Fallbericht: Mycobakteriose in einem Taubenbestand

(01.11.2012) Mycobakterien bilden eine Gattung mit ca. 100 Arten, von denen nur 7 obligat pathogen sind und sich nach direkter Übertragung von Wirt zu Wirt nur intrazellulär vermehren können.

Die bekanntesten davon sind M. tuberculosis und M. leprae des Menschen und M. bovis des Rindes. Hierbei handelt es sich um Antropozoonosen.


Bild 1: subpalpebrale Schwellung mit käsigem Inhalt

Größer ist die Gruppe der sogenannten nicht-tuberkulösen Mycobakterien, zu denen u.a. pathogene Arten wie M. avium avium (Geflügeltuberkulose) und M. avium paratuberkulosis (Paratuberkulose des Wiederkäuers, Morbus Crohn des Menschen) gehören.


Bild 2: entrundete Pupille

Sie stellen ebenso wie die fakultativ pathogenen saprophytischen Mycobakterien beim Menschen eine Gefahr für immunsupprimierte Patienten, vor allem als Erreger von Pneumonien und Lymphangitiden, dar.

Klinik

4 Tauben aus Heimtierhaltung zeigten im Laufe mehrerer Wochen Conjunctivitis mit fest haftenden käsigen Auflagerungen, Irisverfärbung von orange nach hellgrau und Abmagerung bei erhaltenem Appetit.


Bild 3: köcherne Auftreibung der Ulna des linken Flügels mit hgr. Weichteilverschattung

Bei einem Tier entwickelte sich allmählich ein derber verkrusteter Knoten am distalen Radius mit röntgenologisch nachweisbarer wolkiger Auftreibung des Knochens. Bei allen 4 Tieren bestand eine starke gemischte Endoparasitose (Nematoden, Flagellaten).

Nach anfänglicher Besserung durch antiparasitäre Behandlung und nach Amputation des veränderten Flügels verfielen alle Tiere zusehends und wurden euthanasiert.


Bild 4: lokale Verschattungen in den langen Röhrenknochen durch Tuberkelbildung

Das Tier mit dem Knoten am Flügel wurde obduziert und zeigte neben Hepatosplenomegalie eine diffuse Verklebung, Rötung und Verdickung der Darmschlingen und eine derbe weißliche Auftreibung im Bereich des Amputationsstumpfes am Flügel.


Bild 5: gekrümmte Rückenschwanzlinie - deutliche Schmerzäußerung

In Leber, Milz, Dünndarm, Niere und am Amputationsstumpf ergab sich histologisch das Bild einer diffusen granulomatösen Entzündung mit fokalen Nekrosen und Riesenzellen, sowie  massenhaft säurefeste Stäbchenbakterien.

Auch im Conjunctivalabstrich wurden vereinzelt intrazelluläre nicht angefärbte Stäbchenbakterien nachgewiesen (Diff Quik®). Insgesamt ergab sich das klinische und pathologische Bild einer aviären Mycobakteriose.

Pathologie

Makroskopisch zeigte das Tier neben der Hepatosplenomegalie eine diffuse Verklebung, Rötung und Verdickung der Darmschlingen und eine derbe weißliche Auftreibung im Bereich des Amputationsstumpfes am Flügel.


Bild 6 und 7: hochgradige arterielle Blutung nach Ausschaben des Unterlides, welches hochgradig mit käsigem Material gefüllt war

Histologisch war in Leber, Milz, Dünndarm, Niere und am Amputationsstumpf eine diffuse granulomatöse Entzündung mit fokalen Nekrosen und Riesenzellen, sowie  massenhaft säurefeste Stäbchenbakterien nachweisbar.


Bild 8: Leber: zahreiche säurefeste Stäbchen in vielkernigen Riesenzellen (Ziel Neelsen 1000x)

Zytologisch wurden im Diff Quik® - gefärbten Konjunctivalabstrich vereinzelt intrazelluläre nicht angefärbte Stäbchenbakterien nachgewiesen.

Schlußbemerkung

Die Mykobakteriose der betroffenen Tiere wurde durch Zukauf eines Tieres eingeschleppt.

Ungünstige Haltungsbedingungen wie zu hohe Besatzdichte, Stress, Endoparasitose und Hygienemängel ermöglichten die Ausbreitung auf die Käfiggenossen. Jedenfalls bedingte die Kombination verschiedener Erreger einen raschen Krankheitsfortschritt.


Bild 9: Milz: diffuse Infiltrate von Makrophagen mit säurefesten Mikrobakterien (Ziel Neelsen 1000x)

Auffallend war die Irisveränderung als eher ungewöhnliches klinisches Symptom, auf welches von den Autoren besonders verwiesen wird.

Auch der “Knochentumor” am Flügel stellt eine besondere Form der Osteomyelitis durch Mykobakterien dar. In diesem Fall hat die Endoparasitose die Mykobakteriose klinisch maskiert und eine weitere diagnostische Abklärung der Grundursache verzögert.

Dr. Klemens Alton, Praxis für Tierpathologie, Korneuburg, Austria
Mag. Helene Widmann, Exotenambulanz, Tiergesundheitszentrum Aspern, Austria



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