Sind Häsinnen Rabenmütter?

(01.02.2005) Deutsche Wildtier Stiftung erforscht Lebens- und Aufzuchtbedingungen des selten gewordenen Feldhasen

Zur Osterzeit sind die eigentlich dämmerungs- und nachtak-tiven Feldhasen auf Äckern und Wiesen auch tagsüber zu beobachten. Grund dafür sind die Paarungsrituale, denn schon im Frühling bekommen Feldhasen erstmals Nachwuchs. Die jungen Hasenkinder werden in den ersten Lebenswochen von ihrer Mutter nur einmal täglich einige Minuten lang gesäugt. Vernachlässigen Häsinnen ihre Nachkommen also sträflich?

Auch bei Hasen ist weniger manchmal mehr

Nein, Häsinnen sind sicherlich keine sprichwörtlichen Rabenmütter. Ein häufiger Besuch der Häsin würde vielmehr nur unnötig die Aufmerksamkeit von Füchsen und Greifvögeln auf die Jungen lenken. "Die 'Kontaktvermeidungsstrategie' der Häsin ist somit überlebenswichtig für ihren Nachwuchs. Hasenmütter säugen ihren Nachwuchs immer kurz nach Sonnenuntergang, um möglichst unentdeckt zu bleiben. Die restliche Zeit des Tages verbringen die kleinen Hasen in den ersten Lebenstagen mit Warten. Sie kauern regungslos in kleinen Erdmulden - so genannten Sassen - in der Hoffnung, nicht von ihren Feinden bemerkt zu werden", so Professor Klaus Hackländer, Feldhasen-Experte der Deutschen Wildtier Stiftung.

Milch mit 20 Prozent Fett

Damit die Jungen bei der seltenen Säugung genug Energie und Nährstoffe bekom-men, muss die Hasenmutter Milch mit einem sehr hohen Fettanteil von mehr als 20 Prozent produzieren. Dafür braucht sie viele fettreiche Wildpflanzen und -kräuter, doch diese findet sie heute kaum noch auf landwirtschaftlichen Flächen: Die intensive Landwirtschaft mit ihren Monokulturen lässt keinen Platz für Pflanzenvielfalt.

Ganz besonders wichtig sind deshalb abwechslungsreiche Brachflächen. Das sind Flächen, die aus der landwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen werden und eine Vielfalt an Gräsern und Kräutern aufweisen. Derzeit liegen in Deutschland rund eine Million Hektar landwirtschaftliche Fläche brach, dies entspricht etwa zehn Prozent der gesamten Ackerfläche. Prof. Dr. Hackländer konnte die Bedeutung dieser Brachflächen im Rahmen seines durch die Deutsche Wildtier Stiftung geförderten Habilitationsprojektes erstmals wissenschaftlich belegen: "Auf Brachen finden Hasenmütter genau die Nahrungspflanzen, die ihre Milch nährstoff- und fettreich machen. Brachflächen erhöhen somit die Überlebenswahrscheinlichkeit der Junghasen. Dies zeigt sich an einer höheren Bestandsdichte in Gebieten mit einem hohen Brachflächenanteil", so Professor Hackländer.

Die Saatgutmischung macht's

Im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts "Lebensraum Brache" haben die Deutsche Wildtier Stiftung und ihre Projektpartner bisher 2.400 Hektar Stilllegungsfläche mit speziellen Saatgutmischungen wildtierfreundlich gestaltet. Die für das Projekt zusammengestellten Mischungen, wie z.B. die "Lebensraum I" - Mischung, bieten den Häsinnen ein breites Spektrum an energiereichen Pflanzen, damit sie ihren Nachwuchs mit nahrhafter Milch versorgen können.

Auch auf politischer Ebene kann das Projekt heute schon große Erfolge verzeich-nen: Durch die gesetzlich vorgeschriebene Pflege der Flächen wurden bisher in der Haupt-Aufzuchtszeit im Frühjahr zahlreiche Jungtiere durch das Mähen getötet. Besonders betroffen waren davon auch junge Hasen, die bei Gefahr regungslos in ihrer Sasse verharren. Durch politische Arbeit konnte eine Sperrfrist erwirkt wer-den, die das Mähen von Stilllegungsflächen während der Haupt-Aufzuchtszeit (01. April bis 15. Juli) verbietet. Ein großer und wichtiger Erfolg für die Wildtiere in Deutschland.

Kontakt
Deutsche Wildtier Stiftung

Billbrookdeich 210
22113 Hamburg
Tel: 040 / 73 33 93 32
Fax: 040 / 7 33 02 78

eMail: S.Holst@DeWiSt.de
www.DeutscheWildtierStiftung.de

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