide Entwicklung, die eine vergleichbare Qualität über Jahre und Jahrzehnte hinweg gewährleistet, dauert lange. Erste Hautmodelle wurden 1975 an Universitäten hergestellt. Erst 2010 existiert eine anerkannte OECD Methoden.
Akzeptanz: Der Tierversuch ist eine altbekannte Methode, die seit über hundert Jahren eingesetzt wird. Forscher und Behörden verlassen sich auf dieses althergebrachte Wissen ohne die Vorteile zu beachten, die mit in vitro Alternativen einhergehen.

Geld: Dann wären wir wohl etwas schneller damit, weil damit viel mehr ForscherInnen bezahlt werden können, die sich damit beschäftigen.

Wieviel Forschungsgeld steht den Alternativen zur Verfügung?

In Österreich stehen pro Jahr 290.000 Euro zur Verfügung Von Deutschland ist bekannt, dass in Jahr ca. 6. Mio Euro zur Verfügung stehen. In der EU gehen die Beträge in den zweistelligen Millionenbereich. Gegenüber den Beträgen, die für Tierversuche in der Forschung ausgegeben werden, sind die Werte gering. Dafür stehen Milliardenbeträge zur Verfügung.

Die Kosmetik-Konzerne in der EU haben sich 2004 verpflichtet, für ihre Produkte keine Tierversuche durchzuführen. Das gleiche gilt seit 2009 auch für Inhaltsstoffe in diesen Kosmetika mit Ausnahme von 3 Tests. Für Inhaltsstoffe von Waschmitteln, Geschirrspülmitteln oder Schuhcreme dürfen noch Tierversuche gemacht werden? Warum das?



Dr. Klaus R. Schröder
Laut Gesetzgeber dürfen diese noch gemacht werden. Eingesetzt werden können aber selbstverständlich bestehende Alternativmethoden auch für diese Industriezweige. Der Unterschied zwischen einem Handgeschirrspülmittel und einem Shampoo aus der Sicht eines Sicherheitsbewerters ist nicht groß. Diese Wasch- und Reinigungsmittelindustrie hat sich daher auch verpflichtet, den Alternativmethoden den Vorrang zu geben.


Sie sind der Geschäftsführer des Zentrums für Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen in Linz. Woran forschen Sie mit Ihrem Team?

Wir arbeiten an der Entwicklung von Organmodellen, damit wir nicht nur Effekte an der Haut sondern auch in Körper darstellen können. Wir arbeiten an Darmmodellen, weil wir über ihn viele Substanzen aufnehmen. Wir haben ein Lebermodell entwickelt, mit dem Auswirkungen des Entgiftungsorgans getestet werden können. An einen Lungenmodell untersuchen wir, ob wir nicht den Tierversuch zur Krebsentwicklung ersetzen können, für den bei jedem Versuch ca. 880 Versuchstiere sterben.

Zentrum für Ersatz-und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen
www.zet.or.at

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