Papageien noch bedrohter als befürchtet

(18.09.2017) Über hundert Expertinnen und Experten aus der ganzen Welt fordern mehr Maßnahmen gegen Wilderei

Papageien gehören zu den bedrohten Tierarten: Seit den 90er Jahren war bekannt, dass ca. ein Drittel der mittel- und südamerikanischen Papageienarten vom Aussterben bedroht ist.

Ein internationales Forscherteam mit über 100 Expertinnen und Experten aus Papageienforschung und Artenschutz unter der Leitung des Biologen Dr. Juan F. Masello von der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) kommt jetzt zu noch alarmierenderen Ergebnissen.


Felsensittiche in Patagonien: Auch diese Vögel zählen zu den bedrohten Papageienarten.

„Was wir entdeckt haben, ist wirklich schlimm“, kommentiert Dr. Masello die Studie. „Die derzeitigen Artenschutzmaßnahmen beruhen leider auf völlig veralteten Daten und sind daher keineswegs ausreichend.“

Die Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift „Biological Conservation“ veröffentlicht wurde, hat den Zustand von 192 Papageien-Populationen in Lateinamerika untersucht.

Viele der untersuchten Populationen sind durchschnittlich zehn unterschiedlichen Bedrohungen ausgesetzt.

Die meisten gehen vom Menschen aus. So beeinträchtigt die Landwirtschaft 72 Prozent der Populationen, dicht gefolgt vom Wildvogelfang für den Handel (68 Prozent). Rodungen und andere menschliche Eingriffe und Störungen bedrohen demnach mehr als 55 Prozent der untersuchten Populationen.

Diese Ergebnisse lassen auf ein deutlich höheres Risiko schließen als ursprünglich angenommen. Insgesamt wurden Populationen von 63 Prozent der lateinamerikanischen Papageienarten untersucht.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass der Fang wilder Papageien für den lokalen Handel derzeit besonders stark mit dem Rückgang der Populationen im Zusammenhang steht – ähnlich sieht es beim internationalen Handel aus.

Der internationale Handel ist seit Jahrzehnten eine der Hauptbedrohungen für wilde Papageien, wurden in den 80er und 90er Jahren doch Millionen von Vögeln in Lateinamerika gefangen und in die USA, Europa und Japan importiert.

Intensive Wilderei führte zur lokalen Ausrottung vieler Papageien und ist vermutlich der Hauptgrund dafür, dass es keine wildlebenden Spix-Aras mehr gibt.

Maßnahmen wie der U.S. Wild Bird Conservation Act (1992) oder das EU-Importverbot für Wildvögel (2007) haben den Handel in diese riesigen Märkten stark eingeschränkt, doch Südamerika, Südostasien und der Mittlere Osten spielen nach wie vor eine große Rolle beim legalen und illegalen Handel mit wilden Papageien.

So gibt es der Studie zufolge in Bolivien, Brasilien, Mexiko und Peru einen blühenden Papageienhandel, auch wird von fortgesetzter Wilderei in mehreren anderen Ländern berichtet.

Die Befunde legen nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren nahe, dass dringend wirksame Maßnahmen zum Artenschutz ergriffen werden müssen. Diese sollten vor allem darauf abzielen, die Wilderei bzw. den Fang wilder Papageien für den Handel zu unterbinden.

Auch Papageienpopulationen in direkter Nachbarschaft zu landwirtschaftlich genutzen Flächen müssten stärker geschützt werden.

Publikation

Berkunsky, I., Quillfeldt, P., Brightsmith, D.J., Abbud, M.C., Aguilar, J.M.R.E., Alemán-Zelaya, U., Aramburú, R.M., Arce Arias, A., Balas McNab, R., Balsby, T.J.S., Barredo Barberena, J.M., Beissinger, S.R., Rosales, M., Berg, K.S., Bianchi, C.A., Blanco, E., Bodrati, A., Bonilla-Ruz, C., Botero-Delgadillo, E., Canavelli, S.B., Caparroz, R., Cepeda, R.E., Chassot, O., Cinta-Magallón, C., Cockle, K.L., Daniele, G., de Araujo, C.B., de Barbosa, A.E., de Moura, L.N., Del Castillo, H., Díaz, S., Díaz-Luque, J.A., Douglas, L., Figueroa Rodríguez, A., García-Anleu, R.A., Gilardi, J.D., Grilli, P.G., Guix, J.C., Hernández, M., Hernández-Muñoz, A., Hiraldo, F., Horstman, E., Ibarra Portillo, R., Isacch, J.P., Jiménez, J.E., Joyner, L., Juarez, M., Kacoliris, F.P., Kanaan, V.T., Klemann-Júnior, L., Latta, S.C., Lee, A.T.K., Lesterhuis, A., Lezama-López, M., Lugarini, C., Marateo, G., Marinelli, C.B., Martínez, J., McReynolds, M.S., Mejia Urbina, C.R., Monge-Arias, G., Monterrubio-Rico, T.C., Nunes, A.P., Nunes, F., Olaciregui, C., Ortega-Arguelles, J., Pacifico, E., Pagano, L., Politi, N., Ponce-Santizo, G., Portillo Reyes, H.O., Prestes, N.P., Presti, F., Renton, K., Reyes-Macedo, G., Ringler, E., Rivera, L., Rodríguez-Ferraro, A., Rojas-Valverde, A.M., Rojas-Llanos, R.E., Rubio-Rocha, Y.G., Saidenberg, A.B.S., Salinas-Melgoza, A., Sanz, V., Schaefer, H.M., Scherer-Neto, P., Seixas, G.H.F., Serafini, P., Silveira, L.F., Sipinski, E.A.B., Somenzari, M., Susanibar, D., Tella, J.L., Torres-Sovero, C., Trofino-Falasco, C., Vargas-Rodríguez, R., Vázquez-Reyes, L.D., White Jr, T.H., Williams, S., Zarza, R. & Masello, J.F. (2017) Current threats faced by Neotropical parrot populations. Biological Conservation, 214, 278-287.
https://doi.org/10.1016/j.biocon.2017.08.016



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Bundesamt für Naturschutz (BfN)

Spix Aras sollen in Brasilien bald wieder heimisch werden

Spix Aras (Cyanopsitta spixii) gelten in der freien Natur in Brasilien seit 16 Jahren als ausgestorben. Aber bald schon sollen sie dort wieder heimisch werden - auch mithilfe eines Züchters aus Deutschland
Weiterlesen

Carla und Tiago; Bildquelle: Association for the Conservation of Threatened Parrots e. V.' (ACTP)

In freier Natur ausgestorbener Spix-Ara soll ab 2021 wieder ausgewildert werden

Das Schlüpfen zweier Spix-Ara-Küken im April 2014 bedeutete für den Verein "Association for the Conservation of Threatened Parrots e. V." (ACTP) in Schöneiche (Kreis Oder-Spree) einen spektakulären Zuchterfolg
Weiterlesen

Neukaledonische Krähe hält ein Stöckchen; Bildquelle: Auguste von Bayern

Werkzeuggebrauchende Papageien und Krähen spielen ähnlich mit Objekten wie Kleinkinder

Die Art, wie Spielzeuge gehandhabt und miteinander kombiniert werden, sagt einiges über die kognitiven Eigenschaften des Spielers aus
Weiterlesen

Der endemische Palmenwald des Vallée de Mai ist das Hauptbrutgebiet des Seychellenpapageis; Bildquelle: Seychelles Islands Foundation

Seychellenpapagei: Nationalvogel der Seychellen ist gefährdet

Göttinger Wissenschaftler erheben erstmals systematisch die Population des Kleinen Vasapapageis
Weiterlesen

Fonds für bedrohte Papageien

Tagung des Fonds für bedrohte Papageien

Die 17. Tagung des „Fonds für bedrohte Papageien“ wird am 19. Oktober 2013 im Zoo Frankfurt stattfinden
Weiterlesen

Motorhandlungen zum Entfernen der einzelnen Schlösser; Bildquelle: Alice Auersperg, Universität Wien

Kakadus beweisen technische Intelligenz beim Öffnen von Schlössern

Einem internationalen Team um Alice Auersperg vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien ist es in Experimenten gelungen, die Fähigkeit zum sogenannten "sequenziellen Problemlösen" bei Kakadus zu beobachten
Weiterlesen

Wenn Papageien Geschäfte machen: Goffini-Kakadus handeln mit Nüssen; Bildquelle: Alice Auersperg

Wenn Papageien Geschäfte machen: Goffini-Kakadus handeln mit Nüssen

Dem Team um Alice Auersperg vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien ist es in Tauschexperimenten gelungen, die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung bei Kakadus zu beobachten. Die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes erscheinen aktuell im renommierten wissenschaftlichen Journal Biology Letters
Weiterlesen

Jamaikaamazonen; Bildquelle: Daniel Zupanc

Im Tiergarten Schönbrunn sind ab sofort seltenen Jamaika- und Rotspiegelamazonen zu sehen

Mitte April hat der Zoll am Flughafen Wien Schwechat Eier dieser beiden gefährdeten Papageienarten beschlagnahmt und dem Tiergarten übergeben
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen





[X]
Hinweis zur Nutzung von Cookies

Diese Website nutzt Cookies zur Bereitstellung von personalisierten Inhalten, Anzeigen, Inhalten von sozialen Medien und zur Analyse des Benutzerverhaltens. Die mit Hilfe von Cookies gewonnenen Daten werden von uns selbst sowie von uns beauftragten Partnern in den Bereichen soziale Medien, Online-Werbung und Website-Analyse genutzt. Durch den Besuch unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Mit der weiteren Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr erfahren...