Magnetische Pulse stören Magnetsinn von Rotkehlchen

(22.02.2013) Jungvögel müssen sich vor dem ersten Vogelzug auf ihren genetisch angeborenen Kompass verlassen

Zugvögel nutzen bei ihrer Migration sowohl eine genetisch angeborene Vorzugsrichtung, als auch einen Magnetsinn, mit dem sie sich an den Feldlinien der Erde orientieren. Bisher ungeklärt ist, ob die Vögel auch eine auf Erfahrung basierende „Landkarte“ verwenden, um an ihre Zielorte zu gelangen.


Anhand der Flügelgröße bestimmten die Wissenschaftler das Alter der Vögel

Wissenschaftler am Max-Planck Institut für Ornithologie in Radolfzell setzten Rotkehlchen (Erithacus rubecula) während ihrer Reise einem starken, magnetischen Puls aus und störten so kurzfristig deren Magnetsinn.

Als Folge konnten sich die zugerfahrenen Tiere schlechter orientieren. Die Peilung von jüngeren Vögeln hingegen, die zum ersten Mal zum jährlichen Vogelzug aufbrechen wollten, verschlechterte sich aufgrund der Puls-Behandlung nicht. Offenbar haben die Jungtiere aufgrund fehlender Erfahrung noch keine magnetische Karte aufgebaut. Das magnetische Kartensystem ist demnach erfahrungsabhängig und wird von solchen Pulsen gestört.

Tausende von Vögeln ziehen in Frühling und Herbst in ihre jeweiligen Sommer- und Winterquartiere. Die grundsätzliche Wanderrichtung wird dabei durch genetisch angeborene Faktoren bestimmt. Doch darüber hinaus besitzen Vögel noch einen zusätzlichen magnetischen Orientierungssinn, welcher sich am Magnetfeld der Erde ausrichtet.

Die Stärke dieses Feldes variiert zwischen den Polen zum Äquator hin und gibt so Auskunft über den aktuellen Aufenthaltsort. Forscher vermuten, dass die Vögel mithilfe dieses Sinnes dann auf ihren Wanderungen „Karten“ ausbilden, an denen sie sich in den folgenden Jahren orientieren.

Die Wissenschaftler am Max-Planck Institut für Ornithologie haben nun untersucht, welchen Effekt ein magnetischer Puls auf die Orientierungsfähigkeit wilder Rotkehlchen hat. Sie haben die Tiere an einem Rastplatz während des Vogelzuges mit kleinen Radiotransmittern versehen.

So konnten sie feststellen, in welche Richtung sie ihre Reise nach der Puls-Behandlung fortsetzen. Die Forscher unterschieden dabei zwischen älteren Vögeln, die schon einmal migriert waren und jüngeren, denen die erste Wanderung gerade bevorstand.

Wie sie herausfanden, zogen die erwachsenen Vögel nach der Behandlung sehr viel öfter in die falsche Richtung los, als die Tiere der Kontrollgruppe, die einem nicht-magnetischen Puls ausgesetzt waren.

Am stärksten trat dieser Effekt bei Vögeln auf, die innerhalb von zehn Tagen nach der Behandlung losflogen. „Der Puls hat wohl die magnetischen Karten der Rotkehlchen zurückgesetzt“, mutmaßt Richard Holland vom Max-Planck-Institut in Radolfzell. „Sie mussten sich deshalb auf andere Umweltinformationen verlassen und verflogen sich dann.“

Dies würde auch erklären, wieso bei gleicher Behandlung der Jungtiere keine Verschlechterung der Peilung auftrat. „Die jungen Vögel waren noch nie migriert und hatten deshalb auch noch keine magnetische Karte aufgebaut, die wir zurücksetzen konnten“, erklärt Holland. Der Magnetsinn der Rotkehlchen wird demnach maßgeblich durch die Erfahrungen beim Vogelzug beeinflusst.

Die Mechanismen des Vogelzuges werden Richard Holland und sein Team wohl auch weiterhin beschäftigen: „Wir wissen immer noch nicht mit Sicherheit wo das Sinnesorgan, mit dem die Vögel die Magnetfelder der Erde wahrnehmen, überhaupt sitzt“, erklärt er.

Eine Vermutung hierfür sind ferromagnetische Partikel im Schnabel, doch auch Systeme im Auge oder im Gleichgewichtsorgan der Vogelohren kommen dafür in Frage.



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Der Oldenburger Neurobiologe Prof. Dr. Henrik Mouritsen erforscht den Magnetsinn von Vögeln seit über 15 Jahren.; Bildquelle: Universität Oldenburg

Wie funktioniert der Magnetsinn von Tieren?

Auf ihren oft mehrere tausend Kilometer langen Flügen navigieren Zugvögel erstaunlich präzise. Sie orientieren sich dabei am Sonnenstand, an den Sternen und am Erdmagnetfeld
Weiterlesen

In Nordeuropa eignet sich der sogenannte Deklinationswinkel gut, um die Ost-West-Position zu bestimmen (schwarze Linien). Das Diagramm zeigt die bevorzugte Orientierung der getesten Teichrohrsänger.; Bildquelle: Universität Oldenburg

Wie Zugvögel das Längengrad-Problem lösen

Den Längengrad zu bestimmen, war über Jahrhunderte für Seefahrer eine große Herausforderung. Erst im 18. Jahrhundert konnten die Menschen ihre Ost-West-Position ermitteln
Weiterlesen

Universität Duisburg-Essen

Schweine mit innerem Kompass

Wild- und Warzenschweine haben anscheinend einen Magnetsinn – das fand ein deutsch-tschechisches Forscherteam um den Zoologen Dr. E. Pascal Malkemper von der Universität Duisburg-Essen (UDE) heraus
Weiterlesen

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Lichtabhängiger Magnetkompass der Vögel

Zugvögel, aber auch Hühner, besitzen in ihrem Auge einen lichtabhängigen Kompass. Er gibt ihnen Informationen über die Richtung des Erdmagnetfelds
Weiterlesen

Hunde und manche Affen besitzen in ihren Augen Moleküle, mit denen sie möglicherweise das Magnetfeld der Erde wahrnehmen können.; Bildquelle: Leo Peichl

Hunde und Affen besitzen Molekül für Magnetfeld-Wahrnehmung im Auge

Hundeartige Raubtiere sowie einige Affenarten können sich möglicherweise ähnlich wie Vögel am Erdmagnetfeld orientieren
Weiterlesen

Waldmaus; Bildquelle: UDE

Auch die Waldmaus hat einen Magnetsinn

Dass Zugvögel dank des Erdmagnetfelds den Weg zu ihren Winter- und Brutquartieren finden, ist schon lange bekannt. Dass dieser sechste Sinn auch ganz ähnlich bei der Waldmaus zu finden ist, fand ein internationales Team um Dr. E. Pascal Malkemper von der Universität Duisburg-Essen (UDE) heraus
Weiterlesen

Universität Duisburg-Essen

Auch Hunde haben einen Magnetsinn

Der beste Freund des Menschen, der Hund, ist bekannt für sein ausgezeichnetes Hörvermögen und seinen feinen Geruchssinn. Neu ist die Erkenntnis, dass er auch einen Magnetsinn hat und sich deshalb möglicherweise auch besonders gut orientieren kann
Weiterlesen

Deutsche Wildtier StiftungGoethe-Universität Frankfurt am Main

Kompass im Vogel-Auge entschlüsselt

Zugvögel, aber auch Haushühner, orientieren sich im Magnetfeld der Erde mithilfe eines Kompasses im Auge, der durch Licht aktiviert wird. Ähnlich wie ein Inklinationskompass reagiert er auf die Neigung des Erdmagnetfeldes zur Erdoberfläche und unterscheidet so zwischen „polwärts" und „quatorwärts"
Weiterlesen