Flaggschiff-Tierarten könnten Binnengewässer schützen

(26.10.2017) Imposante Tiere mit Botschafterpotenzial: Flusspferde, Krokodile, Störe et al.

ForscherInnen vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der Weltnaturschutzunion (IUCN) untersuchen, welche Tierarten als „imposante“ Flaggschiffe in den Fokus von Schutzmaßnahmen gerückt werden könnten, um den Rückgang vieler Arten und Lebensräume in Binnengewässern aufzuhalten.


Das Flusspferd (Hippopotamus amphibius) ist eine der 132 untersuchten imposanten Süßwassertierarten, die das Potenzial zum Flaggschiff haben. | Foto: Pixabay

Wie berechtigt dieser Flaggschiff-Ansatz ist, unterstreicht die aktuelle Studie: 83 Prozent aller gefährdeten Süßwassertierarten der Welt kommen in den gleichen Gebieten vor, wie die untersuchten, „imposanten“ Süßwassertierarten.

Allerdings stehen knapp 60 Prozent dieser potenziellen Flaggschiff-Tierarten bereits selbst auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

Weltweit ist etwa ein Drittel aller Tierarten gefährdet. Öffentlich als schützenswert wahrgenommen werden jedoch vor allem die imposanten, großen Land- und Meerestiere wie Pandas, Elefanten, Eisbären oder Wale. Dabei schreitet der Rückgang der im Süßwasser lebenden Tiere schneller voran, als der ihrer allseits bekannten Pendants an Land und im Meer.

Kartierung der Flaggschiff-Tierarten

Für ihre Untersuchung wählten IGB-Forscherin Dr. Sonja Jähnig, Co-Autorin der Studie, und ihr Team internationaler WissenschaftlerInnen exemplarisch 132 „imposante“, große Süßwassertierarten aus, die im ausgewachsenen Alter mindestens 30 Kilogramm wiegen.

„Flusspferde, Flussdelfine, Krokodile und Süßwasserschildkröten oder große Fischarten wie Störe und Lachse haben das Potenzial, das öffentliche, wissenschaftliche und vor allem politische Bewusstsein für den Artenverlust und die damit einhergehenden Probleme in Binnengewässern zu schärfen“, fasst Sonja Jähnig die Blickrichtung der Studie zusammen.

Die Vorkommen der ausgewählten Tierarten haben die WissenschaftlerInnen kartiert.

Die Karten zeigen, dass 83 Prozent aller gefährdeten Süßwassertierarten der Welt in den gleichen Gebieten vorkommen wie die untersuchten großen Süßwassertierarten – allesamt potenzielle Botschafter für ihr Ökosystem.

Wenn es also gelingt, effiziente Schutzmaßnahmen für diese Flaggschiff-Tierarten zu identifizieren, können gleichzeitig die Lebensräume für viele andere, kleinere Arten erhalten werden.

Schützlinge ohne Schutzgebiete

Die Ausbeutung durch den Menschen gefährdet die großen Süßwassertierarten stark: 94 Prozent der untersuchten Tierarten leiden unter Übernutzung, werden also beispielsweise durch Jagd und Fischerei schneller dezimiert, als sich die Bestände erholen können. 65 Prozent werden durch Eingriffe in ihre Lebensräume bedroht, meist durch den Bau von Staudämmen, und 54 Prozent leiden unter Verunreinigungen durch landwirtschaftliche, industrielle oder häusliche Abwässer.

Dennoch liegen 84 Prozent der Verbreitungsgebiete der 132 untersuchten Tierarten außerhalb von Schutzgebieten.

Dass viele dieser großen Arten in großen Flüssen und Seen leben, erschwert die Schutzbemühungen, erklärt Dr. William Darwall, Leiter der Abteilung Süßwasserbiodiversität bei der IUCN und Teil des Teams: „Süßwasserökosysteme sind stark miteinander vernetzt: ihre Bewohner und deren Bedrohungen können lange Strecken zurücklegen, oft über Schutzgebietsgrenzen hinaus.“

Um diese Tierarten – und mit ihnen ganze Ökosysteme – zu schützen, müssen lokale Schutzzonen, etwa für Laich- und Brutplätze, und großräumige Maßnahmen im gesamten Einzugsgebiet der Flüsse und Seen, die zum Beispiel die Wanderrouten der Tiere berücksichtigen, kombiniert werden.

Und vor allem muss die Ausbeutung dieser Tiere und die Übernutzung ihrer Lebensräume eingedämmt werden.

Publikation

Savrina F. Carrizo, Sonja C. Jähnig, Vanessa Bremerich, Jörg Freyhof, Ian Harrison, Fengzhi He, Simone D. Langhans, Klement Tockner, Christiane Zarfl, William Darwall (2017) Freshwater Megafauna: Flagships for Freshwater Biodiversity under Threat. BioScience, Volume 67, Issue 10, 1 October 2017, Pages 919–927
Lesen Sie die Studie Open Access auf BioScience: https://doi.org/10.1093/biosci/bix099



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