Attraktive eingeschleppte Arten haben es leichter

(07.04.2020) Die Beliebtheit von invasiven Arten erschwert deren Kontrolle

Die äußeren Werte zählen: Ihre Attraktivität – ihr Charisma – hat einen erheblichen Einfluss auf die Einschleppung und das Image gebietsfremder Arten und kann sogar deren Eindämmung behindern.


Das Grauhörnchen ist in der Poebene in Nord-Italien eingeschleppt und verdrängt dort das Eichhörnchen. Bekämpfungsmaßnahmen des Grauhörnchens wurden durch öffentliche Proteste verhindert.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Czech Academy of Sciences und des deutschen Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei mit Beteiligung von Forscher*innen um Franz Essl von der Universität Wien hat den Einfluss von Charisma auf den Umgang mit gebietsfremden Arten untersucht. Die Studie wird in "Frontiers in Ecology and the Environment" veröffentlicht.

Immer mehr Tiere und Pflanzen werden von Menschen aus ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet verschleppt – bewusst und unbewusst. Die meisten davon können sich nicht an die neuen Lebensbedingungen anpassen, manche aber etablieren sich fest. "Einige gebietsfremde Arten werden für heimische Arten zum Problem – als Räuber, Konkurrenten um Nahrung und Lebensraum oder Überträger von Krankheiten", erklärt Franz Essl vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien, einer der Mitautor*innen der Studie.

Als Zierpflanze, Aquarienbewohner oder exotisches Haustier werden charismatische Arten häufiger bewusst eingeschleppt als unscheinbare Spezies, so die Forscher*innen. "Je häufiger die Einschleppungen und je größer die Zahl der jeweils eingeführten Individuen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Art etabliert", sagt Essl.

Attraktive Arten werden gesellschaftlich eher akzeptiert

Die gesellschaftliche Akzeptanz von attraktiven gebietsfremden Arten mit Charisma ist höher als von unattraktiven eingeschleppten Arten.

Das kann zu Akzeptanzproblemen von Naturschutzmaßnahmen führen, die die Ausbreitung einer Art eindämmen sollen: "Ein als schön oder niedlich empfundenes Äußeres kann das Management von gebietsfremden Arten erheblich erschweren, weil dann oft die öffentliche Unterstützung fehlt", bedauert Bernd Lenzner, Mitautor der Studie und Forscher an der Universität Wien. So wurde beispielsweise in Italien das Programm zur Kontrolle des eingeschleppten Grauhörnchens – und zum Schutz des heimischen Eichhörnchens – durch Interessengruppen mithilfe niedlicher Comicfiguren verhindert.

Forscher*innen und Öffentlichkeit sind zugunsten attraktiver gebietsfremder Arten voreingenommen

Die Forschungsschwerpunkte zu gebietsfremden Arten werden weitgehend durch ihre ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen bestimmt. Und doch gibt es einen stärkeren Fokus auf Wirbeltiere als auf Wirbellose sowie auf große und charismatische Arten.

"Das Interesse der Öffentlichkeit und auch der Forschung konzentriert sich überwiegend auf die charismatischen Arten. So können einseitige Wissenslücken entstehen, die dazu führen, dass Schutzmaßnahmen falsch priorisiert werden", bemängelt Lenzner.

Deshalb sei es wichtig, sich den Einfluss von Charisma auf den Umgang mit gebietsfremden Arten bewusst zu machen und Akteur*innen zu sensibilisieren. „Bei der Planung und Umsetzung von Managementmaßnahmen ist dieser Aspekt besonders wichtig. Konflikte, insbesondere wenn sie charismatische Arten betreffen, können aus der offensichtlichen Unvereinbarkeit zweier unterschiedlicher ethischer Perspektiven entstehen: zwischen denen, die dem Schutz des Ökosystems oder der Erhaltung der heimischen Arten Priorität einräumen, und denjenigen, die sich um das Wohlergehen der betreffenden gebietsfremden Art sorgen", unterstreicht Lenzner die Bedeutung der Ergebnisse.

Die Aktivitäten der Menschen rund um den Globus haben in den letzten Jahrzehnten zu einer rasant steigenden Einführung von Arten außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets geführt. Tausende Pflanzen und Tiere sind nun in Regionen ansässig, die sie ohne die Hilfe des Menschen nie erreicht hätten. Um effizient die Bekämpfung von problematischen gebietsfremden Arten durchführen zu können, ist es unerlässlich die Bedeutung von Charisma zu verstehen.

Publikation

Jaric I, Courchamp F, Correira RA, Crowley SL, Essl F, Fischer A, Gonzalez-Moreno P, Kalinkat G, Lambin X, Lenzner B, et al. (2020) The role of species charisma in biological invasions. Frontiers in Ecology and the Environment,
DOI: 10.1002/fee.2195


Weitere Meldungen

Grauhörnchen; Bildquelle: Tim Blackburn

Gebietsfremde Arten nehmen bis 2050 weltweit um 36 Prozent zu

Ein Großteil dieser Neuankömmlinge sind Insekten. Das berichtet ein internationales Team unter der Leitung von Senckenberg-Wissenschaftler Dr. Hanno Seebens heute im Fachmagazin „Global Change Biology“
Weiterlesen

Panamakanal ; Bildquelle: Gustavo Castellanos-Galindo

Suez- und Panamakanal: Hotspots für die Verbreitung invasiver Arten

Invasive gebietsfremde Organismen stellen weltweit eine der Hauptbedrohungen für die Artenvielfalt natürlicher Lebensräume dar
Weiterlesen

Nutrias fühlen sich auch vielerorts in Städten wohl – wie etwa hier neben der hochfrequentierten Karlsbrücke in Prag, wo sie zusammen mit den Wasservögeln reichlich gefüttert werden; Bildquelle: Anna Schertler

Nutria - pelzige Exoten auf dem Vormarsch

Die südamerikanische Nutria wird sich in Europa zukünftig noch weiter ausbreiten
Weiterlesen

Universität Wien

Wie viele invasive Arten vertragen unsere Ökosysteme?

Neobiota begünstigen zukünftigen Biodiversitätsverlust dramatisch
Weiterlesen

Aufnahmen im Gelände zur Populationsdichte der Kaninchen in den oberen Lagen des Kanaren-Kiefernwalds. Anhand einer Vielzahl solcher Ringaufnahmen konnte die Populationsdichte der Kaninchen durch zählen ihrer Exkremente über die gesamte Ins; Bildquelle: Severin Irl

Kaninchen gefährden Pflanzenvielfalt auf Teneriffa

Inseln tragen wegen der vielen nur dort heimischen Arten überproportional zur globalen Biodiversität bei. Diese Arten sind aber auch besonders vom Aussterben bedroht
Weiterlesen

Universität Wien

Invasive Arten bleiben oft lange unentdeckt

ForscherInnen entwickeln Konzept zum Schutz der Biodiversität
Weiterlesen

Mungos (Herpestes javanicus) wurden auf Hawaii eingeführt, um eingeschleppte Ratten in Zuckerrohr-Plantagen (ebenfalls eingeführt) zu bekämpfen.; Bildquelle: Patrick Weigelt

Eingeschleppte Arten bedrohen Tiere und Pflanzen auf isolierten Inseln

Je weiter eine Insel vom Festland entfernt ist, desto mehr vom Menschen eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten beherbergt sie
Weiterlesen

Die Grenzen des natürlichen Lebensraumes einer Spezies entstehen aus dem Zusammenspiel von ökologischen und evolutionären Dynamiken. Der Punkt, an dem eine Spezies sich nicht mehr an einen neuen Lebensraum anpassen kann, wird von nur zwei P; Bildquelle: Polechova

Was die Ausbreitung von Arten in der Natur beschränkt

Was hindert eine Spezies daran, sich an eine immer größere Vielfalt von Lebensbedingungen anzupassen und sich geographisch immer weiter auszubreiten?
Weiterlesen