In warmen Sommern geborene weibliche Bechsteinfledermäuse werden größer, sterben jedoch früher

(07.06.2021) Eine Langzeitstudie Greifswalder Forscher*innen zeigt einen neuen, unerwarteten Effekt des Klimawandels: In warmen Sommern geborene weibliche Bechsteinfledermäuse werden größer.

Als ausgewachsene Tiere haben diese Weibchen jedoch eine höhere Sterblichkeit. Für die Studie wurden Tiere aus vier freilebenden Kolonien individuell markiert. Über einen Zeitraum von 24 Jahren wurden Daten zur Körpergröße und dem Überleben erhoben. Diese wurden in Bezug gesetzt zu den Sommertemperaturen im jeweiligen Geburtsjahr der Tiere.

Die Ergebnisse der Studien sind in Proceedings of the Royal Society B (doi.org/10.1098/rspb.2021.0508) erschienen.

Fledermäuse sind, bezogen auf ihre Körpergröße, extrem langlebige Säugetiere. Sie bringen in der Regel nur ein Jungtier pro Jahr auf die Welt. Wie Primaten, Meeressäuger und Elefanten haben Fledermäuse eine hohe Lebenserwartung bei niedriger Reproduktionsrate. Daher ist das Überleben von Weibchen für den Fortbestand der bedrohten Bechsteinfledermaus entscheidend.


Eine Kolonie weiblicher Bechsteinfledermäuse in ihrem Tagesquartier, einem Fledermauskasten in einem Wald bei Würzburg, Deutschland.

In einem in Unterfranken gelegenen Untersuchungsgebiet haben Forschende über einen Zeitraum von 24 Jahren das Wachstum und die Sterblichkeit weiblicher Bechsteinfledermäuse dokumentiert.

Die Daten wurden in Bezug gesetzt zu den Sommertemperaturen im jeweiligen Geburtsjahr. Es zeigte sich, dass höhere Temperaturen während der Aufzuchtphase im Juni und Juli zu größeren Körpergrößen bei Weibchen führen. Gleichzeitig hatten größere Weibchen eine erhöhte Sterblichkeit über ihr Leben hinweg.

„Das Untersuchungsgebiet in Unterfranken ist besonders geeignet für Forschungen zu den Folgen des Klimawandels. In dem Gebiet steigen die Sommertemperaturen im globalen und deutschlandweiten Vergleich überdurchschnittlich an. Die Auswertung unserer Langzeitdaten zeigt, dass in warmen Sommern geborene ausgewachsene Weibchen eine höhere Sterblichkeitsrate aufweisen. Das ist eine potenzielle Gefahr für den Fortbestand der bedrohten Art. Über die letzten 24 Jahre weist die Populationsentwicklung der beobachteten Fledermauskolonien keinen negativen Trend auf.

Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass sich mit häufiger werdenden warmen Sommern der negative Einfluss großer Körpergröße auf die individuelle Sterblichkeit stärker auf der Populationsebene auswirkt“, berichtet Carolin Mundinger, Hauptautorin der Studie.

Mittels moderner Modellierung bestimmten die Forschenden zunächst das Zeitfenster, in dem das Wachstum der Jungtiere am sensibelsten auf Witterungseinflüsse reagiert. Gleichzeitig wurden die Wetterparameter identifiziert, die dabei die größte Rolle spielen.

Die Ergebnisse zeigen, dass warme Sommer nicht nur zu früheren Geburten führen. Jungtiere, die in warmen Sommern geboren wurden, werden größer. Grund ist, dass bei höheren Temperaturen weniger Energie für die Thermoregulation aufgewendet wird. Die eingesparte Energie steht für das Jungenwachstum zur Verfügung.

„Neben dem Wetter spielt auch die Koloniegröße eine entscheidende Rolle. Je mehr Weibchen gemeinsam in einer Kolonie leben, desto größer wird der Nachwuchs. Dabei ist vermutlich entscheidend, dass Weibchen sich gegenseitig wärmen und somit kalte Witterungsbedingungen abmildern, die die Entwicklung der Jungtiere verzögern würde“, ergänzt Prof. Dr. Gerald Kerth vom Zoologischen Institut und Museum an der Universität Greifswald.

Publikation

Mundinger C, Scheuerlein A, Kerth G (2021): “Long-term study shows that increasing body size in response to warmer summers is associated with a higher mortality risk in a long-lived bat species” in: Proceedings of the Royal Society B, 288: 20210508


Weitere Meldungen

Klaus Hochradel (li.) und Christof Happ vom Institut für Mess- und Sensortechnik arbeiten an einem Kamerasystem, um Schlagopfer rund um Windkraftanlagen automatisiert zu detektieren; Bildquelle: UMIT TIROL/Andreas Friedle

Forschung zum Schutz von Vögeln und Fledermäusen vor Windkraftanlagen

Forscher der Universität UMIT TIROL arbeiten an einem innovativen Kamerasystem, das gefährdete Vögel und Fledermäuse vor den Gefahren durch Windkraftanlagen bewahren
Weiterlesen

Universität Wien

Fleißiger als Bienen: Vögel und Fledermäuse bestäuben Pflanzen der Anden

Bestäuber wie Bienen, Schmetterlinge, Fledermäuse und Vögel haben maßgeblich zur Entstehung der großen Diversität an Blütenpflanzen beigetragen
Weiterlesen

Museum für Naturkunde

Steckt in der DNA der Fledermäuse die Antwort für ein gutes Älterwerden?

Eine neue Studie in Nature Communications zeigt, dass das Alter von Fledermäusen basierend auf DNA-Methylierungsmustern mit hoher Genauigkeit vorhergesagt werden kann
Weiterlesen

Leibniz-IZW

Warum europäische Fledermäuse das White-Nose-Syndrom überleben

Pilzkrankheiten stellen eine große Bedrohung für Tiere dar, da sie nachgewiesenermaßen bereits zu signifikanten Bestandsrückgängen oder zum Aussterben von Arten führten
Weiterlesen

Universität Hamburg

Anpassung an Klimawandel: Fledermäuse versetzen Körper bei Hitze in eine Art Mini-Winterschlaf

Die steigenden Temperaturen durch den Klimawandel bedrohen das Leben zahlreicher Tierarten
Weiterlesen

Museum für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung

Der große Lauschangriff - wie und was hören Fledermäuse?

Eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht wurde, bietet die bislang umfassendste vergleichende Bewertung des Hörvermögens von Fledermäusen
Weiterlesen

Die Männchen der Greisengesicht-Fledermaus, Centurio senex, zeigen eine pelzige Hautfalte, die über die untere Hälfte ihres Gesichts gezogen werden kann; Bildquelle: Prof. Marco Tschapka

Maskierte Verführer in der Balzarena: Paarungsverhalten seltener, singender Fledermausart beobachtet

Die Männchen der extrem seltenen Fledermausart Centurio senex tragen nicht nur während der Coronavirus-Pandemie eine Maske. Offenbar spielt der charakteristische Hautlappen, den sie über ihr Gesicht ziehen können, eine bisher unbekannte Rolle bei der Fortpflanzung
Weiterlesen

Museum für Naturkunde Berlin

Auch Tiere halten Abstand: Kranke Vampirfledermäuse gehen auf Distanz

Durch COVID-19 wurde ‚social distancing‘ zum Begleiter im Alltag. Abstandhalten, wenn man sich krank fühlt, praktizieren allerdings nicht nur Menschen – es kann auch bei Fledermäusen beobachtet werden
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen

02.07.