Zahnabszess beim Kaninchen

(08.11.2005) "Grauli”, ein fünf jähriges männliches Kalifornisches Kaninchen, kam mit einer nußgroßen Schwellung unterhalb des rechten Auges auf die Zahnstation.


Fig. 1
Der veränderte Bereich war schmerzhaft und das arme Tier hatte schon die letzten drei Tage nicht mehr ordentlich gefressen. Sofort vermuteten wir einen Zahnabszess.

Durch die engen räumlichen Gegebenheiten im Kaninchenmaul ist es nicht möglich intraorale Röntgenbilder anzufertigen.

Auch die oblique/laterale Technik hat keine hohe diagnostische Aussagekraft, da sich die zwei Zahnreihen übereinander projezieren und so eine Differenzierung der Strukturen und Lokalisation eines pathologischen Prozesses sehr schwierig ist.


Fig. 2
Nach einer gründlichen Evaluierung des klinischen Status entschieden wir uns dazu die Operation durchzuführen.

Die Sedierung erfolgte mit Domitor® und Ketalar® in der empfohlenen Dosierung. Um eine schnellere Einleitung zu erreichen wurde zusätzlich Isofluran über eine Gesichtsmaske verabreicht.

Zusätzlich applizierten wir noch das Lokalanästhetikum Ubistesin forte®4% (Articain hydrochlorid), wobei wir darauf achteten nicht in den Abszess zu injizieren, da der purulente Inhalt das Lokalanästhetikum inaktivieren würde.

Nach gründlicher Rasur des Abszessbereiches (Bild 1 und Bild 2) folgte eine Desinfektion der Haut unter Verwendung eines speziellen Propolissprays und anschließend die Spaltung des Abszesses (Bild 3).

Nachdem wir den kleinen Hautschnitt durchgeführt hatten, konnten wir durch gezielten Druck typischen "Kanincheneiter”, welcher relativ dickflüssige Konsistenz, leicht gelbliche Farbe und einen Geruch wie verrottender Kohl  aufweist, herausmassieren.

Ein großflächiger Zugang, oder die Resektion der gesamten Abszesskapsel, wäre komplett undenkbar gewesen, da in unmittelbarer Nachbarschaft viele wichtige Gefäße und Nerven verlaufen.

Darüberhinaus bilden die Abszesse beim Kaninchen sehr oft viele Taschen und Seitenkammern, wodurch mehrere Muskelschichten von dem Krankheitsprozess betroffen sein können und die Entfernung des gesamten betroffenen Areals einen riesigen, nicht kompensierbaren Gewebsdefekt hinterlassen würde.

Bei der Inspektion der Maulhöhle fiel sofort der erste Backenzahn (erster Premolarer) auf, welcher durch eine Fistel mit der Abszesshöhle verbunden und von einem purulentem Sekret umgeben war (Bild 4).


Fig. 3

Die Extraktion des Premolaren gestaltete sich relativ einfach, da der Zahn bereits mobil und das Parodontale Ligament durch den Abszess angegriffen war (Bild 5).

Nach der Extraktion spülten wir den gesamten Abszessbereich mit Kaliumpermanganatlösung. In den Wundbereich wurde nun ein resorbierbares Kollagenschwämmchen (Sulmycin® Implant, AESCA-Innocol) eingebracht, welches durch langsame Abgabe von Gentamycin einen hohen lokalen Antibiotikaspiegel garantiert.

Die Hautnaht erfolgte durch Einzelknopfnähte mit nicht resorbierbarem Nahtmaterial. Der unmittelbare Verschluß der Hautwunde war erforderlich, da ansonsten die Öffnung innerhalb weniger Stunden von dem sehr zähflüssigen Eiter des Kaninchens verschlossen worden wäre.

Der Abfluß von weiterem Sekret ist darüberhinaus durch den postextraktionalen Alveolus garantiert, wodurch das Eiter in die Maulhöhle abfließen kann und eine erneute Reorganisation des Abszesses erschwert wird. Um das Kaninchen auch systemisch antibiotisch zu unterstützen verordneten wir für sieben Tage Baytril 2,5%, orale Lösung.


Fig. 4


Fig. 5
Durch die Vorgangsweise, den causalen Faktor des Abszesses zu eliminieren, kann für gewöhnlich eine hohe Erfolgsrate erzielt werden. Selten kommt es zu einem Wiederaufflackern der Problematik, wenn dann meistens verursacht durch einen anderen Zahn.

Es liegt auf der Hand, dass alleinige Spaltung des Abszesses nicht zum Erfolg führen kann, denn solange die Ursache, sprich der erkrankte Zahn, nicht entfernt ist, kann der pathologische Prozess nicht gestoppt werden.

Unser "Grauli" erholte sich gut und bereits eine Woche später war die Schwellung verschwunden. Nun stand endlich dem herzhaften Genuss von knackigen Karotten nichts mehr im Wege!

DDr. Stoian Camil und Mag. Helene Widmann
 

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